Panorama

Unwetter im Westen, Süden, Osten Polizei erreicht mehr als 700 Vermisste in NRW

Gute Nachrichten aus dem Katastrophengebiet in Nordrhein-Westfalen: Hunderte Vermisstenmeldungen, die bei der Polizei eingegangen waren, konnten geklärt werden. Die Anzahl der Hochwasser-Toten liegt mittlerweile bei fast 160.

Bei der Suche nach Opfern der Unwetterkatastrophe in Nordrhein-Westfalen hat die Polizei mehr als 700 Vermisste telefonisch erreicht. Damit sei eine Vielzahl der Vermisstenmeldungen, die bei der Polizei Köln eingegangen waren, aufgeklärt worden, teilte die Polizei mit. Rund 250 Einsatzkräfte der Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und des Technischen Hilfswerks waren heute im Rhein-Sieg-Kreis und im Kreis Euskirchen im Einsatz, um nach weiteren Vermissten zu suchen. Derzeit werden laut Polizei in der Region noch etwa 150 Menschen vermisst.

Die Zahl der Todesopfer durch die Unwetterkatastrophe in Deutschland liegt mittlerweile bei 157. Wie das Polizeipräsidium in Koblenz am frühen Morgen mitteilte, erhöhte sich die Zahl in Rheinland-Pfalz um weitere 12 auf 110. In NRW wurden mindestens 46 Tote gezählt. Zudem kam ein Mensch bei Überschwemmungen im oberbayerischen Landkreis Berchtesgadener Land ums Leben. Bei neuen Unwettern im Süden und Osten Deutschlands hatte am späten Samstagabend der Kreis Berchtesgadener Land den Katastrophenfall ausgerufen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat bei ihrem Besuch in den vom Hochwasser schwer getroffenen Gebieten in Rheinland-Pfalz schnelle Hilfe angekündigt. "Wir stehen an Ihrer Seite, Bund und Land", sagte sie heute in Adenau im Kreis Ahrweiler. Bund und Land würden dabei Hand in Hand arbeiten. Sie sei gekommen, um sich ein reales Bild von der surrealen, "gespenstischen Situation" vor Ort zu verschaffen, sagte Merkel. "Die deutsche Sprache kennt kaum Worte für die Verwüstung, die hier angerichtet ist."

Immense Regenfälle verursachten am Samstag auch in Teilen Sachsens heftige Überschwemmungen. In der Sächsischen Schweiz waren mehrere Ortslagen von Städten und Gemeinden nicht mehr erreichbar. Besonders betroffen seien Neustadt, Sebnitz, Bad Schandau, Reinhardtsdorf-Schöna und Gohrisch, informierte das Landratsamt am Abend. Die Bahnstrecke zwischen Bad Schandau und dem tschechischen Decin wurde gesperrt. "Die Situation ist angespannt, aber beherrschbar", erklärte das Lagezentrum des Innenministeriums in Dresden.

Hunderte Verletzte, vier Feuerwehrleute unter den Toten

Bundesfinanzminister Olaf Scholz stellte unterdessen Soforthilfen in dreistelliger Millionenhöhe in Aussicht. "Es braucht einen nationalen Kraftakt", sagte der SPD-Politiker der "Bild am Sonntag". Am Mittwoch im Kabinett wolle er zwei Dinge auf den Tisch legen. "Erstens eine Soforthilfe, bei der letzten Flut waren dafür deutlich mehr als 300 Millionen Euro nötig. Da wird jetzt sicher wieder so viel gebraucht", erläuterte Scholz. "Zweitens müssen wir die Grundlage für ein Aufbauprogramm schaffen, damit die zerstörten Häuser, Straßen und Brücken zügig repariert werden. Wie wir von der vorherigen Katastrophe wissen, geht es um Milliarden Euro."

Der Schwerpunkt der Katastrophe in Rheinland-Pfalz liegt im Kreis Ahrweiler. Allein dort kamen nach neuesten Angaben der Polizei Koblenz mindestens 110 Menschen ums Leben. 670 Menschen wurden verletzt. Es wird befürchtet, dass noch weitere Todesopfer und Verletzte hinzukommen. "Wenn Sie die Bilder sehen, wie es da aussieht, kann man nicht ausschließen, dass noch weitere Leichen gefunden werden", hatte ein Sprecher gesagt.

In Nordrhein-Westfalen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer bei 46, darunter waren vier Feuerwehrleute. NRW-Ministerpräsident Armin Laschet, der am Samstag mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier das Katastrophengebiet in Erftstadt besucht hatte, versprach Direkthilfe für die betroffenen Menschen und sagte zu, dass "sehr unbürokratisch Geld ausgezahlt" werde. Steinmeier hatte zu Solidarität und Spenden für die Opfer aufgerufen. "Die Unterstützungsbereitschaft, sie muss anhalten, im Großen wie im Kleinen", sagte er. Für Montag hat sich Bundesinnenminister Horst Seehofer in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz angekündigt.

In der vom Hochwasser besonders betroffenen Ortschaft Erftstadt waren am Samstag erste Aufräumarbeiten angelaufen. Die Bundeswehr begann damit, auf der Bundesstraße 265 die von den Fluten eingeschlossenen Fahrzeuge mit Radpanzern zu bergen. Bewohner können auch wieder Wasser in Maßen benutzen. "Eine Dusche oder eine notwendige Maschine Wäsche sind kein Problem", teilt die Stadt mit. Sollte es zu einem Rückstau des Wassers im Haus oder der Wohnung kommen, müsse der Verbrauch aber wieder reduziert werden. "Bitte lassen Sie insbesondere Geräte nicht unbeaufsichtigt", schreibt die Stadt.

