Panorama

Höchste Impfquote und Inzidenz Warum ist Bremen ein Corona-Sonderfall?

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Vor allem in der Stadtgemeinde Bremerhaven ist die Inzidenz sehr hoch.

(Foto: picture alliance / Zoonar)

Bremen hat die beste Impfquote in Deutschland, gleichzeitig aber auch die höchste Corona-Inzidenz. Das eine ist vor allem einer geschickten Regierung zu verdanken, das andere nur zum Teil zu erklären. Wichtiger ist, welche Konsequenzen so eine Situation haben kann.

Deutschland blickt gerade verwundert auf Bremen. Denn obwohl die Hansestadt die höchste Impfquote aller Bundesländer hat, ist dort gleichzeitig die 7-Tage-Inzidenz mit Abstand am höchsten. Bisher kommt Bremen mit der Situation noch ganz gut klar, aber es gibt erste Zeichen, dass es ernst werden könnte.

Aktuell sind schon 78,9 Prozent der Bremer mindestens einmal geimpft, 75,1 Prozent genießen bereits den vollständigen Schutz. Damit steht die Hansestadt weit besser da als die anderen Bundesländer, selbst das zweitplatzierte Saarland kommt nur auf 74,3 und 71,1 Prozent. Das im Mittelfeld liegende Berlin hat gerade mal Quoten von 67,5 und 64,3 Prozent, Schlusslicht Sachsen hat lediglich 57,8 Erst- und 54,9 Prozent vollständig Geimpfte.

Es gibt gute Gründe für den Impferfolg

Der Erfolg ist vielleicht zum Teil auf die Mentalität der Bevölkerung zurückzuführen. Vor allem aber hat der rot-rot-grüne Senat einiges besser gemacht als andere Landesregierungen. Drei Punkte seien entscheidend, sagte Lukas Fuhrmann, Sprecher von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard von der Linken "nd" Anfang August: direkte Ansprache, Information und Aufklärung sowie niedrigschwellige Angebote.

Unter anderem wurden die Bremer von Anfang an entsprechend der Priorisierung gezielt aufgeklärt, Impfberechtigte mussten sich nicht selbst um einen Termin kümmern, sondern erhielten direkt Angebote mit möglichen Terminen.

"Dabei war uns die Mehrsprachigkeit sehr wichtig", so Fuhrmann. "Wir haben in sieben Sprachen, in leichter und Gebärdensprache informiert, um eine große Verbreitung der Informationen hinzubekommen." Außerdem habe man besonders geschulte Gesundheitsfachkräfte in den Stadtteilen eingesetzt, die strukturelle Probleme haben. "Das hat sich absolut ausgezahlt."

80 Prozent im November

Schließlich hat sich Bremen schon im Frühsommer flexibel gezeigt. Während in anderen Bundesländern noch stur und umständlich in Zentren geimpft wurde, schickte Bremen bereits Impfmobile in die sozialen Hotspots und errichtete temporäre Impfräume.

Das klappt bis heute gut. Laut "buten un binnen" könnte das Land bei gleichbleibendem Fortschritt in der ersten Novemberhälfte 80 Prozent seiner Bevölkerung vollständig geimpft haben. Bei Erreichen dieses Wertes möchte der Senat das Stufenmodell mit der Hospitalisierungsinzidenz als neuem Leitindikator nochmal überdenken, das eben erst in Kraft getreten ist.

In Bremens neuem Stufenmodell spielt die 7-Tage-Inzidenz nur noch eine untergeordnete Rolle. Senat und Magistrat behalten sie aber im Blick, wenn es zu entscheiden gilt, ob eine höhere Stufe und damit strengere Corona-Regeln beschlossen werden sollen. Da steigende Fallzahlen zu mehr Hospitalisierungen führen, könnte dies schon bald der Fall sein.

Inzidenzen vor allem in Bremerhaven hoch

Denn trotz seiner hohen Impfquote hat Bremen aktuell eine Inzidenz von rund 121 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner. Damit ist die Hansestadt unter den Bundesländern einsame Spitze, Bayern folgt auf Platz 2 mit knapp 86 Fällen, die anderen beiden "Stadtstaaten" Berlin und Hamburg stehen mit Werten von 74 und 71 wesentlich besser da.

Doch Bremen nimmt eine Sonderrolle ein, denn es besteht aus der mit rund 567.000 Einwohnern größeren Stadtgemeinde Bremen und der 53 Kilometer nördlich gelegenen Stadtgemeinde Bremerhaven, die knapp 114.000 Einwohner zählt. Die sehr hohe Inzidenz hat die Hansestadt vor allem ihrer Hafen-Enklave zu verdanken, die alleine eine 7-Tage-Inzidenz von 297 aufweist. Die Stadt Bremen kommt dagegen nur auf einen Wert von 87.

Soziale Unterschiede, aber viel Armut in beiden Städten

Der Unterschied könnte soziale Ursachen haben. Bremen hatte laut Arbeitnehmerkammer 2018 ein überdurchschnittlich hohes Bruttoinlandsprodukt pro Einwohner von 50.675 Euro. Bremerhaven lag mit 35.484 Euro dagegen deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 40.339 Euro. In Bremen beträgt die Arbeitslosenquote aktuell 10,3 Prozent, in Bremerhaven 12,8 Prozent.

Insgesamt war im Land Bremen laut dem Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbands 2019 ein Viertel der Bevölkerung von Armut bedroht - der höchste Wert aller Bundesländer. In Bremen lag die Quote bei 24,5, in Bremerhaven sogar bei 26,4 Prozent.

