Panorama

Rutenschläge im Namen Gottes Wie "Zwölf Stämme" ihre Kinder züchtigt

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Mitglieder der Glaubensgemeinschaft "Zwölf Stämme" demonstrieren 2004 in der Innenstadt von Donauwörth mit Transparenten und Musik gegen die Verhaftung von Mitgliedern ihrer Gemeinschaft.

(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Am Wochenende verschwindet die elfjährige Shalomah aus ihrem Heimatort in Bayern. Die Spur führt schnell nach Tschechien zur Sekte "Zwölf Stämme". Die geriet in der Vergangenheit bereits häufiger in die Schlagzeilen. Denn Prügelstrafen und psychischer Drill stehen bei den Anhängern auf der Tagesordnung.

Der Fall der verschwundenen Shalomah Hennigfeld sorgt am Wochenende deutschlandweit für großes Aufsehen. Die elfjährige Schülerin kehrt im bayerischen Ort Holzheim-Dillingen vom Joggen nicht wieder ins Wohnhaus der Pflegeeltern zurück. Ein Großaufgebot von Einsatzkräften sucht mit Spürhunden und Polizeihubschraubern mit Wärmebildkameras nach dem vermissten Mädchen. Bereits am Sonntag äußert ihr Pflegevater gegenüber der "Bild"-Zeitung den Verdacht, dass Shalomah mit höchster Wahrscheinlichkeit von ihren leiblichen Eltern abgeholt worden ist. Sie gehören der Sekte "Zwölf Stämme" an, die sich in Tschechien aufhält. Heute bekommt er schließlich Gewissheit.

Ein Sektenmitglied soll den Pflegeeltern dem Bayrischen Rundfunk zufolge mitgeteilt haben, dass sie sich keine Sorgen machen müssten. Shalomah gehe es gut, heißt es laut dem Bericht in einer Mail, die mit "Freunde von Levi" unterschrieben ist.

Levi ist der Bibel zufolge der Name einer der zwölf Stämme Israels, die auf die Jerusalemer Urgemeinde zurückgehen. Diese Gemeinschaft bildete sich nach der Kreuzigung Jesu und verkündete den Israeliten und allen übrigen Völkern die Auferstehung Jesu Christi. In dieser Tradition sieht sich auch die Sekte "Zwölf Stämme", die sich Anfang der 1970er-Jahre in den Vereinigten Staaten gründete. Die Zahl der Mitglieder wird auf der ganzen Welt auf 2000 geschätzt. In Deutschland sollen es zeitweise bis zu 150 gewesen sein.

Die bibeltreue Gemeinschaft legt das Buch der Bücher sehr streng aus. Für deutsche Behörden zu streng. In dem Erziehungshandbuch der Sekte wird das Alte Testament zitiert. "Wer die Rute spart, hasst seinen Sohn, wer ihn liebt, nimmt ihn früh in die Zucht." Zudem sollen die Kinder "unbeeinflusst von modernen Strömungen" strikt nach biblischen Grundsätzen aufwachsen. Staatlicher Schulunterricht wird unter anderem wegen des Sexualkundeunterrichts und der Vermittlung der Evolutionslehre abgelehnt.

Körperliche Misshandlung als Erziehungsmethode

So gerät die Glaubensgemeinschaft erstmals 2003 mit der bayerischen Justiz in Konflikt. Verfahren werden wegen der versäumten Schulpflicht eingeleitet, Bußgelder in Höhe von 130.000 Euro verhängt, die allerdings nie bezahlt werden. Zehn Jahre später folgt die nächste schockierende Enthüllung über den Umgang der Sekte mit ihren Kindern: Das RTL-Magazin "Extra" zeigt 2013 versteckt aufgenommene Filme, auf denen Frauen verschiedenen Kindern in einem Kellerraum mit Weidenruten mehrmals auf den nackten Hintern schlagen.

Zwölf-Stämme-Sekte
  • Die Zwölf Stämme (The Twelve Tribes) sind eine urchristliche Glaubensgemeinschaft, die in den 1970er-Jahren in den USA gegründet wurde.

  • Ihre Anhänger leben streng nach der Bibel, die sie wortwörtlich auslegen. Grundlage ihres Lebens ist der Gehorsam zu den Worten Jahschuas, des Messias.

  • Die Mitglieder leben und arbeiten in streng hierarchisch aufgebauten Kommunen zusammen.

  • Alle tragen lange Haare und wallende Kleider, sie glauben, dass die Welt 2026 untergeht, dass alle vom Satan besessen sind.

  • Sie weigern sich aus "Gewissensgründen", ihre Kinder in staatliche Schulen zu schicken - ein Grund ist der Sexualkundeunterricht.

  • Die Gemeinschaft hat weltweit schätzungsweise 2000 Mitglieder, darunter etwa 1200 Kinder. In Deutschland lebten zwischenzeitlich ungefähr 150.

