Panorama

Test in Superspreader-Gemeinde Was besagt die Ischgl-Studie?

Die Tiroler Gemeinde Ischgl gilt als eines der Corona-Ausbruchszentren. Urlauber brachten das Virus von dort vielfach in ihre Heimat. Nun haben Mediziner in einer großen Feldstudie die Bewohner untersucht. Dabei kommen sie zu erstaunlichen Ergebnissen. Doch es bleiben Fragen offen.

Warum wurden die Ischgler getestet?

Es handele sich um eine Gemeinde, "die aufgrund sogenannter Superspreading-Events überdurchschnittlich von der aktuellen Corona-Pandemie betroffen" war, schreiben die Wissenschaftler. Wegen der strikten Quarantänemaßnahmen können aus der Querschnittsstudie zudem wichtige Erkenntnisse zu Virus-Ausbreitung und Infektionsverlauf gewonnen werden.

Die österreichische Gemeinde gilt als einer der Hauptverbreitungsorte des Virus in Europa. In der Bar "Kitzloch" hatten sich Anfang des Jahres Hunderte infiziert und dann das Virus in ihre Heimat gebracht. Vom 13. März bis zum 22. April stellten die Behörden die Region dann unter Quarantäne. Weil bereits früher Coronafälle aus der Region bekannt geworden waren, wird der Zeitpunkt der Maßnahmen als zu spät massiv kritisiert.

Wer wurde getestet?

Insgesamt wurden Ende April 1473 Menschen auf das Coronavirus und Antikörper getestet - 1259 Erwachsene und 214 Kinder. Das sind 79 Prozent der Einwohner. Sie leben zusammen in 479 Haushalten. Insgesamt leben in der Gemeinde mehr als 1860 Menschen.

Es ging den Forschern auch um die Prüfung von Untersuchungsmethoden. Für absolute Sicherheit wurde ein dreistufiges Verfahren genutzt. Erst wenn mindestens zweimal entsprechende Eiweißmoleküle, die vom Immunsystem zur Abwehr gebildet werden, nachgewiesen werden konnten, gilt das Testergebnis als zuverlässig.

Was ist die Kernaussage der Ischgl-Studie?

Bei 42,4 Prozent der Getesteten wiesen die Forscher Antikörper im Blut nach. Das heißt, sie waren infiziert. Dies ist der höchste jemals in einer Testreihe nachgewiesene Wert, wie die Medizinische Universität Innsbruck mitteilte. Bei Kindern unter 18 Jahren lag die Quote bei 27 Prozent. Unter dem Strich lag der Anteil der Einwohner, bei denen Antikörper festgestellt wurden etwa sechsmal höher als die Zahl der zuvor positiv auf den Erreger an sich getesteten Menschen in Ischgl.

Zum Vergleich: In einem der ersten Corona-Hotspots in Deutschland, Gangelt im Kreis Heinsberg, waren laut einer Anfang April durchgeführten Studie gut 15 Prozent der Einwohner infiziert oder hatten eine Infektion bereits hinter sich. Den Angaben aus Innsbruck zufolge wiesen vergleichbare Studien für Gröden in Südtirol Werte von 27 Prozent und für Genf von 10 Prozent auf.

Ist damit eine Herdenimmunität in der Gemeinde erreicht?

Nein. Die Forscher weisen aber darauf hin, dass "die Ischgler Bevölkerung doch zu einem Gutteil geschützt sein" dürfte. Bislang überwiegt die Annahme, dass man von einer Herdenimmunität sprechen kann, wenn sich 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung auf natürlichem Wege angesteckt haben. Weil sie nach ihrer Genesung immun sind, könnten sie auch die restlichen 30 bis 40 Prozent schützen, da sie den Erreger wie eine Schutzmauer abblocken.

Wie immun sind Infizierte allgemein?

Das ist noch unsicher. Die Forscher schreiben, es sei zum jetzigen Zeitpunkt offen, wie lange und damit auch wie stark die positiv Getesteten vor einer Infektion geschützt sind. Deswegen empfehlen sie, die Testpersonen zu einem späteren Zeitpunkt erneut zu untersuchen.

Jüngst hatte eine Studie chinesischer Forscher ergeben, dass gerade Infizierte mit einem milderen Krankheitsverlauf wohl eine deutlich geringere Immunität aufweisen. So war in der Untersuchung bei Patienten ohne Symptome schon nach acht Wochen die Anzahl der Antikörper um mehr als 80 Prozent gesunken, bei den Menschen mit Symptomen hingegen nur um 62 Prozent. Zudem wurden bei den asymptomatischen Patienten weniger an der Immunabwehr beteiligte Zellproteine festgestellt, was auf eine schwächere Immunantwort auf das Coronavirus hindeutet.

Wie verliefen die Infektionen bei den Ischglern?

Viele haben den Angaben zufolge erst durch die Antikörper-Tests erfahren, dass sie mit dem Coronavirus infiziert waren. "Das unterstreicht, wie wichtig die Durchführung von Antikörper-Studien ist", sagt Epidemiologe Peter Willeit. So hätten von den positiv auf Antikörper getesteten Personen zuvor nur 15 Prozent die Diagnose erhalten hatten, infiziert zu sein, sagte die Direktorin des Instituts für Virologie, Dorothee von Laer. "85 Prozent derjenigen, die die Infektion durchgemacht haben, haben das unbemerkt durchgemacht." Von ihnen habe etwa die Hälfte zwar schon Symptome gehabt, aber in vielen Fällen derart milde, dass die Infektion beispielsweise als Schnupfen abgetan wurde.

Anhand von Fragebögen zeigte sich den Forschern, dass ein Großteil derer, die nun Antikörper aufwiesen, während der Infektion über Geschmacks- und Geruchsstörungen klagte. Weitere Symptome waren Fieber und Husten. Neun erwachsene Probanden mussten im Krankenhaus behandelt werden. Einer starb. Die positiv getesteten Kinder hatten zumeist keine Symptome.

Was kann die Studie nicht?

Die Mediziner schreiben, dass die Ergebnisse nicht repräsentativ für die österreichische Gesamtbevölkerung seien. Es handele sich hier um eine Leuchtturmstudie, deren Erkenntnisse helfen, zukünftige Untersuchungen besser zu planen und Antikörpertests noch sicherer zu machen, sagt Uni-Rektor W. Wolfgang Fleischhacker. Zudem sagt die Erhebung nichts über die Qualität der Immunität.

Quelle: ntv.de, jwu