Politik

Seit 15 Jahren aktivAnschläge in Berlin: Wer steckt hinter der "Vulkangruppe"?

05.01.2026, 13:13 Uhr
imageVon Alexander Schultze
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Ein-Polizeibeamter-steht-an-der-Brandstelle-am-Teltowkanal-Nach-dem-Brand-einer-Kabelbruecke-ist-im-Suedwesten-Berlins-fuer-50-000-Haushalte-und-2-000-Gewerbebetriebe-der-Strom-ausgefallen
Polizeibeamter an einer Absperrung vor dem Kraftwerk Lichterfelde nach dem Brandschlag am Morgen des 3. Januar. (Foto: picture alliance/dpa)

Seit gut zwei Tagen sitzen Zehntausende Berliner nach einem Anschlag auf die Stromversorgung im Dunkeln. Die "Vulkangruppe" bekennt sich schnell zu der Aktion. Obwohl seit 15 Jahren viele Anschläge auf ihr Konto gehen, wissen Behörden kaum etwas über sie.

Am Morgen des 3. Januar 2026 kommt es zu einem massiven Stromausfall im Südwesten Berlins. Schnell wird klar, dass es sich dabei nicht um eine technische Panne, sondern einen Anschlag handelt. Und der hat ein enormes Ausmaß und sorgt dafür, dass zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen buchstäblich im Dunkeln sitzen. Der größte Teil von ihnen wird dies noch tagelang tun müssen. Die linksradikale "Vulkangruppe" schickt zeitnah ein Bekennerschreiben an mehrere Medien und veröffentlicht es später auf einschlägigen linken Plattformen. Bereits zum wiederholten Mal reklamiert die Gruppe Anschläge auf wichtige Infrastruktur in und um Berlin für sich. Aber wer verbirgt sich hinter der "Vulkangruppe"? Eine Spurensuche.

Die Täter, die den Brand an einer Kabelbrücke über den Teltowkanal legen, sind "offensichtlich Linksextremisten", sagt Berlins Regierender Bürgermeister, Kai Wegner, am Sonntag. Der Staatsschutz hält das Bekennerschreiben für authentisch. Am Montag erklärt eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums dagegen: "Die Authentizität des Bekennerschreibens ist aus unserer Sicht nicht abschließend geklärt." Eine linksextremistische Motivation sei allerdings "naheliegend". Die Möglichkeit, dass ein staatlicher Akteur hinter dem Brandanschlag stecke, gehöre "zu den hypothetischen Fragen", heißt es weiter.

Im Schreiben teilt die "Vulkangruppe" mit: "Wir haben heute Nacht das Gaskraftwerk in Berlin-Lichterfelde erfolgreich sabotiert." Weiter heißt es: "Stromausfälle waren nicht Ziel der Aktion, sondern die fossile Energiewirtschaft. Bei den weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten Berlins entschuldigen wir uns. Bei den vielen Besitzern von Villen in diesen Stadtteilen hält sich unser Mitleid in Grenzen."

Knapp ein Dutzend Anschläge in 15 Jahren

Es ist ein Höhepunkt in einer langen Reihe von Anschlägen auf neuralgische Infrastruktur in der Bundeshauptstadt und dem angrenzenden Umland. Die beginnt nach Erkenntnissen des Berliner Verfassungsschutzes bereits 2011. Da hat sich die Gruppe laut Verfassungsschutzbericht 2019 vermutlich gegründet. Den Auftakt ihrer Aktionen bildet ein Anschlag auf ein Starkstromkabel am Berliner S-Bahnhof Ostkreuz - einem der meistgenutzten in der Stadt. Es folgen weitere Attacken auf Kabelsätze und Stromkästen der Deutschen Bahn. 2018 trifft es erneut ein Starkstromkabel im Stadtteil Charlottenburg. 6500 Wohnungen und 400 Firmen sind Stunden ohne Strom. 2020 wird ein Kabelschacht des Heinrich-Hertz-Instituts in Brand gesetzt. Allein bis 2019 geht der Landesverfassungsschutz von mindestens acht Fällen von Anschlägen und Sabotageakten der Gruppe aus. Bis März 2024 werden der Gruppe elf Anschläge vorgeworfen.

