Panorama

Sterberate bei 20 bis 25 Prozent Für Ältere ist Covid-19 besonders gefährlich

Für Renter gibt es bald mehr Geld.

Vor allem für ältere und chronisch kranke Menschen kann das Coronavirus gefährlich werden.

(Foto: picture alliance/dpa)

Das Coronavirus hat Europa fest im Griff. Mittlerweile beklagt auch Deutschland erste Todesfälle: Zwei Senioren aus NRW starben infolge der Lungenkrankheit. Virologe Drosten von der Berliner Charité richtet daher den dringenden Appell an Familien, die Großeltern besonders zu schützen.

Mehr als 1160 Infizierte, davon 511 allein in Nordrhein-Westfalen, und mittlerweile zwei Tote: Das Coronavirus breitet sich weiter unaufhaltsam in Deutschland aus. Während in Italien mittlerweile Hunderte Menschen an dem Virus gestorben sind, sind am Montag auch hierzulande die ersten Todesfälle bekannt geworden: Eine 89-jährige Frau in Essen und ein 78 Jahre alter Mann aus dem Kreis Heinsberg starben an den Folgen der Lungenkrankheit Covid-19. Wie bereits aus China und Italien bekannt, scheint der Virus ältere Menschen besonders hart zu treffen. Daher gilt es nun, diese Risikogruppe besonders zu schützen - auch wenn das Verzicht bedeutet, sagt Christian Drosten, Leiter der Virologie in der Berliner Charité.

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Bisher war die große Hoffnung von Virologen und Politikern, dass der Frühling mit seinen wärmeren Temperaturen ein Abflauen der Corona-Erkrankungen mit sich bringt. Das Ziel wäre dann gewesen, in einem vergleichsweise ruhigen Sommer genügend Zeit zu gewinnen, um das Gesundheitssystem auf eine voraussehbare Infektionswelle im Winter vorzubereiten und die Kliniken optimal auszustatten.

"Genau das hätte ich bis letzte Woche Donnerstag noch so gesagt. Aber im Moment ist meine Einschätzung eher, dass wir wahrscheinlich doch eine direkt durchlaufende Infektionswelle bekommen. Wir müssen damit rechnen, dass ein Maximum der Fälle in der Zeit von Juni bis August auftreten wird", sagte Drosten im neuesten NDR-Podcast zum Coronavirus.

Grund für seine neue Einschätzung sei eine neue Studie einer weltweit führenden US-amerikanischen Forschungsgruppe. "Diese Modellrechnung sagt voraus, dass der Temperatureffekt auf dieses Virus relativ klein sein wird." Somit könnte es durchaus zu einer "Sommerwelle" kommen, in der sich das Virus weiter stark ausbreitet.

"Sozialleben muss jetzt für einige Monate aufhören"

Diese neue Erkenntnis müsse jetzt ein Umdenken mit sich bringen. Bisher sei die Taktik, in der gesamten Bevölkerung eine Verzögerung der Ansteckung zu erreichen. Das sei auch beizubehalten. Viel stärker als bisher müsse aber die Kraft in den Schutz der gefährdeten Bevölkerungsgruppen gesteckt werden: Menschen, die bestimmte Vor- beziehungsweise Grunderkrankungen haben und vor allem ältere Menschen.

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Für Menschen mit Vorerkrankungen brauche es eine Regelung, die temporäre Freistellungen oder Home Office ermögliche, betont Drosten. Die größere bedrohte Gruppe seien allerdings die Älteren: "Vor allem diejenigen über 65, da steigt die Fallsterblichkeit rapide an." Das Rentenalter sei ein geeigneter Maßstab: "Wir müssen die Bevölkerung jenseits des Rentenalters wirklich schützen."

