Leidenschaft oder Gefahr?Wie Frauen an zerstörerische Partner geraten
Von Solveig Bach
Frauen wünschen sich Geborgenheit - und verlieben sich manchmal in Männer, die ihnen wehtun. Eine Psychologin erklärt, warum Dominanz verführerisch sein kann, wann Zuwendung zur Kontrolle wird und welche Warnzeichen Frauen ernst nehmen sollten.
Wenn Frauen ihren Wunschpartner beschreiben, nennen sie Eigenschaften wie liebe- und respektvoll, verlässlich oder warmherzig. Tatsächlich fühlen sie sich dann aber manchmal von emotional unzugänglichen, unnahbaren oder gefährlichen Männern angezogen und gehen manchmal sogar Beziehungen mit diesen Männern ein. Aber warum?
"Sehr männlich wirkende Männer, die durchsetzungsstark sind und dominant wirken, können psychologisch eine starke Anziehung auf Frauen ausüben", sagt Gilda Giebel ntv.de. "Evolutionspsychologisch lässt sich das unter anderem damit erklären, dass Durchsetzungsfähigkeit, Status und körperliche Stärke über lange Zeit mit der Fähigkeit verbunden sein konnten, Ressourcen zu sichern und Schutz zu bieten." Die promovierte Psychologin hat gerade das Buch "Das Böse im Mann - Über Anziehung, Macht und die Psychologie zerstörerischer Beziehungen" veröffentlicht. "Mit diesem männlichen Selbstbewusstsein können aber manchmal - nicht immer - Eigenschaften einhergehen, die weniger wünschenswert sind und gefährlich werden können", sagt die Autorin.
Die Rede ist von Dominanz- und Kontrollstreben innerhalb der Beziehung, das im schlimmsten Fall sogar in psychische oder physische Gewalt umschlagen kann. "Wenn die Dominanz dahin kippt, dass derjenige wirklich Kontrolle ausüben möchte, sehr eifersüchtig ist, die Partnerin isolieren und Macht über sie ausüben will, dann kann das zu viel Leid führen", so Giebel.
Vorsicht trotz Verliebtheit
Erste Anzeichen für diese Tendenzen gibt es oft schon zu Beginn der Beziehung. Giebel nennt unter anderem das sogenannte Love Bombing, also wenn man extrem mit Komplimenten und Zuwendung überhäuft wird. Ein Warnsignal kann auch sein, wenn die Kontaktfrequenz so hoch ist, dass man quasi gar keine Zeit mehr ohne den Partner hat. Aufmerksam könne man zudem werden, wenn "alles sehr schnell beschleunigt wird, vielleicht schon früh sehr intime Fragen gestellt werden zur Kindheit oder zu möglicherweise sehr intensiven oder sogar traumatischen Erlebnissen". Manchmal werde eine schnelle Schwangerschaft oder Heirat forciert.
"Das ist tückisch, weil man sehr verliebt ist und natürlich viel Zeit mit dem Partner verbringen will", sagt Giebel. "Man wird risikoaffiner und leichtsinniger. Das macht die Liebe mit uns, was ja auch schön ist. Aber man sollte vielleicht doch ein bisschen Vorsicht und Vernunft haben." Wenn aus der anfänglichen Anziehung keine sichere Bindung, sondern eine emotionale Abhängigkeit entsteht, ist man jedenfalls nicht auf dem Weg in eine gesunde Beziehung, mahnt die Expertin.
Die meisten Frauen können zwischen der Fantasie eines dominanten Partners und ihrer eigenen partnerschaftlichen Realität unterscheiden. Das zeigt sich an vielen gesunden Beziehungen und unter anderem an der Vorliebe vieler Frauen für "True Crime"-Formate oder Dark Romance-Literatur. In Dark-Romance-Geschichten können sie sich beispielsweise mit weiblichen Hauptfiguren identifizieren, die Verantwortung abgeben, ohne in der Realität Selbstbestimmung einzubüßen. True-Crime-Formate wiederum ermöglichen eine Beschäftigung mit Gefahr und Täterverhalten aus sicherer Distanz. Gleichzeitig ist ihnen klar, dass die darin gezeichnete extreme emotionale Intensität im täglichen Leben kaum auszuhalten wäre.