Die folgenreichste Aktion bisher ist der Brand eines Strommastes nahe der Gigafactory von US-E-Autobauer Tesla in Grünheide. Ähnlich wie aktuell fällt der Strom in vielen Haushalten aus. Vor allem aber steht die Produktion im Tesla-Werk still - eine Woche lang. Der Konzern rechnet mit mehreren Hundert Millionen Euro Schaden. Schon 2021 brennt ein Kabel, das die damals noch im Bau befindliche Fabrik mit Strom versorgt. Zu größeren Schäden kommt es seinerzeit nicht.

In allen Fällen veröffentlicht die sogenannte "Vulkangruppe" Bekennerschreiben. Dabei wählt sie allerdings unterschiedliche Namen. Im Frühjahr 2011 nennt sie sich "Das Grollen des Eyjafjallajökull". Der isländische Vulkan bricht 2010 aus und seine Aschewolke legt den Flugverkehr in Nord- und Mitteleuropa über Tage lahm. Später folgen Bezeichnungen wie "Das Hekla-Empfangskomitee – Initiative für mehr gesellschaftliche Eruptionen" oder "Vulkangruppe Gegen den Fortschritt der Zerstörung". Im Falle des großen Tesla-Anschlags nennt sich die Gruppe "Vulkangruppe Tesla abschalten". Der Berliner Verfassungsschutz geht trotz der vielen Namen davon aus, dass es sich jeweils um die zumindest in Teilen gleiche Autorengruppe handelt. Das legen die Texte der Bekennerschreiben "in Aufbau, Stil und inhaltlichen Aussagen" nahe, heißt es im Bericht von 2019.

Ähnlich wie die Namen variieren die formulierten Ziele der Gruppe. Die wiederkehrende Absicht sei, die Funktionsweise des kapitalistischen Alltags zu durchbrechen. Immer wieder schreibt die Gruppe etwa, die Gesellschaft könne sich "die Reichen" nicht mehr leisten. Aktuell heißt es dazu: "Die Reichen und ihre egozentrische, unsoziale Lebensweise zerstören gerade den Planeten." Laut Berliner Verfassungsschutz sollen die zahlreichen Sabotageakte zudem "die Verwundbarkeit der urbanen Mobilitäts- und Kommunikationsinfrastruktur offenbaren, die öffentliche Ordnung stören und erheblichen Sachschaden anrichten". Darüber hinaus werden Kriege wie in Afghanistan, Waffenexporte, die Erderwärmung, die Transporte von Atommüll oder etwa die mutmaßliche Aufweichung der Grundrechte durch Apps in der Corona-Pandemie angeprangert. Im aktuellen Schreiben wird auch der Energiehunger künstlicher Intelligenz kritisiert.

Obwohl die Gruppe vermutlich seit 15 Jahren existiert, können Ermittlungsbehörden bisher nicht im Ansatz klären, wie viele Menschen dazugehören. Im Verfassungsschutzbericht 2019 heißt es dementsprechend unter "Mitglieder": "unbekannt". Ebenso unklar ist eine etwaige Organisationsstruktur der Gruppe. Der Berliner Verfassungsschutz ordnet die Gruppe auf Basis eines Strategiepapiers aus dem Jahr 2015 dem gewaltbereiten, anarchistischen Spektrum zu. Festnahmen gab es keine. Nicht einmal Verdächtige konnten bisher ausgemacht werden.

Einmal - nämlich im Winter 2023 - glaubt die Bundespolizei an einen Erfolg, berichtet die "taz" seinerzeit. Da werden in der Nacht zum 16. Februar ein Mann und eine Frau an einer Bahnunterführung in Berlin-Adlershof mithilfe eines Hubschraubers aufgespürt. Die Beamten nehmen die beiden Anfang 30-Jährigen fest, die Rucksäcke, einen Benzinkanister und Funkgeräte bei sich haben. Da die beiden zudem in einer Gegend wohnen, die für ihre nach wie vor lebendige linksextreme Szene bekannt ist, sind sich die Polizisten sicher, einen Anschlag verhindert und vielleicht endlich eine Spur zur "Vulkangruppe" gefunden zu haben. Eine Verbindung kann aber im anschließenden Prozess nicht nachgewiesen werden. Und so bleiben nahezu alle Fragen weiterhin ungeklärt.

Quelle: ntv.de

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