Anhänger der "Zwölf Stämme" sehen diese Schläge nicht als Misshandlungen an, sondern als "Züchtigungen entsprechend unseren Erziehungsmethoden". In einem Vortrag erklärt Sektenführer Gene Spriggs im Jahr 2000: "Unsere Kinder wurden aufgezogen mit der Rute der Korrektur, wir streiten das nicht ab." Und: "Wenn wir dafür ins Gefängnis gesteckt werden, dann gehen wir ins Gefängnis, weil wir wissen, dass wir recht tun und unsere Kinder in Liebe disziplinieren." Er zitiert zudem mehrere Bibelstellen, unter anderem: "Torheit steckt dem Knaben im Herzen; aber die Rute der Zucht wird sie fern von ihm treiben." (Sprüche 22,15).

Menschen, die gegen "Kinds-Disziplinierung" in seinem Sinne sind, bezeichnet der Sektenchef als "Gottlose". Daran glauben seine Jünger offenbar. Das bleibt in Deutschland nicht ohne Konsequenzen. Im September 2013 nehmen Beamte im bayerischen Klosterzimmern und im fränkischen Wörnitz rund 40 minderjährige Kinder der Sekte in staatliche Obhut. Aufgrund von "deutlichen körperlichen Züchtigungen und seelischen Misshandlungen" werden sie in Pflegefamilien und Kinderheimen untergebracht, weil das zuständige Gericht das Wohl der Kinder gefährdet sieht. Gegen mehrere Sektenmitglieder werden später Bewährungsstrafen verhängt.

"Wenn ich Gott gefallen möchte …"

Das wichtigste Ziel der Erziehung sei es, die Kinder unter Kontrolle zu bringen und die Kontrolle aufrechtzuerhalten, sagte Robert Pleyer im Gespräch mit ntv.de. Er selbst war 20 Jahre lang Mitglied der "Zwölf Stämme" und verarbeitete 2014 seine Erlebnisse in dem Buch "Der Satan schläft nie: Mein Leben bei den Zwölf Stämmen".

Als junger Lehrer muss Pleyer seine Schüler Tag für Tag in eigens dafür vorgesehenen "Disziplinarräumen" züchtigen. Auf jeden Ungehorsam folgen vier bis fünf Hiebe auf den Po - verabreicht mit dünnen Weidenruten. "Man muss verstehen, dass in solchen Gruppen Begriffe neue Bedeutungen bekommen. Das heißt, wenn ich Gott gefallen möchte, dann muss ich auch Sachen tun, die mir nicht gefallen", erklärte der Aussteiger.

Es habe lange gedauert, bis Pleyer verstand, welchem Irrglauben er erlegen sei und dass bedingungsloser Gehorsam die Kinder geistig und emotional verkümmern ließe. Dass ihnen die Fähigkeit genommen werde, jemals in ihrem Leben eigene Entscheidungen zu treffen. Viel mehr noch als der körperliche Drill schade den Kindern der "psychische Knacks", glaubt Pleyer. "Weil sie sich in der Sekte nicht frei entfalten können, kein eigenes Gedankengut, keine eigenen Meinungen haben dürfen. Stattdessen findet alles in Wir-Gedanken statt."

Shalomahs leiblicher Vater propagierte Prügel

Zu dieser Einsicht scheint der Vater der vermissten Shalomah Hennigfeld nie gekommen zu sein. In einem TV-Beitrag über die Sekte hatte er sich "Bild" zufolge bedenklich über die Erziehungsmethoden geäußert: "Die Bestrafung von Kindern mit der Rute ist der Wille Gottes. Das tut eine Minute weh. Es ist ja nur eine kleine Rute. Die eigene Hand zu erheben, ist viel schlimmer", zitiert ihn das Blatt. Daraufhin sei das Jugendamt eingeschritten und habe Hennigsfelds Kinder in die Obhut von Pflegefamilien übergeben.

Zu Beginn des Jahres 2017 übersiedelten die letzten Mitglieder der fundamental-christlichen Gemeinschaft nach Skalná in Tschechien. Dort ist die körperliche Bestrafung von Kindern nicht ausnahmslos untersagt. Einige der Kinder sind zu der Sekte zurückgekehrt, nachdem sie volljährig geworden sind. Dann können Personen frei entscheiden, wo sie sich aufhalten. Shalomah ist allerdings erst elf Jahre alt und steht deshalb weiter unter der Fürsorgepflicht des Jugendamtes.

Nach den neuen Erkenntnissen werde heute nicht weiter nach Shalomah gesucht. Ermittlungen, ob sich das Kind tatsächlich in einer der beiden Sektengemeinschaften in Tschechien aufhalte, stünden nun im Vordergrund, sagte ein Polizeisprecher der Kripo Dillingen dem Bayrischen Rundfunk.

Quelle: ntv.de

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