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Sechs Tote bei HilfeplangesprächWaren die Morde von Stade ein Angriff auf den Staat?

10.10.2026, 08:34 Uhr imageVon Solveig Bach
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In der Mutter-Kind-Einrichtung sollte gemeinsam nach Lösungen gesucht werden. (Foto: picture alliance/dpa/Jörn Hünecke)

Sechs Menschen sterben, als ein Kinderschutzfall in Stade zur Katastrophe wird. War es ein Sorgerechtsstreit - oder ein gezielter Angriff auf den Staat? Ein Sicherheitsexperte warnt vor einer unterschätzten Gefahr.

Mehr als drei Monate sind seit den tödlichen Schüssen in einer Mutter-Kind-Einrichtung in Stade vergangen. Seit April hatten sich die Vorgänge um ein verletztes Baby immer weiter zugespitzt. Damals waren eine Mutter und ein Vater mit ihrem drei Monate alten Baby in einem Krankenhaus in Hannover erschienen. Das Kind hatte eine Hirnblutung und die Ärzte vermuteten ein Schütteltrauma nach einer Misshandlung. Ein Gericht entschied daraufhin, dass die Mutter mit ihrem Kind in der Stader Einrichtung leben soll. Beide Eltern gingen juristisch dagegen vor. Doch am 29. Juni eskalierte der Kinderschutzfall auf unvorstellbare Weise.

Die Mutter, drei Sozialarbeiter der Mutter-Kind-Einrichtung und weitere drei Mitarbeitende des Jugendamtes der Region Hannover waren für ein sogenanntes Hilfeplangespräch zusammengekommen. Der Vater Fatih Khan G. kam ebenfalls extra mit dem Auto aus Hannover dazu. Was niemand ahnte: Er hatte zuvor in Berlin illegal eine Waffe gekauft. Was dann geschah, beschrieb die niedersächsische Innenministerin Daniela Behrens später auf einer Pressekonferenz als "kaltblütige" Tat. Vier Opfer waren bereits tot, als die Polizei am Tatort eintraf. Ein fünftes Opfer starb trotz Reanimationsversuchen noch vor Ort, ein sechstes erlag später im Krankenhaus seinen Verletzungen. Als Motiv für die Tat vermutete die Lüneburger Polizeipräsidentin Kathrin Schuol, es handele sich um einen Sorgerechtsstreit.

Die Staatsanwaltschaft Stade teilte ntv.de auf Anfrage mit, seitdem hätten sich "keine Anhaltspunkte für weitere oder überlagernde Motive des mutmaßlichen Schützen ergeben". Mattias G. Fischer stellt diese Annahme jedoch radikal infrage. Der Jurist lehrt Sicherheitsrecht an der Hessischen Hochschule für öffentliches Management und Sicherheit (HöMS) in Kassel. "Der mutmaßliche Täter ist ja nicht nach Stade gekommen, um rechtswidrig und gewaltsam sein Kind wieder zurückzubekommen. Offensichtlich hat ihn das Kind gar nicht interessiert, sondern er wollte sechs Personen exekutieren. Und das hat mit einem Sorgerechtsstreit nicht mehr viel zu tun", sagt Fischer ntv.de.

Opfer als Stellvertreter des Staates

Unter Berufung auf Akten und eine polizeiliche Rekonstruktion berichtete Nius nach der Tat, Fatih Khan G. habe die Anwesenden angewiesen, sich hinzusetzen und die Hände auf den Tisch zu legen. Anschließend habe er sie "der Reihe nach" erschossen. Seine Partnerin hatte er zuvor aus dem Raum geschickt.

Welche Motivation er für die Tat und für dieses Vorgehen hatte, kann G. nicht mehr gefragt werden, er suizidierte sich einen Monat nach den Morden in der Untersuchungshaft. Zu diesem Zeitpunkt hatte es allerdings bereits Vernehmungen gegeben. Aus dem nicht öffentlich vorliegenden Vernehmungsprotokoll zitierte Nius einen Satz, den G. dort gesagt haben soll: "Wenn Ihr bereit seid zu töten, dann bin ich bereit zu töten und getötet zu werden." In sein Visier gerieten dabei offenbar die beteiligten Mitarbeitenden der Jugendhilfe als staatliche Akteure.

Für Fischer ist das ein weiterer Beleg dafür, dass es sich bei den Morden nicht um eine Tat aus dem Affekt handelte, sondern um einen geplanten Angriff auf Vertreter des Staates. "Wenn die Tat so einzuordnen wäre, dass sie gegen den Staat, das Rechtsstaatsprinzip, das Gewaltmonopol gerichtet ist, wird da eine besondere Qualität deutlich", so Fischer.

"Gewaltsame Gesetzeslosigkeit"

Für ihn stehen die Morde von Stade in einer Reihe mit dem Anschlag auf den Magdeburger Weihnachtsmarkt und Polizistenmorden aus dem Reichsbürgermilieu oder von kriminellen Clans. Fischer spricht in diesem Zusammenhang von "gewaltsamer Gesetzeslosigkeit", die er eine "unterschätzte Form politischer Kriminalität" nennt.