An der von einem Bruch bedrohten Steinbachtalsperre bei Euskirchen fließt das Wasser langsamer ab als erwartet. Fachleute wollen erst am Montag entscheiden, wann die Menschen in den evakuierten Gebieten in ihre Häuser zurückkehren können. Experten gehen weiterhin davon aus, dass zwei Drittel des Wassers in der Talsperre abgelassen sein müssen, bis der Zustand als sicher gelten könne, teilt die Bezirksregierung Köln mit. Morgen werde die Situation neu bewertet. Die Orte Swisttal und Rheinbach unterhalb der Steinbachtalsperre an der Landesgrenze zu Rheinland-Pfalz waren evakuiert worden.

Nach dem Bruch eines Damms der Rur gibt es auch im nordrhein-westfälischen Wassenberg noch keine Entwarnung. Zwar seien sinkende Wasserpegel in allen Ortsteilen zu beobachten, und die Wassermassen könnten zunehmend wieder über die Kanalisation aufgenommen werden. Im teilweise unter Wasser stehenden Stadtteil Ophoven könnten aber weitere Dammbrüche noch nicht mit Sicherheit ausgeschlossen werden, teilte die Stadt mit. "Die Lage ist recht unüberschaubar", sagte ein Feuerwehrsprecher am Morgen. Etwa 700 Bewohner von Ophoven an der Grenze zu den Niederlanden hatten in der Nacht zum Samstag ihre Häuser verlassen müssen. Man prüfe derzeit, welche Bewohner in ihre Wohnungen und Häuser zurückkehren dürfen. Einige Straßen konnten wieder genutzt und an das Stromnetz angeschlossen werden, hieß es bei der Stadt. Auch in der Ortschaft Ohe sei die Stromversorgung überwiegend wiederhergestellt, die Menschen durften teilweise wieder in ihre Wohnungen zurück. Die Vorwarnung für eine Evakuierung in den Ortschaften Effeld und Steinkirchen wurde aufgehoben.

"Das Wasser schießt aus den Bergen"

Nach sintflutartigem Regen war die Feuerwehr im Landkreis Berchtesgadener Land in Oberbayern seit Samstagabend mit Einsatzkräften im Dauereinsatz. Zwei Menschen starben in dem Hochwassergebiet. Ein Opfer starb allerdings an einer natürlichen Ursache, wie Landrat Bernhard Kern am Morgen erklärte. Im Hochwassergebiet müssen weitere Häuser evakuiert werden. Das betreffe einen Teilbereich an der Königsseer Ache, teilte das Landratsamt mit. "Wichtig ist, auf die Anweisungen der Einsatzkräfte zu achten, zügig das betroffene Gebiet zu verlassen und sich zum angeordneten Sammelpunkt zu begeben."

Die Lage sei dramatisch, sagte ein Sprecher der Integrierten Leitstelle Traunstein. Das Wasser schieße aus den Bergen, gleichzeitig stiegen die Pegelstände des Flusses Ache an. Betroffen waren vor allem die Orte Berchtesgaden, Bischofswiesen, Schönau am Königssee, Marktschellenberg und Ramsau im äußersten Südosten Bayerns. Dort trat das Wasser stellenweise über die Ufer und überflutete Straßen. Hänge rutschten ab. Einzelne Häuser mussten deshalb geräumt werden, sagte Rothenbuchner. "Es kommen ständig Notrufe rein", sagte ein Polizeisprecher in Rosenheim.

Schulen und Kitas bleiben in dem Gebiet am Montag geschlossen. Es werde eine Notbetreuung geben, teilt das Landratsamt Berchtesgadener Land mit. Ob die Einrichtungen in den Orten Berchtesgaden, Bischofswiesen, Marktschellenberg, Ramsau und Schönau am Königssee auch am Dienstag geschlossen bleiben müssten, sei noch nicht absehbar. Dies diene zum einen der Sicherheit der Kinder, heißt es als Begründung. Vor allem sollen aber die passierbaren Straßen frei gehalten werden, damit die Einsatzkräfte mit ihren schweren Geräten reibungslos durchkommen könnten.

Im bayerischen Passau steigen die Wasserstände der Flüsse stündlich weiter an. Die Polizei schleppte vorsorglich Autos auf Parkplätzen an der Donau ab, wie eine Sprecherin sagte. Anwohner hätten trotz Hochwasserwarnungen versäumt, ihre Fahrzeuge umzuparken. "Wenn wir sie nicht abschleppten, dann schwimmen die Dinger bis Österreich", so die Polizeisprecherin.

Die Hochwasserlage im Süden und Osten Bayerns bleibt bis in den Montag hinein angespannt. Zwar sollen sich die Niederschläge vielerorts bis in die frühen Abendstunden abschwächen, wie der Deutsche Wetterdienst (DWD) mitteilte. In den betroffenen Regionen sei aber lokal noch mit weiterem Starkregen zu rechnen. Extreme Sturzfluten seien nicht ausgeschlossen. Besonders im niederbayerischen Passau sollten die Wasserstände dem DWD zufolge weiter steigen. Die maximalen Werte würden für die Nacht erwartet.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder, Innenminister Joachim Herrmann und Bundesfinanzminister Olaf Scholz sind am Nachmittag im Hochwassergebiet in Südostbayern eingetroffen. "Wir lassen da niemanden allein, ganz sicher nicht", sagte Söder in Schönau am Königssee. Unabhängig von in Aussicht gestellten Hilfen des Bundes werde man auch in Bayern überlegen, wie man helfen könne. "Wir trauern um alle Opfer, wir beten mit den Angehörigen, wir wünschen allen, die noch betroffen sind, alles Gute", sagte Söder.

Quelle: ntv.de, sbl/chl/dpa/AFP

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