Panorama

Maßnahmen zur Eindämmung Wie sinnvoll sind "Corona-Ferien"?

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Der Deutsche Lehrerverband schätzt, dass derzeit bundesweit rund 100 Schulen und Kitas von tage- oder wochenweisen Schließungen betroffen sind.

(Foto: picture alliance/dpa)

Lässt sich das Coronavirus eindämmen, wenn Schulen und Kindergärten bundesweit geschlossen werden? Experten streiten über diese Frage. Einige fordern seit Tagen bundesweite Schulschließungen, andere warnen vor den verheerenden Folgen. Was spricht dafür und was dagegen?

Südkorea hat den Start des neuen Schuljahres nach hinten verschoben, in Italien und Japan sind Bildungseinrichtungen gleich landesweit dicht, und in Frankreich bleiben viele Schüler zu Hause. Weltweit fällt zurzeit für mehr als 300 Millionen Schüler wegen der Ausbreitung des Coronavirus der Unterricht aus, sagt die Unesco und schlägt Alarm: Dies sei "eine noch nie dagewesene Zahl". Die Schulschließungen in 15 Ländern könnten, wenn sie länger andauern, sogar das Recht auf Bildung gefährden, warnt die UN-Behörde. Wie sinnvoll ist also diese drastische Maßnahme, um die Coronavirus-Pandemie einzudämmen?

In Deutschland gilt derzeit: Sobald es eine bestätigte Erkrankung mit Covid-19 in einer Schule oder Kita gibt, wird diese vorübergehend geschlossen. So hat es etwa das bayerische Gesundheitsministerium verfügt. Auch wer aus einem Risikogebiet - zum Beispiel Norditalien - zurückkehrt, soll nach dem Willen der Behörden in München zunächst 14 Tage keine Schule oder Kindertagesstätte besuchen.

Der Nürnberger Kinderarzt Michael Kandler kritisiert das Vorgehen der bayerischen Staatsregierung. Er zweifelt am Sinn einzelner Schulschließungen. Dies sei nur ein "Hinterherrennen", sagte Kandler dem Bayrischen Rundfunk. Landesweite Schulschließungen hätten viele Vorteile: Der öffentliche Nachverkehr würde entlastet, da dann weniger Personen unterwegs wären. Weniger Personen bedeuteten wiederum, dass der Abstand zu Mitreisenden leichter einzuhalten sei. Geschlossene Schulen seien ein Zeitgewinn, so Kandler, denn: "Ausweichen werden wir der Verbreitung des Virus nicht können".

Ähnlich sieht das der Virologe Alexander Kekulé von der Martin-Luther-Universität in Halle. Er forderte bereits vor einer Woche 14-tägige "Corona-Ferien". Neben der Absage von Großveranstaltungen und der Reduzierung von Reisen seien bundesweite Schul- und Kitaschließungen die einzige Möglichkeit, das Virus noch einzudämmen.

"Enorme Auswirkungen auf das Gesundheitssystem"

Erste Datenanalysen zeigen jedoch: Anders als bei der Grippe sind Kinder bei Covid-19 wahrscheinlich keine bedeutsamen Treiber für die Ausbreitung des Virus in der Gemeinschaft. Die Weltgesundheitsorganisation WHO geht davon aus, dass Kinder nach einer Ansteckung mit Sars-Cov-2 nur selten deutliche Symptome entwickeln. Anzunehmen ist demnach auch, dass Kinder sich vor allem bei Erwachsenen anstecken - Erwachsene aber umgekehrt kaum bei Kindern.

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Virologin Ulrike Protzer von der Technischen Universität (TUM) und vom Helmholtz Zentrum München hält Schulschließungen nur dann für sinnvoll, wenn man Hygiene-Maßnahmen nicht gewährleisten kann. "Aber man muss die enormen Auswirkungen auf die Wirtschaft und vor allem auch auf das Gesundheitssystem bedenken, wenn die jungen Eltern dann nicht mehr zur Arbeit gehen können, sondern sich um ihre Kinder kümmern müssen."