Das Problem dabei ist, dass die Polizeiliche Kriminalstatistik bisher zwischen vier Kategorien politisch motivierter Kriminalität (PMK) unterscheidet: rechts, links, ausländische Ideologie und religiöse Ideologie. In einer fünften Kategorie wird alles summiert, was sich nicht in eine der vier anderen einordnen lässt. 2025 gab es demnach im Bereich politisch motivierter Kriminalität 17 versuchte und zwei vollendete Tötungsdelikte. Die beiden vollendeten Tötungsdelikte wurden "PMK - religiöse Ideologie" zugeordnet. Wenn im kommenden Jahr die Zahlen für 2026 zusammengefasst werden, würden die Morde von Stade in diesem Teil der Statistik nicht auftauchen.

Dabei ordnet sich der mutmaßliche Täter von Stade Fischer zufolge in eine Gruppe von Menschen ein, die "staatlich gesetzte Grenzen nicht mehr akzeptieren wollen und in ihren eigenen Vorstellungen von richtig und falsch leben". Im Englischen würde man sie als "Outlaws" bezeichnen - Gesetzeslose. Wenn ihnen vom Staat Grenzen gesetzt würden, wie in diesem Fall, als es um den Schutz der Gesundheit des Babys ging, "akzeptieren sie das nicht nur nicht, sondern stellen dann letztlich die Systemfrage". Fischer zufolge ging es Fatih Khan G. darum, ein Exempel zu statuieren. "Das ist als Angriff auf das Rechtsstaatsprinzip, auf das Gewaltmonopol zu bewerten und damit als politisch motivierte Tat."

Weil G. tot ist, wird es kein Gerichtsverfahren gegen ihn geben. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen gegen den 45-Jährigen ein. Aber was wird aus der Frage nach seinem Motiv für sechs Morde? "Wie das bisherige Motiv semantisch zu bewerten ist, dürfte keine Rechtsfrage sein, die in einem Strafverfahren zu beantworten ist", teilte die Staatsanwaltschaft ntv.de mit. Ermittlungen laufen allerdings noch gegen die Mutter des verletzten Babys und gegen die Frau, die den Fluchtwagen des Vaters gefahren und sich vor der Tat mit einer Schilderung des Sorgerechtsstreits aus Sicht der Familie an verschiedene Medien gewendet hatte. Die von Fischer aufgeworfenen Fragen könnten auch für die beiden Frauen gelten.

Neue Bewertung von "Outlaws"

Wobei es dem Sicherheitsexperten um einen grundsätzlicheren Ansatz geht. "Als es aus der Reichsbürgerszene heraus zu Tötungen von Polizeibeamten kam, hatte man zunächst die politische Dimension dieser Taten auch nicht im Blick. Das hat man erst nach und nach gemacht, was zur Folge hatte, dass auch die Verfassungsschutzbehörden die Reichsbürgerszene verstärkt in den Blick genommen haben. Auch bei den Outlaws muss man früher ansetzen." Das wichtigste Ziel dabei sei weniger eine korrekte Klassifizierung der Taten als vielmehr ihre Verhinderung, so der Sicherheitsexperte.

"Wenn man da diesen neuen Phänomenbereich gewaltsamer Gesetzeslosigkeit aufnimmt, hat man bessere Chancen, diesen Bereich überhaupt zu durchleuchten. Mit entsprechender Forschung könnte man erkennen, welche Prozesse da vielleicht eine Rolle spielen, um dann zu verhindern oder es jedenfalls zu versuchen, dass dieser Bereich der politischen Kriminalität nicht noch größer wird." Von 2016 bis 2025 ist die Zahl der prinzipiell politisch motivierten Taten, die jedoch nicht einem bestimmten politischen Spektrum zuzuordnen waren, erheblich gestiegen. 2016 waren es noch 5233 Fälle, 2025 sind 20.934. Darunter fallen im Lauf der Jahre pandemiebezogene Delikte, Wahlplakatbeschädigungen oder bestimmte Formen von Hasskriminalität.

Verschiedene Verfassungsschutzbehörden reagieren bereits auf die sehr komplexe Kriminalitätsentwicklung in diesem Bereich. Sie beobachten mit Sorge eine zunehmende Delegitimierung des Staates. Fischer erfüllt diese Entwicklung mit Sorge. "Wenn Menschen die vom demokratischen Rechtsstaat gesetzten Grenzen nicht mehr akzeptieren und in einer, ich nenne es 'Welt der Gesetzlosigkeit' nur nach eigenen Regeln leben wollen, entsteht dort ein Gewaltpotenzial." Und das kann sich jederzeit entladen, wie in Stade.

Niedersachsens Innenministerin Behrens unterrichtete den Innenausschuss des Landtags Anfang September zu dem Sechsfachmord. Demnach wird weiter an der Aufklärung des "Gesamtgeschehens" gearbeitet. Untersucht würden die Rekonstruktion des Tatablaufs, Herkunft und Beschaffung der Tatwaffe, mögliche Tatbeiträge weiterer Beschuldigter und das Tatmotiv.

Quelle: ntv.de

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