Panorama

Peter Kremsner im Interview "Selbst bei 1000er-Inzidenz kein Lockdown nötig"

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Peter Kremsner ist Professor für Tropenmedizin, Reisemedizin und Parasitologie und Direktor des Instituts für Tropenmedizin am Universitätsklinikum Tübingen. Kremsner war zudem auch für die Curevac-Impfstudie verantwortlich.

Einen neuen Lockdown sieht der Tübinger Professor Peter Kremsner nicht. Voraussetzung allerdings: Die älteren Bevölkerungsgruppen sind bis zum Herbst durchgeimpft. Im Gespräch mit ntv.de erklärt der Direktor des Instituts für Tropenmedizin zudem, warum er von Tests für Reiserückkehrer nichts hält und der Curevac-Impfstoff zwar enttäuscht, aber vielleicht dennoch einen Beitrag zur weltweiten Pandemie-Bekämpfung leisten kann.

ntv.de: Die Impfquote sinkt. Man überlegt, wie man bisher Ungeimpfte noch überzeugen kann. Stichwort kostenpflichtige Tests. Was halten Sie davon, den Druck auf Ungeimpfte zu erhöhen?

Peter Kremsner: Besser wäre es, wenn es von selber ginge. Aber grundsätzlich finde ich diese indirekten Methoden gut. Wir müssen die Impfquote erhöhen. Es reicht noch nicht, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung voll immunisiert ist. Das sollten wir deutlich erhöhen und wenigstens alle über 50-Jährigen oder über 40-Jährigen durchimpfen. Die Jüngeren muss man nicht wirklich impfen, die müssen halt dann Tests bezahlen, wenn sie das wollen. Die sind aber auch nicht so gefährdet vor Covid-19.

Wenn man jetzt sagt, Restaurantbesuche nur noch für Geimpfte oder Konzertbesuche nur noch für Geimpfte, ist das nicht eine Impfpflicht durch die Hintertür?

Es ist ja im Moment schon so, dass die 3-G-Regelung gilt. Am besten, man ist doppelt geimpft und zeigt seinen Impfpass. Aber auch als Genesener geht man problemlos durch. Auch als Getesteter. Aber in der dritten Kategorie wird das immer schwieriger werden. Vor allem, wenn man jetzt darüber nachdenkt, dass man die Tests selbst zahlen muss, dann ist das schon ein indirekter Impfzwang.

Die Inzidenz steigt wieder. Gesundheitsminister Jens Spahn sagt, sie könnte auf 800 gehen im Herbst, weil Delta so viel ansteckender ist. Was glauben Sie, wie sieht der Herbst aus, wenn wir die Impfquote jetzt nicht steigern?

Die Inzidenz und die Fallzahlen werden sicher ansteigen. Die steigen ja jetzt schon an. Weil auch die Delta-Variante wesentlich infektiöser ist. Wenn wir aber die Alten durchimpfen, dann ist Covid-19 kein Problem mehr. Wenn die jungen Menschen das kriegen, dann ist das kein Gesundheitsproblem mehr für die gesamte Bevölkerung. Die vulnerablen Gruppen, vor allem die Alten, müssen wir schützen. Sprich impfen. Die Jungen können sich infizieren. Die immunisieren sich damit auf natürlichem Wege.

Wenn Sie von den Alten sprechen, welches Alter meinen Sie denn? Weil bei den sehr alten und vulnerablen Gruppen, da hat man ja schon eine sehr hohe Impfquote.

Ja, und das ist auch sehr gut so. Allerdings ist das auch nur bei uns der Fall. Weltweit ist das beileibe nicht so. Insofern müssen wir global denken. Aber im Wesentlichen ist über 75 so eine Schranke, wo es wirklich absolut tödlich wird. Über 65 tödlich und über 50 ziemlich gefährlich. Für die unter 40-, unter 30-Jährigen ist Covid-19 praktisch ungefährlich.

Glauben Sie, es wird im Herbst einen neuen Lockdown geben?

Das kann man nicht vorhersagen. Aber wenn wir jetzt die Alten impfen: Nein. Selbst wenn wir dann eine Inzidenz von 1000 hätten.

Wir sind noch mitten in der Urlaubszeit. Der Anteil der Reiserückkehrer, die das Virus mitbringen, steigt. Jetzt gibt es den Vorstoß vom Bundesgesundheitsminister Jens Spahn, eine generelle Testpflicht für alle Reiserückkehrer einzufordern. Ist das notwendig?

Das halte ich für absolut nicht notwendig.

Warum?

Ich weiß nicht, was das bringen soll. Die Durchseuchung ist in anderen Ländern zum Teil niedriger, zum Teil höher. Die Delta-Variante ist in ganz Europa die vorherrschende Variante. Also ich weiß nicht, was dahinter steckt.

Also Sie glauben, dass das Reisen erst mal kein Problem ist und dass deswegen nicht die Inzidenzen bei uns steigen?

Wenn man in Gebiete fährt, wo es sehr, sehr viele Covid-19-Fälle gibt, dann ist die Möglichkeit, dass man infiziert wieder zurückkehrt natürlich höher. Das ist ja selbstredend. Aber wenn wir alle Alten und die anderen vulnerablen Gruppen impfen, dann ist Covid-19 kein Problem. Dann können wir hin und her fahren, wohin wir wollen. Und selbst wenn wir viele Infektionen einschleppen, bei den Jungen ist Covid-19 kein Problem.

Sie sind verantwortlich gewesen für die Studien vom Impfstoff von Curevac. Der hat jetzt eine geringe Wirksamkeit gezeigt. Wie geht es jetzt für diesen Impfstoff weiter?

Das wird im Wesentlichen in den nächsten Wochen die europäische Zulassungsbehörde entscheiden. Und klären, ob es zu einer Zulassung kommt oder nicht. Ich bin zuversichtlich, dass der Impfstoff zugelassen wird. Von den Resultaten, die ich kenne und einsehen kann. Das heißt, die Sicherheit und Verträglichkeit ist in Ordnung und die Wirksamkeit ist vorhanden. Leider in einem Ausmaß, wie wir es nicht erwartet haben. Wir sind natürlich alle enttäuscht, aber es gibt eine gewisse Wirksamkeit. Leider auch nicht bei den Alten. Insofern muss man dann überlegen, selbst wenn er zugelassen wird, wo man diesen Impfstoff einsetzen wird.

Aber wer wird diesen Impfstoff dann überhaupt benutzen, wenn man so viele andere Impfstoffe hat, die eine sehr gute Wirksamkeit haben. Durch alle Altersgruppen hinweg?

Das ist ein Problem. Aber solange man Impfstoffmangel hat, also weltweit gesehen, kann man überlegen, wie man gemeinsam mit der Weltgemeinschaft über WHO und andere große Organisationen, diesen Impfstoff einsetzen kann. Wo es vor allem junge Populationen gibt. Aber grundsätzlich ist es so, muss man leider ehrlich sagen, wenn man die besseren Impfstoffe zur Verfügung hat, würde ich immer die nehmen.

Mit Peter Kremsner sprach Nina Lammers

Quelle: ntv.de

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