Jede Familie sei nun aufgerufen, dafür individuelle Lösungen zu finden. Drosten rät Eltern, ihre Kinder in den kommenden Monaten nicht mehr in die Betreuung der Großeltern zu geben, sondern diese "als schützenswerten Bereich" zu sehen und stattdessen lieber für sie einzukaufen. Diese Vorsichtsmaßnahme hält er für notwendig: "Das ist ein Dienst, den wir alle leisten müssen - und das wird für alle schmerzhaft sein und unbequem."

Bei Jüngeren sieht er auch die Aufgabe, die ältere Generation darauf aufmerksam zu machen: "Es ist ernst". Er beobachte selber in seinem Umkreis, dass viele Ältere die Gefahr noch nicht auf sich beziehen: "Sie haben noch nicht verstanden, dass sie die wirklich Betroffenen sind und dass ihr Sozialleben jetzt für einige Monate aufhören muss." Das betreffe allerlei Aktivitäten im Sommer, etwa das Vereinsleben oder das Schützenfest.

Drosten führt die Sterberaten vor Augen: Man müsse bei der älteren Bevölkerung davon ausgehen, dass "20 bis 25 Prozent" der Betroffenen sterben werden. "Da schluckt man natürlich. Das muss man aber vermitteln", so der Virologe. Alle Kraft müsse folglich investiert werden, um die Epidemie von der älteren Bevölkerung fernzuhalten. Nachdem die jüngere Bevölkerung "durchinfiziert" sei - Epidemiologen sprechen von einer Durchseuchung - "sind wir weitflächig immun", sagte Drosten weiter. Erst dann werde sich die Lage insgesamt beruhigen. Inzwischen hat Drosten die Zahlen präzisiert. Die Sterblichkeit liege bei Patienten ab 80 Jahren bei 20 bis 25 Prozent, in der Altersgruppe 70 bis 80 Jahre bei 7 bis 8 Prozent und in der Altersgruppe 60 bis 70 Jahre bei 3 Prozent.

Weitere Infektionen erwartet

Landes- oder sogar bundesweite Schulschließungen nach dem Vorbild Italiens hält Drosten auch aus diesem Grund nicht für das geeignete Mittel. Dass Kitas und Schulen Orte sind, wo überproportional viele Viren zirkulieren und weitergegeben werden, gelte nur für eine saisonale Situation, aber nicht unbedingt für ein pandemisches Virus wie das Coronavirus. "Das wird nämlich in allen Bevölkerungsgruppen gleich übertragen", sagte Drosten. Zudem hätten Schließungen den Effekt, dass sich beispielsweise "die Kitagruppe eben im Haushalt eines der Elternpaare trifft - damit haben wir nichts gewonnen." Die Infektionstätigkeit gehe dann dennoch weiter, so Drosten. "Man kann über Kita- und Schulschließungen nicht alles unterbinden, was in dieser Altersgruppe passiert." So würden sich Schüler weiterhin außerhalb des Schulgeländes treffen.

"Somit müsste man auch die Bewegung dieser jungen Leute einschränken", sagte Drosten. Das würde allerdings bedeuten, dass man auch die Bewegungsfreiheit der Eltern einschränken müsste. "Dann wären wir bei einem richtigen gesellschaftlichen Lockdown, so wie es in China passiert." Jetzt sei die Zeit dafür allerdings noch nicht gekommen. "Da machen wir mehr Kollateralschaden - für die Wirtschaft, aber auch die Reaktionsfähigkeit der Gesellschaft oder Medizin", mahnt Drosten.

Der Virologe rät zu einer Kosten-Nutzen-Überlegung. "Auf die großen Veranstaltungen, die nur Vergnügen bringen und nicht systemrelevant sind, muss man jetzt verzichten." So könnten viele Infektionen verhindert werden und man richte möglichst wenig Schaden an. Dabei hat er vor allem Fußballspiele und Schützenfeste im Sinn. Das Virus könne nicht mehr aufgehalten werden. "Wir können es nur noch verzögern und die vulnerablen Gruppen besonders schützen."

Quelle: ntv.de, mit dpa