Brandanschlag wirkt weiter nachTausende Berliner wohl noch tagelang ohne Strom und Wärme

Ein Brandanschlag auf das Stromnetz sorgt in Berlin auch an Tag drei für außergewöhnliche Zustände. Zwar ist ein Drittel der betroffenen Haushalte wieder am Netz, viele Menschen können jedoch immer noch nicht zu Hause schlafen. Mittlerweile ist auch die Bundeswehr vor Ort.
Nach dem großen Stromausfall im Südwesten Berlins infolge eines Brandanschlags kommen die Arbeiten zur Wiederherstellung der Versorgung nach Einschätzung der Beteiligten langsam voran. Aber viele Tausend Menschen müssen wohl noch bis Donnerstag ohne Strom in dunklen und kalten Wohnungen oder in Ausweichquartieren ausharren.
Aktuell sind laut dem Betreiber Stromnetz Berlin noch 27.800 Haushalte und rund 1450 Gewerbekunden vom Netz getrennt, am Abend konnten zuletzt 2000 Haushalte wieder angeschlossen werden. Nach mehreren großen Krankenhäusern haben laut Berliner Senat auch die allermeisten Pflegeheime wieder Strom. Dank Notstromaggregaten öffneten etliche Supermärkte, weitere sollen am Dienstag folgen. Handys haben vielfach wieder Netz, weil zahlreiche Mobilfunkmasten wieder in Betrieb sind.
Allerdings blieben rund 20 Schulen geschlossen, die wichtigen S-Bahn-Linien 1 und 7 sind weiter gestört. Viele Unternehmen versuchen, irgendwie zu improvisieren. In zahlreichen Notunterkünften und Anlaufpunkten finden sich immer wieder Menschen ein, um ihr Handy aufzuladen, etwas Warmes zu trinken oder zu essen. Manche übernachten dort auf Pritschen.
Wegner: 100.000 Menschen betroffen
Bei der Bewältigung der Folgen des Stromausfalls erhält die Hauptstadt jetzt Hilfe von der Bundeswehr. Noch am Abend sollte ihr Einsatz zur Betankung von Notstromaggregaten vornehmlich zur Versorgung von Pflegeeinrichtungen beginnen. Die Polizei informiert betroffene Menschen nach eigenen Angaben mit 30 Lautsprecherwagen über die Lage und zeigt auch ansonsten erhöhte Präsenz, um Kriminalität zu verhindern.
Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, zu dem sich eine linksextremistische Gruppierung bekannte, waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen ohne Strom. Nach und nach wurde ein Teil der Kunden wieder angeschlossen. Nach Angaben des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner waren oder sind 100.000 Menschen von dem Blackout betroffen. Berlin hatte am Sonntag eine sogenannte Großschadenslage ausgerufen.
Bei den Ermittlungen zu den Tätern gibt es noch keine Ergebnisse. Die Polizei spricht von sehr umfangreicher Tatortarbeit. Erste Zeugen würden vernommen, Videomaterial etwa der Verkehrsbetriebe BVG ausgewertet. Die sogenannte "Vulkangruppe", die sich zu dem Anschlag in einem Schreiben bekannte, ist den Ermittlern bereits länger bekannt. Sie griff mutmaßlich schon mehrfach etwa Bahnanlagen oder das Stromnetz an.
Politik spricht von Terrorismus
Nach Einschätzung der Bundesregierung ist indes noch nicht sicher, wer hinter dem aktuellen Anschlag steckt. Eine linksextremistische Motivation sei "naheliegend", aber die Ermittlungen liefen noch, sagte eine Sprecherin. Berlins Innenverwaltung hatte das Bekennerschreiben am Sonntag als authentisch eingestuft.
Innensenatorin Iris Spranger sprach - wie zuvor bereits der Regierende Bürgermeister Wegner - von "Linksterrorismus". Täter hätten bewusst und wissentlich in Kauf genommen, dass Menschen zu Schaden kämen. "Jetzt ist es wichtig, dass auch der Generalbundesanwalt hier die Übernahme des Verfahrens prüft." Wegner betonte erneut: "Hier kann man von Terrorismus sprechen, ja, hier muss man von Terrorismus sprechen." Vieles spreche dafür, dieses Verfahren wie von Spranger gefordert abzugeben.
"Nach unserer Einschätzung handelt es sich um einen mit profunden Kenntnissen und dezidiert geplanten Anschlag", sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt der "Bild"-Zeitung. "Der Linksterrorismus ist mit steigender Intensität in Deutschland zurück."
Kritische Infrastruktur ausreichend geschützt?
Der Anschlag und seine weitreichenden Folgen lösten eine Debatte über die Verletzlichkeit sogenannter kritischer Infrastruktur aus. "Unsere kritische Infrastruktur ist angreifbar", sagte Wegner. "Sie ist tagtäglich in ganz Deutschland Angriffen ausgesetzt."
Und gerade in Berlin als Hauptstadt müsse geschaut werden, wie sie noch besser geschützt werden könne. Im ZDF nannte er als Beispiel Sicherheitsdienste oder Videokameras an neuralgischen Punkten. Das Berliner Stromnetz gehört zu den größten Europas und umfasst 35.000 Kilometer Kabel. Nur ein Prozent davon - also etwa 350 Kilometer - verläuft oberirdisch.
Der Regierungschef und seine Innensenatorin kritisierten gleichzeitig, dass viele sensible Informationen auch zum Stromnetz aufgrund von Bundesgesetzen im Internet für jedermann frei verfügbar seien. "In diesem Fall ist Transparenz nicht hinnehmbar", sagte Spranger. Sie mache es Gruppen wie "Vulkan" leicht, Angriffsziele auszuwählen. Der Bund müsse hier handeln und Gesetze ändern, forderte auch Wegner.
Kritik am Krisenmanagement
"Erste Priorität ist jetzt aber erst mal, die Menschen wieder mit Strom und Wärme zu versorgen", unterstrich Wegner. Mit Hochdruck werde an Lösungen gearbeitet. Die aufwendigen Reparaturen seien im Zeitplan. Dieser besagt nach Angaben der Gesellschaft Stromnetz Berlin, bis Donnerstagnachmittag wieder alle Kunden anzuschließen.
Allerdings gibt es am Krisenmanagement auch Kritik. Die Berliner Grünen etwa fordern dringend Verbesserungen beim Katastrophenschutz, der schlecht aufgestellt sei. Und: "Die Frage, die man sich stellen muss, ist: Wie kann es sein, dass ein Brandanschlag an einer einzigen Stelle mit so gravierenden Folgen verbunden ist?", sagte der Grünen-Innenpolitiker Vasili Franco. "Wie kann es sein, dass Zehntausende Berlinerinnen und Berliner für Tage von der Versorgung abgeschnitten werden? So etwas darf nicht passieren." Auch die Linke forderte mehr Krisenvorsorge.