Schon in den vorangegangenen Corona-Wellen waren in Bremen besonders die ärmeren Viertel betroffen. "Armut und eine schlechtere Gesundheit hängen leider eng zusammen", sagte Lukas Fuhrmann Ende April "buten un binnen".

Seeleute und Reiserückkehrer

Dass Bremerhaven besonders stark betroffen ist, könnte auch mit seiner Rolle als Hafenstadt zu tun haben. Denn dort seien "viele Seeleute aus verschiedenen Ländern unterwegs, die sich in Kneipen und anderswo unter die Leute mischen", sagte der Bremer Epidemiologe Hajo Zeeb dem "Stern".

Dass Seeleute neben Reiserückkehrern die vierte Welle in Bremerhaven wahrscheinlich kräftig angeschoben haben, berichtete "buten un binnen" schon im August, als sich dort die Inzidenz innerhalb weniger Tage von 29 auf 66 Fälle mehr als verdoppelte. Die Stadt wollte darauf hin Infektionen auf Schiffen im Hafen nicht mehr in die Inzidenz einbeziehen.

Vielleicht bringen Seeleute das Virus nach Bremerhaven, mit dem folgenden Infektionsgeschehen haben sie aber sicher nichts zu tun. Denn wie überall in Deutschland sind dort die Fallzahlen besonders bei Kindern und Teenagern sehr hoch.

Extrem hohe Inzidenzen bei Kindern und Jugendlichen

In der noch laufenden Woche beträgt sie laut CoronaVIS der Universität Konstanz bei den 10- bis 14-Jährigen bereits 351 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner, in der vorangegangenen Woche lag der Wert sogar bei 665 Fällen. Ähnlich sieht es bei den 15- bis 19-Jährigen aus, die eine Inzidenz von 572 aufwiesen, die 5- bis 9-Jährigen kamen auf 409, die 20- bis 24-Jährigen auf 352 Neuinfektionen.

Eine steigende Zahl von Impfdurchbrüchen, wie sie der Virologe Andreas Dotzauer "buten un binnen" als weiteren möglichen Grund nannte, dürfte dagegen kaum einen großen Unterschied machen. Dem Bremer Wochenbericht nach betrug im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung die landesweite Inzidenz der vollständig Geimpften 19,4, die der Ungeimpften 92,8. Laut Dotzauer sind bei den Jüngeren gerade mal 0,3 Prozent der Neuinfektionen Impfdurchbrüche.

Widersprüchliche Schul-Statistiken

Das Problem ist offensichtlich viel mehr die Tatsache, dass Kinder unter 12 Jahren bisher gar nicht geimpft werden können. Außerdem ist die Quote der vollständig Geimpften bei den 12- bis 17-Jährigen mit 36 Prozent auch in Bremen noch nicht allzu hoch.

Die hohen Inzidenzen bei Kindern richten natürlich den Fokus auf Schulen, die offizielle Statistik scheint da allerdings wenig herzugeben. Laut Wochenbericht waren in Bremerhaven zuletzt nur 1,31 Prozent der Covid-19-Fälle auf Infektionen in Schulen, 0 Prozent auf Ausbrüche in Kitas zurückzuführen.

Dies scheint daran zu liegen, dass die Gesundheitsämter so gut wie keine Infektionsketten mehr zurückverfolgen können. Lediglich 19,3 Prozent der Fälle wurden unter "Sonstige einrichtungsbezogene Ausbrüche und Cluster" einsortiert. In Bremen wurden dagegen 27 Prozent der Neuinfektionen Schulen, rund 7 Prozent Kitas und nur 5,4 Prozent sonstigen Ausbrüchen zugeordnet.

Kein Grund, Schulen zu schließen

Virologe Zeeb sieht in den hohen Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen keinen Grund, Schulen zu schließen. Dass die Zahlen bei Ungeimpften jetzt nach oben schnellten, sei nicht unerwartet, sagte er "buten un binnen". Auch sollten keine ganzen Klassen in Quarantäne gehen, sondern nur infizierte Kinder, wie das in Bremen praktiziert werde.

Kinder und Jugendlichen erkranken nur sehr selten schwerer an Covid-19, das sieht auch Zeeb so. "Das zeigt aber auch, wie wichtig es ist, dass es zu Hause Geimpfte gibt, die dann nicht erkranken und vor allem nicht schwerer, falls sie sich doch infizieren", sagt Zeeb. Immerhin sind 87,4 Prozent der über 18-Jährigen im Land schon vollständig geimpft, doch selbst das scheint bei niedrigen Krankenhauskapazitäten vielleicht nicht auszureichen.

Bremerhaven droht höchste Alarmstufe

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Heute wurden in Bremen 37 Corona-Patienten stationär versorgt, 13 liegen auf Intensivstationen, acht werden beatmet. Im Stufenmodell bliebe Bremen mit 1,97 Hospitalisierungen pro 100.000 Einwohner und Woche auf Stufe 0 mit den geringsten Hygienemaßnahmen. Derzeit gilt landesweit Stufe 1. Erst wenn ein Wert an fünf aufeinanderfolgenden Tagen über- oder unterschritten wird, kommt es zu einer Anpassung.

Bremerhaven steht dagegen mit einer Hospitalisierungsinzidenz von 11,45 schon kurz vor der höchsten Stufe 3, die bei einer Inzidenz von 12 gilt. In der rund fünfmal kleineren Stadt werden derzeit 27 Covid-19-Patienten im Krankenhaus behandelt. Elf von ihnen liegen auf Intensivstationen, acht müssen beatmet werden.

Quelle: ntv.de

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