Erzählungen aus KZs und GettosWertvolles Liederbuch wandert beinahe ins Altpapier

Ein seltenes Liederbuch aus der Holocaust-Zeit taucht in Sydney auf und bewahrt Stimmen, die Vernichtung und Vergessen überdauert haben. Weil Angehörige der ursprünglichen Besitzerin nichts damit anfangen können, sind sie bereit, es wegzuwerfen. Doch dann werden sie aufmerksam.
Ein unschätzbar wertvolles Buch mit jiddischen Liedern aus der Holocaust-Zeit lag jahrzehntelang in einem Schrank in Sydney und wurde beinahe entsorgt. Das berichtet der britische "Guardian" unter Berufung auf die Universität von Sydney, die sich inzwischen um den historischen Fund kümmert.
Die Broschüre "Mima'amakim", was so viel wie "Aus der Tiefe" bedeutet, wurde in Rumänien auf minderwertigem, säurehaltigem Papier in einer Auflage von nur 500 Exemplaren gedruckt. Das Liederbuch enthält zwanzig Kompositionen, darunter einige von Kindern und Jugendlichen, sowie kurze Biografien ihrer Autoren.
Der Herausgeber, der polnische Überlebende Yehuda Eismann, bezeichnete das Werk als "Denkmal für das polnische Judentum". Seine Frau Flora gestaltete den Einband. Jahrzehntelang gerieten die Broschüre und die darin enthaltenen Lieder nahezu in Vergessenheit. Fast alle Exemplare gingen verloren.
Schatz in Bestzustand
2013 tauchte dann ein Exemplar im Nachlass einer kürzlich verstorbenen Holocaust-Überlebenden auf. Die in Polen geborene Olga R., deren Namen auf Wunsch ihrer Familie nicht genannt wird, lebte in einem Vorort von Sydney, wo sie im Alter von 98 Jahren starb. Sie hatte die Broschüre von Bukarest nach Polen und schließlich ans andere Ende der Welt mitgenommen. Ihre Familie konnte kein Jiddisch lesen und wusste nicht, worum es sich handelte.
Sie übergaben sie Joseph Toltz, einem Ethnomusikologen und Dozenten am Musikkonservatorium der Universität Sydney, der sie sofort als Teil einer Sammlung aus den Lagern und Gettos Polens zwischen 1939 und 1944 erkannte. Ein Kurator des United States Holocaust Memorial Museum in Washington, D.C., bestätigte diese Einschätzung später.
Olga R.s Exemplar ist, soweit bekannt, eines von nur wenigen erhaltenen und befindet sich angeblich in dem weltweit besten Zustand. Außerdem enthielt es eine handschriftliche Widmung von Eismann selbst. Olga R. war persönlich an der Zusammenstellung sowohl der Lieder als auch der Zeugenaussagen der Überlebenden beteiligt gewesen, die das ursprüngliche Projekt begleiteten.
Deportationen und Morde
Die in dem Buch enthaltenen Lieder entstanden entweder in den Konzentrationslagern und Gettos oder kurz nach der Befreiung und wurden von Menschen aller Gesellschaftsschichten geschrieben: Ingenieuren, Schneidern, Elektrikern und Dichtern, aber auch Kindern. Wolf Sambol, ein Elektriker aus Rava-Ruska, komponierte "Dos eybike lid" (Das ewige Lied) als Elegie für seine Heimatstadt. "Das dritte Pogrom" stammt von Ayzik Flaysher, einem dreizehnjährigen Waisenjungen. Er sang davon, wie er sich nach der Verschleppung seines Vaters durch die Nazis auf einem eiskalten Dachboden versteckte. Ein weiteres Lied, "Treblinke" (Treblinka), das im Getto von Biała Podlaska gesungen wurde, beschreibt die Deportationen aus polnischen Städten in das Vernichtungslager Treblinka in eindringlicher, unmissverständlicher Sprache. Autor und Komponist sind unbekannt.
Toltz verbrachte gemeinsam mit Anna Boucher mehr als ein Jahrzehnt damit, die Geschichten hinter jedem der zwanzig Lieder aufzuspüren, und konnte in einigen Fällen sogar die noch lebenden Komponisten und Texter selbst interviewen. Der letzte der Mitwirkenden starb 2023, sechs der zwanzig waren in den Konzentrationslagern umgekommen.