Narzissmus oder Bindungsangst?
Auch bei sehr durchsetzungsstarken Männern steht hinter ihrem Handeln nicht immer böse Absicht, sie sind nicht alle Narzissten oder Psychopathen. Hinter emotionaler Distanz oder starkem Autonomiestreben können beispielsweise auch Bindungsängste stehen, die sie vor zu viel emotionaler Nähe zurückschrecken lassen. Doch manchmal wird eben auch mit der Absicht bewusster Manipulation getestet, was man machen kann, damit sich eine Frau so verhält, wie der Mann es möchte - und diese Grenze dann immer weiter verschoben.
Die Unterscheidung muss immer wieder im Einzelfall getroffen werden. Giebel gibt zu bedenken, dass jeder Mensch Phasen von größerer Angst oder mehr Stress hat und dann vielleicht nicht der beste Partner ist. "Schwierig wird es, wenn derjenige sein Verhalten nicht erkennt, sich nicht dafür entschuldigen kann und auch sein Verhalten nicht versucht zu ändern." Bei diesen Männern sei das Destruktive das wiederkehrende Muster. Aber auch in diesen Fällen kann die Bindung an den Partner so stark sein, dass es nicht zur Trennung kommt.
Für Außenstehende ist das nicht immer gut auszuhalten. Trotzdem rät Giebel von direkten Konfrontationen ab. "Das Beste ist, wenn man den Kontakt nicht abbricht und sich mit seiner Meinung erstmal zurückhält, aber man kann schon mal sagen: Hey, ich möchte gern wieder ein bisschen mehr Zeit mit dir verbringen." Schon solche Angebote können eine beginnende Isolation durchbrechen.
Suche nach "green Flags"
Giebel betont, dass Frauen, die dominante Partner wählen, nicht "dumm" sind. Gleichzeitig will sie helfen, die Mechanismen zu verstehen, die hinter einer solchen Wahl stehen können. Oft helfe es schon, wenn die Frau aus der ersten Anziehung nicht auf die große Liebe ihres Lebens schließen würde. Mögliche kriminelle Grenzüberschreitungen oder Übergriffe in der Zukunft seien allerdings "wirklich schwer zu erkennen oder vorherzusagen".
Umso wichtiger ist es, schon bei der Partnersuche nach sogenannten "green Flags" Ausschau zu halten, also Verhaltensweisen, die emotional zugängliche und respektvolle Männer auszeichnen. "Ich finde Zuverlässigkeit wichtig in der Beziehung", sagt Giebel. Das lasse sich oft schon von Anfang an sehen. Diese Männer sind verbindlich, halten sich an Absprachen, sagen beispielsweise Verabredungen nicht immer wieder in letzter Minute ab. Ein zweiter Punkt ist der Expertin zufolge die Antwort auf die Frage: Wie geht der Mensch damit um, wenn ich nicht seiner Meinung bin, wenn ich Nein sage oder Grenzen setze? Ein emotional reifer Mann versuche es in diesen Situationen nicht mit Überredung, sondern akzeptiere das oder diskutiere einen Konflikt auf Augenhöhe aus, ohne sich zurückzuziehen. "Er freut sich mit einer Frau über Erfolge und macht ihr Umfeld nicht schlecht."
Giebel hat für Frauen auch noch eine gute Nachricht. Studien zeigen, dass dominante und durchsetzungsstarke Männer für Frauen eher bei Kurzzeitbeziehungen attraktiv sein können - also für Affären oder One-Night-Stands. Auf lange Sicht entscheiden sich viele dann doch für verlässliche und partnerschaftlich orientierte Männer. Auch Männer legen bei langfristigen Partnerinnen neben Attraktivität großen Wert auf Freundlichkeit, Wärme und Verlässlichkeit. Dominanz spielt dabei eine deutlich geringere Rolle.