Die gleichen Bedenken äußert auch Gesundheitsminister Jens Spahn. Er sieht flächendeckende Schulschließungen skeptisch, weil "Eltern dann ihre Kinder betreuen müssen und auch nicht mehr im Krankenhaus arbeiten können". Und auch Virologe Alexander Drosten von der Berliner Charité hält diese Maßnahme nicht für das geeignete Mittel zur Epidemie-Bekämpfung. Schließungen hätten den Effekt, dass sich beispielsweise "die Kitagruppe eben im Haushalt eines der Elternpaare trifft - damit haben wir nichts gewonnen". Die Infektionstätigkeit gehe dann dennoch weiter, so Drosten. "Man kann über Kita- und Schulschließungen nicht alles unterbinden, was in dieser Altersgruppe passiert." So würden sich Schüler weiterhin außerhalb des Schulgeländes treffen.

Zudem verweist der Virologe auf einen anderen bedenklichen Aspekt: Eltern könnten auf die naheliegende Idee kommen, ihre Kinder zu Oma und Opa zu schicken. Die seien allerdings besonders gefährdet, da "die Fallsterblichkeit bei über 65-Jährigen rapide ansteigt", sagte Drosten im NDR-Podcast zum Coronavirus. "Wir müssen die Bevölkerung jenseits des Rentenalters wirklich schützen", mahnt Drosten.

Notfallpläne für Abi-Prüfungen

Dennoch: Für immer mehr Kinder heißt es in den kommenden Tagen wohl vorerst: schulfrei wegen Sars-CoV-2. Der Deutsche Lehrerverband (DL) schätzt, dass derzeit bundesweit rund 100 Schulen und Kitas von tage- oder wochenweisen Schließungen betroffen sind. DL-Präsident Heinz-Peter Meidinger zufolge sei das allerdings nur eine Schätzung, die jederzeit von der Wirklichkeit überholt werden kann.

Der Verband sei gegen generelle, flächendeckende Schulschließungen wie in Italien, sagt er. So etwas könne nur effektiv sein, wenn es begleitet werde von der Schließung aller Firmen, Arbeitsstellen und Restaurants, von Ausgangssperren und der Stilllegung des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. Und selbst dann bliebe Meidinger zufolge die Frage: "Was ist nach zwei Wochen 'Corona-Ferien', wenn die Neuinfektionen nicht zurückgehen? Verlängert man dann nochmals und nochmals mit enormen Konsequenzen für Abschlussprüfungen und Schullaufbahnen?"

In den meisten Bundesländern beginnen in den nächsten Wochen die Abiturprüfungen. Am 30. April steht der bundesweit zentrale Termin für die Deutschklausuren an, am 5. Mai folgen die Klausuren in Mathematik. Doch wie können die Prüfungen bei flächendeckenden Schulschließungen überhaupt stattfinden? Und was ist mit den Abiturienten, deren Schulen bereits geschlossen sind? Über diese Fragen wollen nun die Kultusminister der Bundesländer beraten und einen Notfallplan ausarbeiten.

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In Nordrhein-Westfalen gibt es bereits einen Notfallplan, der in dieser Woche an den Schulen in NRW verteilt werden soll. Dieser sieht vor, dass Schüler, die wegen der Quarantäne-Regelungen die Abiturprüfung nicht schreiben können, die Klausuren an einem zentralen Nachschreibetermin nachholen. Außerdem sollen Lehrer Unterrichtsmaterial etwa digital oder per Post bereitstellen, um ein faires Prüfungsverfahren sicherzustellen. "Oberste Priorität hat die Gesundheit", sagte die nordrhein-westfälische Bildungsministerin Yvonne Gebauer. "Außergewöhnliche Lagen erfordern außergewöhnliche Maßnahmen."

Quelle: ntv.de, mit dpa