Panorama

Mehr Corona-Intensivpatienten Weniger Betten frei als im April

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Corona-Patienten bedeuten für Intensivstationen einen großen personellen Aufwand.

(Foto: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild)

Die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten steigt deutlich an. Problematisch dabei ist, dass bereits so wenig freie Betten zur Verfügung stehen wie zum Höhepunkt der dritten Welle im April. Die Kapazitäten sind dabei nicht unbedingt dort besonders knapp, wo die Inzidenzen am höchsten sind.

Die vierte Corona-Welle nimmt in Deutschland an Fahrt auf, die bundesweite Sieben-Tage-Inzidenz steigt binnen einer Woche von rund 80 auf 110 Fälle. In 12 der 16 Bundesländer gehen die Fallzahlen rauf, besonders stark in Thüringen, Sachsen und Bayern wo die Werte bereits bei 224, 197 und 179 liegen.

Das macht sich inzwischen auch deutlich auf den Intensivstationen bemerkbar, wo die Belegung mit Covid-19-Patienten steil nach oben geht. Bundesweit waren es Anfang Oktober noch rund 1320, jetzt sind es schon knapp 1700.

Wie zu erwarten, ist der Anstieg in den Bundesländern mit rasant zunehmenden Neuinfektionen besonders hoch. In Thüringen hat sich die Anzahl der Corona-Intensivpatienten in diesem Zeitraum von rund 15 auf 50 mehr als verdreifacht, in Sachsen ging die Zahl im gleichen Maß von 40 auf 147 hoch, in Bayern von 255 auf 350.

0,8 Prozent der Infizierten kommen auf die Intensivstation

Aktuell zeichnet sich noch keine Überlastung der Krankenhäuser ab, aber die vierte Welle hat auch erst begonnen. Laut einer Berechnung des medizinisch-wissenschaftlichen Leiters des DIVI-Intensivregisters, Christian Karagiannidis, landen derzeit 0,8 Prozent der registrierten Infizierten auf der Intensivstation.

Problematisch ist dabei, dass schon jetzt so wenige freie betreibbare Intensivbetten zur Verfügung stehen wie Ende April, als mehr als 5000 Menschen mit einer Covid-Infektion intensiv versorgt werden mussten. Heute meldete das DIVI-Intensivregister knapp 2778 freie Betten, am 1. Mai waren es 2885.

Zurückzuführen sind die geringen Kapazitäten auf einen eklatanten Personalmangel. Eine Umfrage unter Intensivmedizinern ergab kürzlich, dass rund ein Drittel der theoretisch betreibbaren Betten deshalb nicht zur Verfügung stehen.

Operationen müssen verschoben werden

Christian Karagiannidis schrieb ntv.de, er habe "die stille Hoffnung, dass uns die Notfallreserve über den Winter retten wird", allerdings müsste man dafür das Personal aus anderen Stationen abziehen. Dies bedeute, alle nicht notwendigen Operationen müssten verschoben werden.

Die Stimmung habe deswegen in den Krankenhäusern bereits einen Tiefpunkt erreicht, so Karagiannidis: "Die ist teils unterirdisch. Es wird einen Kampf geben um die Betten, Chirurgen wollen operieren (zu Recht) und andere Disziplinen ihre Fälle machen. Das wird mit Corona und, wenn wir Pech haben, Influenza konkurrieren." Hier gelte Landesrecht und "aus dem Dilemma kommt man nur mit einer glasklaren Ansage der Gesundheitsminister raus".

Fünf Bundesländer im roten Bereich

Derzeit ist die Lage nicht in den Bundesländern mit den höchsten Inzidenzen am dramatischsten. In Thüringen sind noch 13,6 Prozent der betreibbaren Intensivbetten frei, in Sachsen sind es 14,4 Prozent. In Bayern wird die Luft mit 10,3 Prozent schon dünner, in Kürze wird der Freistaat im roten Bereich unter 10 Prozent sein, den fünf Bundesländer bereits erreicht haben.

Am schlechtesten ist die Situation ausgerechnet dort, wo die Impfquote am höchsten ist. In Bremen, wo rund 81 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Dosis erhalten haben, sind noch 9,2 Prozent der Intensivbetten frei, im Saarland (75,5 Prozent) und Hamburg (73,8 Prozent) sogar nur 8,2 Prozent. "Ausreißer" sind Berlin und Hessen, die mit jeweils 68,9 Prozent nur eine durchschnittliche Impfquote aufweisen, aber auch nur 8,2 Prozent beziehungsweise 9,8 Prozent freie Betten haben.

Knappe Kapazitäten erfordern frühzeitige Planung

Ein Grund dafür könnte sein, dass die Stationen oft auch ohne Corona-Krise aus Kostengründen nahe an der Auslastungsgrenze betrieben werden. So sind laut DIVI in Bremen lediglich 15 von 187 Intensivbetten mit Corona-Patienten belegt. In Hamburg sind es 42 von 469, im Saarland 17 von 359, in Berlin 104 von 1046, in Hessen 153 von 1648.

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Ein Blick auf die Belegung in den Landkreisen zeigt, dass die Lage oft weit dramatischer ist, als sie die landesweiten Werte anzeigen. So sind beispielsweise in Bayern in und um Landshut schon etliche Stationen voll belegt, in Thüringen hat Weimar oder der Kreis Sömmerda keine freien Betten mehr.

Es ist ein deutschlandweiter Flickenteppich, weshalb es im Winter darauf ankommt, die Patienten so zu verteilen, dass alle zur Verfügung stehenden Kapazitäten auch genutzt werden. "Eine strategische Patientenverlegung sollte frühzeitig avisiert werden", riet Karagiannidis Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek, der auf eine "punktuelle Auslastung von Kapazitätsgrenzen" hinwies. Eine frühzeitige strategische Planung sei besser, als auf Sicht zu fahren.

Quelle: ntv.de

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