Panorama

Sieben Maßnahmen, die wirken So könnte die vierte Welle gebrochen werden

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3G am Arbeitsplatz, flächendeckende 2G-Regelung, Impfpflicht für Pflegepersonal: Welche Maßnahmen sind sinnvoll?

(Foto: picture alliance / CHROMORANGE)

Die vierte Welle trifft Deutschland mit voller Wucht. Die Corona-Zahlen steigen rasant, Intensivstationen kommen an ihre Grenzen. Und zu allem Überfluss endet die epidemische Notlage in zwei Wochen. Was also tun? ntv.de zeigt sieben Maßnahmen auf, mit deren Hilfe der Winter gerettet werden könnte.

Die "epidemische Notlage von nationaler Tragweite" soll am 25. November enden - zumindest auf dem Papier. So wollen es Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und auch die Ampel-Parteien SPD, Grüne und FDP, die gerade über die Bildung der nächsten Bundesregierung verhandeln. Nur das Virus scheint andere Pläne zu haben. Denn die Corona-Zahlen steigen in Deutschland wieder drastisch an. Inzwischen liegt die Sieben-Tage-Inzidenz bei 213,7, der höchste Wert seit Beginn der Pandemie. Ein Gesetzesentwurf von Rot-Grün-Gelb soll Abhilfe schaffen. Darin ist von einer Rückkehr zu kostenlosen Corona-Schnelltests, 3G am Arbeitsplatz und finanziellen Hilfen für Kliniken die Rede. Doch reichen diese Maßnahmen? Ein Überblick, wie die vierte Welle noch aufzuhalten wäre.

1. Wiedereinführung kostenloser Schnelltests für alle

Eigentlich war die Abschaffung kostenloser Corona-Tests als Impfanreiz gedacht. Doch die gewünschte Wirkung blieb aus. "Das Auslaufen der Kostenübernahme für Corona-Bürgertests hat augenscheinlich nicht dazu geführt, Impfunwillige zu einer Impfung zu motivieren", kritisiert der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, die Entscheidung. Er und viele weitere Experten fordern daher seit Längerem die Wiedereinführung. Denn gerade in der kalten Jahreszeit mit vielen Freizeitaktivitäten in Innenräumen brauche man wieder niedrigschwellige, kostenlose Testangebote, um die Weiterverbreitung des Virus zu bremsen, sagt Reinhardt.

Das sehen die Ampel-Parteien offenbar ähnlich und wollen die kostenlosen Corona-Tests wieder einführen. Allerdings soll das nicht über die neue Corona-Gesetzgebung geregelt werden, sondern über eine Testverordnung. FDP-Politiker Marco Buschmann hält eine Wiedereinführung für sicher. "In allen Gesprächen, die ich geführt habe, sind wir uns da einig, und deshalb ist es eine gemeinsame Absicht von SPD, Grünen und FDP", sagte er. Auf welchem parlamentarischen Weg dies geschehe, sei aber noch offen.

2. Flächendeckend 2G

In Sachsen und Österreich gilt sie schon: die 2G-Regel. Ungeimpfte können dort im Grunde am öffentlichen Leben nicht mehr richtig teilnehmen. Nur Geimpfte und Genesene dürfen in Restaurants, zum Friseur und zu Veranstaltungen gehen. In Sachsen gilt auch bei Veranstaltungen draußen mit mehr als 1000 Teilnehmern, also zum Beispiel bei Fußballspielen und auf Weihnachtsmärkten, die 2G-Regel. Auch der Berliner Senat plant die flächendeckende Einführung in der Hauptstadt. In Bayern gilt derzeit eine Art "2G-light"-Variante.

Auf eine bundesweite 2G-Regelung verzichtet der Entwurf von SPD, Grünen und FDP. Dabei sei 2G "das richtige Mittel der Wahl - zusätzlich zu der Durchimpfungskampagne", sagt Epidemiologe Timo Ulrichs ntv. "Damit erreichen wir, dass wir die Kontakte bei den Ungeimpften einigermaßen reduzieren und die Virusausbreitung in diesem Bereich hemmen." Das sei zusätzlich auch ein Schutz, damit das Virus nicht in die Gruppe der Geimpften und Genesenen übertragen werde. Denn die hätten auch noch ein Restrisiko, infiziert zu werden. "Die Idee hinter 2G ist, dass man gut durch Herbst und Winter kommt und sich nicht alle Ungeimpften auf einmal infizieren", erklärt Ulrichs. Sonst riskiere man die Überlastung des Gesundheitssystems.

3. 3G am Arbeitsplatz

Statt einer flächendeckenden 2G-Regelung wollen die Ampel-Parteien 3G am Arbeitsplatz einführen. Das bedeutet, dass Arbeitnehmer nur zur Arbeit kommen dürfen, wenn sie geimpft, genesen oder getestet sind. Demnach müssten Ungeimpfte oder Nicht-Genesene vermutlich jeden Tag einen negativen Corona-Test vorlegen. Sowohl Arbeitgeber- als auch Arbeitnehmerverbände befürworten diese Maßnahme. Allerdings seien wesentliche Fragen zu der geplanten 3G-Regel am Arbeitsplatz noch offen, wie die gesundheitspolitischen Sprecherinnen der Fraktionen von SPD, Grünen und FDP deutlich machten. Das betreffe auch die Frage, ob Beschäftigte, die einen Test verweigern, freigestellt werden sollen oder andere Folgen befürchten müssen.

