Sexologin Ann-Marlene HenningSchlechter Sex ist oft das kleinste Problem
Von Lauren Ramoser
Ann-Marlene Henning ist Deutschlands bekannteste Sexologin. Seit über 30 Jahren berät sie Menschen in ihrer Sexualität. Die Fragen haben sich dabei kaum verändert, aber die Umstände sind heute andere.
In ihrem neuen Buch beantwortet Ann-Marlene Henning 101 Fragen zu Sexualität. "Das Buch ist auch lustig, weil ich weiß, dass so ein Augenzwinkern in der Sexualität sehr wichtig ist", sagt die gebürtige Dänin im Gespräch mit ntv.de. Doch diese Leichtigkeit, gemeinsames Lachen auch in intimen Momenten, ist für viele Paare nicht leicht zu erschaffen.
Das Kernproblem ist das Schamgefühl und das steht vielen nicht nur bei Lachen und Leichtigkeit im Weg. Oftmals entstehe ein übertriebenes Schamgefühl in frühen Bindungsmustern. "Wenn ich gelernt habe, dass es wehtun wird, mich zu zeigen oder zu sagen, was ich machen möchte, dann sage ich irgendwann nichts mehr", erklärt Henning. "So etwas wieder zu verändern, wird nicht gehen, ohne aus der Komfortzone zu kommen."
Die Sexologin und Paarberaterin empfiehlt, es mit kleinen Schritten zu versuchen. "Ich warte, bis gute Stimmung ist. Und dann spreche ich einen kleinen, gewagten Wunsch an", so Henning. "Gewagt heißt nur, dass ich ahne, dass das Thema auf Widerstand stoßen könnte. Ich mache es aber trotzdem." Für die Umsetzung empfiehlt sie ein Mantra, um die Angst vor Ablehnung zu bekämpfen: "Ich bin im Hier und Jetzt und die Leute werden mich schon mögen." Wenn es gelingt, gewinnt man Selbstvertrauen zurück. Ein kleiner Vorstoß kann also zu einem großen Gewinn führen.
Große Unsicherheit bei kleinen Fragen
Viele der Fragen aus ihrem Buch scheinen zunächst sehr banal: Warum kommen Männer so früh? Gibt es echte No-Gos beim Sex? Wofür ist Intimrasur nötig? Das sei bewusst so gestaltet, sagt Henning, und orientiere sich an ihren Erfahrungen aus der Beratungspraxis.
Denn viele trauen sich nicht, selbst einfache Fragen rund um ihre Sexualität oder ihren Körper zu stellen. "Wenn ich beginne zu fragen, dann falle ich auf, dann oute ich mich in irgendeiner Form", sagt die Sexologin. "Hinter all diesen Fragen steht fast immer: Bin ich normal?"
Diese Unsicherheit in der Sexualität entwickelt sich in den Teenager-Jahren mit der Pubertät, sagt Henning, wie auch andere Bereiche unserer Persönlichkeit. Nur bleiben die Fragezeichen in der Sexualität für viele darüber hinaus bestehen.
Wie ehrlich ist zu ehrlich?
Einige dieser Fragen stellt man sich selbst, andere sollte man mit dem Partner oder der Partnerin besprechen. Der Mut, sie ehrlich auszusprechen, ist nicht leicht zu finden, oftmals aber notwendig. "Wenn ich zum Beispiel Schmerzen habe, dann muss ich sehr ehrlich sein", sagt Henning. Schwieriger wird Ehrlichkeit, wenn es die Partnerperson betrifft. "Ich höre leider auch nicht selten, dass die Leute sagen: Ich mag ihm nicht sagen, er soll mal duschen vor dem Sex", erzählt die Paarberaterin. Ein solches Gespräch ist unangenehm, aber wichtig. "Man übergeht sonst eine eigene Grenze", erklärt sie.
Weniger ehrlich muss man sein, wenn es um das eigene Intimleben geht. "Ich darf die Gedanken darum für mich behalten", sagt Henning. Generell gelte aber: "Ich würde mir wünschen, die Leute wären ein bisschen ehrlicher. Aber wenn es so sehr verletzt, dass ich mich dann zurückziehe, ist es kontraproduktiv", fasst sie zusammen. Für Paare kann es ein schmaler Grat sein, das richtige Maß und die passenden Worte für schwierige Themen zu finden.
Bei einem Thema ist das besonders schwierig: das Aussehen des Partners oder der Partnerin. Der Körper verändert sich mit dem Älterwerden, manche Menschen nehmen in Beziehungen an Gewicht zu. Kommentare können hier schnell kränken. "Wenn man aber eine emotionale Verbindung im Kopf und im Herzen hat, ist es nicht so wichtig, wie der Körper aussieht", erklärt die Sexologin. Und man kann lernen, auch einzelne Teile attraktiv zu finden.
Bei welchen Problemen hilft eine Sexualberatung?
Solche Fragen und Herausforderungen eignen sich für eine Sexualberatung. Denn nicht die Optik sei das primäre Problem. "Oft hat das damit zu tun, dass das Paar nicht mehr in Kontakt steht, sie schauen sich nicht mehr in die Augen", sagt Henning. Generell unterscheidet die studierte Psychologin verschiedene Gruppen von Patientinnen und Patienten. Manche kommen, bevor tiefgreifende Probleme auftauchen. "Die möchten gerne neue Impulse, oder kurz über sich sprechen, bevor es zu spät ist", sagt sie.
Die andere Gruppe seien Menschen mit konkreten Problemen und Fragen zu ihrer Sexualität. "Erektionsverlust, Schmerzen beim Sex, Orgasmus-Probleme oder generell keine Lust zu haben", zählt Henning auf. Wieder andere kommen mit Problemen in der Partnerschaft wie Untreue oder dem Gefühl, sich auseinandergelebt zu haben. Es sei hilfreich, diese Fragen mit jemandem zu besprechen, der sie in ein umfassendes Bild einsortieren kann.
Umgang mit Sex ist neu, die Fragen bleiben gleich
Henning arbeitet seit über 30 Jahren als Sexualberaterin. Eine Zeit, in der sich der gesellschaftliche Umgang mit Sexualität stark verändert hat. Vieles ist vermeintlich freier geworden, schließlich ist Sex im Netz, in Filmen, im Sprachgebrauch, in der Öffentlichkeit omnipräsent. Dennoch sagt sie: "Die Fragen an mich haben sich nicht verändert, die Menschen stehen aber heute unter mehr Druck."
Viele der Menschen, die zu ihr kommen, seien über 50 und damit in einer stressigen Phase ihres Lebens. "Da ist der Mental Load extrem hoch. Die Eltern sind krank, die eigenen Wehwehchen melden sich, die Kinder ziehen gerade aus, das Berufsleben wird weniger, Menopause, Andropause, also die Hormone stellen sich um", zählt Henning auf. Hinzu kommen äußere Faktoren. "Da schlage ich oft vor, dass sie sich nicht überfordern sollen und vielleicht lieber in einem halben Jahr wiederkommen."
Denn bei all dieser Unsicherheit bleibt die Gewissheit, dass die meisten Fragen rund um Sexualität vor allem eins sind: ganz normal.
