Panorama

Was vom Osten übrig blieb Rotkäppchen ist im Trend

20 Jahre nach dem Mauerfall sind Ostprodukte sehr beliebt. Diese Ostalgie ist nicht die Sehnsucht nach dem alten DDR-System, sondern ein Teil der eigenen Identität.

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Der naseweise Kobold Pittiplatsch (l) und der schulmeisterliche Herr Fuchs (r) sind seit Jahrzehnten Lieblinge der kleinen Fernsehzuschauer, nicht mehr nur in Ostdeutschland.

(Foto: picture-alliance / dpa)

Pittiplatsch wünscht Kindern zur Sandmännchen-Zeit immer noch Gute Nacht. Die Puhdys touren noch. Und mit Rotkäppchen-Sekt wird längst nicht mehr nur in Ostdeutschland angestoßen. Zahlreiche Marken und Köpfe längst vergangener DDR-Zeiten sind 20 Jahre nach der Wende immer noch präsent und haben sich zum Teil inzwischen bundesweit etabliert. Ob DDR-Kochbücher, Ostprodukte-Versandhandel oder "Ossi-Läden" - sie alle profitieren von der DDR-Nostalgie.

Stauen, Schmunzeln, Aha-Effekte: Das Stöbern in einem der zahlreichen Läden für Ostprodukte zum Beispiel in Leipzig weckt bei vielen Ostdeutschen Erinnerungen an vergangene Zeiten, wo "Komet"-Puddingpulver oder das klassische Dederon-Einkaufsnetz zu jedem Haushalt gehörten. Den Ostalgie-Faktor bedienen auch zahlreiche Versandhandel etwa im sachsen-anhaltischen Tangermünde, im thüringischen Hermsdorf oder in Leipzig, die Kunden in ganz Deutschland mit DDR-Erinnerungsstücken und ostdeutschen Spezialitäten beliefern.

Rotkäppchen schluckt Chantré

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Rotkäppchen ist mittlerweile die führende Sektmarke Deutschlands.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Allein aus Ostalgie-Gründen schafft es freilich kein Ost-Produkt, sich auf dem Mark zu behaupten. Rotkäppchen hat es geschafft. Der Sektkellerei gelang es, sich unabhängig vom Ostbonus als Marke zu etablieren. Die einstige DDR-Sektmarke mit Sitz im sachsen-anhaltischen Freyburg ist nicht nur Marktführer in diesem Bereich. Das Unternehmen hat mittlerweile auch die (West-)Marken Chantré, MM, Geldermann und Eckes Edelkirsch geschluckt. Auch andere Produkte wie Spreewald-Gurken oder Spee-Waschmittel haben in westdeutschen Supermarktregalen Einzug gehalten und verkaufen sich so gut wie früher im Konsum-Laden. Mit der "Ostpro" in Berlin und dem "Festival des Ostens" in Schwerin gibt es sogar spezielle Messen für Ostprodukte.

Nach Meinung von Experten ist Ostalgie allerdings keineswegs mit einer Sehnsucht nach dem alten DDR-System gleichzusetzen. Vielmehr hat dies mit der eigenen Identität zu tun - und die kann nicht abgewählt werden wie ein Staatssystem. "Da sich Identität über die eigene Lebensgeschichte bildet, heißt das: Jedes Ostprodukt spiegelt einen Tag oder Erlebnisse in der eigenen Lebensgeschichte", betont der Soziologe Frithjof Hager von der Freien Universität Berlin. Gäbe es dies nicht, "wüsste ein ehemaliger DDR-Bürger heute nicht, wer er eigentlich ist". Würden einem Menschen also alle Dinge genommen, die ihm im Leben wichtig waren oder die eine bestimmte Zeit geprägt haben und deren Erinnerung er mit anderen teilen kann, so würde ein Stück seines Lebens weg brechen. "Daher also die Ostalgie", meint Hager.

Ostalgie-Partys haben Höhepunkt überschritten

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Der Ostprodukteversand wächst.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Und so finden auch heute Ratewütige jede Menge Spaß darin, ihr DDR-Wissen bei einem Ossi-Quiz im Internet zu testen, den ein Chemnitzer Programmierer vor Jahren entwickelt hat. Die 30 Top-Spieler werden in die "Straße der Besten aufgenommen" - die gab es schon zu DDR-Zeiten, nur wurden damals in den Betrieben dort Porträts von besonders fleißigen Werktätigen präsentiert.

Während der eine oder andere Alleinunterhalter als Comedy-Einlage gern noch den DDR-Volkspolizisten mimt, hat die Welle der Ostalgie-Partys ihren Höhepunkt jedoch offenkundig überschritten. DDR-Musik-Klassiker von City oder den Puhdys sind hingegen weiterhin angesagt. Das frühere DDR-Plattenlabel Amiga, das heute zum BMG Musikverlag gehört, brachte in diesem Jahr sogar eine Sammlerausgabe "Die größten DDR-Hits" auf den Markt.

Bestellungen verdreifachen sich

Auch der Berliner Stefan Jauch, der seit gut 13 Jahren einen Ostrock-Versand im Internet betreibt, registriert eine steigende Nachfrage. "Nach dem Mauerfall wollten alle erstmal Udo Lindenberg kaufen und die ganze Westmusik hören", sagt er. "Mittlerweile besinnen sich die Leute aber darauf, dass es früher richtig gute Sachen gab." Musik von früheren DDR-Bands seien heute wieder sehr viel populärer als nach der Wende. "Die Bestellungen haben sich verdreifacht", freut sich Jauch.

Quelle: ntv.de, Andrea Hentschel, AFP