4. Impfpflicht für bestimmte Berufsgruppen

Mit den stark steigenden Corona-Zahlen nimmt auch das Risiko für Impfdurchbrüche zu, besonders bei älteren Menschen. Bei Corona-Ausbrüchen in Pflegeeinrichtungen in Brandenburg und Sachsen-Anhalt sind zuletzt 17 Menschen nach einer Infektion gestorben, viele weitere hatten sich angesteckt. In beiden Fällen war offenbar ein großer Teil der Pflegekräfte ungeimpft. Daher wird nun von Politikern und Experten eine Impfpflicht für Pflegerinnen und Pfleger gefordert.

"Wer nicht geimpft ist, kann und sollte nicht in Alten- und Pflegeheimen arbeiten", sagte Hausärztechef Ulrich Weigeldt der "Wirtschaftswoche". "Das sollte eigentlich vom Berufsbild her bereits eine Selbstverständlichkeit sein, wenn ich mich um schwerstkranke und besonders gefährdete Menschen kümmere." Doch der geschäftsführende Gesundheitsminister Spahn hatte eine Impfpflicht für Pflegepersonal bereits kategorisch ausgeschlossen. "Das halte ich für den größten Fehler in der Corona-Politik neben den mangelnden Tests in den Heimen zu Beginn der Pandemie", sagte Weigeldt. Die Bundesregierung befürchtet jedoch, dass bei einer verpflichtenden Impfung das bislang ungeimpfte Pflegepersonal kündige. Das wäre bei der ohnehin schon dünnen Personaldecke fatal.

5. Testpflicht in Pflegeheimen

Test- statt Impfzwang? Corona-Ausbrüche in Pflegeheimen sollen mit einer Testpflicht für Besucher und Mitarbeiter verhindert werden. Die Gesundheitsminister von Bund und Ländern wollen Pflegeeinrichtungen künftig zu Testkonzepten für den Herbst und Winter verpflichten. Das Personal solle - unabhängig vom Impfstatus - obligatorisch zweimal pro Woche auf Corona getestet werden, heißt es in einem Beschlussentwurf. Besucherinnen und Besucher müssten "ebenfalls unabhängig vom Impfstatus ein negatives Testergebnis vorweisen".

Auch die Ampel-Parteien hatten eine solche Testpflicht zunächst erwogen, dann aber verworfen. Kritik dafür kommt vom Sozialverband VdK. "Nur die tägliche Testpflicht für alle in der Pflege kann die anschwellende Corona-Infektionswelle in Heimen jetzt noch brechen", sagt VdK-Präsidentin Verena Bentele den Zeitungen der Funke Mediengruppe. Darum müsste sie sofort für alle Mitarbeiter von ambulanten Pflegediensten sowie für alle Besucher und Mitarbeiter von Pflegeheimen eingeführt werden. "Jeder weitere Tag ohne sie ist eine Gefahr für das Leben von pflegebedürftigen Menschen."

6. Booster-Impfungen

"Boostern, boostern, boostern" lautete die Devise von Spahn im Kampf gegen die rasant steigenden Corona-Zahlen. Diese Strategie fährt Israel bereits seit August - mit Erfolg. Mittlerweile haben 43 Prozent der Israelis die dritte Impfung erhalten, noch nicht die Mehrheit. Aber die Inzidenz liegt bereits wieder bei unter 50 und sinkt weiter. Mittlerweile konnte die Wirksamkeit auch in einer Studie mit Daten aus Israel bewiesen werden. Demnach schützt der Boostershot zu 92 Prozent vor einer schweren Erkrankung. Zudem stelle eine Booster-Impfung nicht nur den Zustand wieder her, den man nach einer zweiten Impfung hatte, sondern verstärke den Impfschutz sogar nochmal deutlich - etwa um das 20-Fache.

In Deutschland empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) allen ab 70-Jährigen und einigen Risikogruppen eine Auffrischimpfung gegen Covid-19, wenn die Grundimmunisierung mindestens ein halbes Jahr zurückliegt. Das Bundesgesundheitsministerium betont: Grundsätzlich haben alle Menschen in Deutschland Anspruch auf diesen Booster, auch wenn er aktuell nicht von der STIKO für alle empfohlen wird. Wenn es nach dem geschäftsführenden Kanzleramtschef Helge Braun ginge, "müssen wir bis Weihnachten rund 20 Millionen Auffrischimpfungen erreichen", sagte der CDU-Politiker in der ARD. Doch bislang kommt das Boostern bundesweit nur schleppend voran.

7. Verzicht auf Weihnachtsfeiern und Karneval

Endlich wieder normale Weihnachten: Die Hoffnung auf ausgelassene Feiertage mit vielen Freunden und Kollegen war bereits vergangenes Jahr groß, wurde am Ende aber bitter enttäuscht. Dieses Jahr sieht es trotz einer Impfquote von 67 Prozent ähnlich schlecht für große Feiern aus. SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach rät zu besonderer Vorsicht. In der "Rheinischen Post" rief er dazu auf, "möglichst auf betriebliche Weihnachtsfeiern in Innenräumen zu verzichten, an Weihnachten in kleineren Gruppen zu feiern und nicht zum Karneval zu gehen".

Quelle: ntv.de, mit dpa

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