Putin, Kadyrow, Politkowskaja Ein Mord wie ein Geburtstagsgeschenk
Von Artur Weigandt
Vor zwanzig Jahren wurde Anna Politkowskaja in ihrem Moskauer Hauseingang erschossen, an Wladimir Putins Geburtstag. Wer immer den Mord bestellt hat: Beschenkt wurde der Kreml.
In der Londoner Wohnung von Achmed Sakajew, dem Regierungschef der tschetschenischen Exilregierung, hängt ein Foto. Es zeigt ihn bei Verhandlungen mit der russischen Führung. Am Fenster stehen die Flaggen Itschkeriens und Großbritanniens. Im Gespräch mit dem Regierungschef eines Staates ohne Territorium sollte es um Krieg und Widerstand gehen.
Als es um die Geiselnahmen im Moskauer Dubrowka-Theater während des Musicals "Nord-Ost" und Beslan ging, nannte er drei Namen: Juri Schtschekotschichin, Anna Politkowskaja, Alexander Litwinenko. Auf ihre Recherchen stützt er seine Überzeugung, russische Geheimdienste hätten die Anschläge instrumentalisiert oder mitgesteuert. Auffällig sei, sagte er, dass viele dieser Journalisten und Kritiker später ums Leben kamen.
Alle drei sind tot. Schtschekotschichin starb 2003 an einer rätselhaften Krankheit, Politkowskaja wurde 2006 erschossen, Litwinenko im selben Jahr vergiftet. Sakajew selbst wurde 2012 als möglicher Auftraggeber des Mordes an Politkowskaja genannt: Ein angeklagter Ex-Polizist belastete ihn und den in London exilierten früheren Oligarchen Boris Beresowski - vom Hörensagen, ohne Beweise. Das ist der russische Umgang mit Politkowskaja in einem Satz: Sie wurde nicht nur getötet. Ihr Tod wurde gegen jene gewendet, für die sie geschrieben hatte.
Sie schrieb wie jemand, der Akten anlegt
Anna Politkowskaja wurde 1958 in New York als Tochter ukrainischstämmiger sowjetischer Diplomaten geboren. Sie studierte Journalistik in Moskau, heiratete den Fernsehjournalisten Alexander Politkowski und bekam zwei Kinder. Der Zweite Tschetschenienkrieg veränderte ihr Leben. Ab 1999 fuhr sie für die "Nowaja Gaseta" immer wieder nach Tschetschenien und schrieb über Filtrationslager, Gefangene, Verschwundene und ihre Angehörigen. Sie half bei Evakuierungen, brachte Medikamente. 2001 hielten russische Soldaten sie fest, bedrohten sie und inszenierten eine Hinrichtung. Sie kehrte zurück. Ihre Texte waren oft Listen: Namen, Dörfer, Daten. Sie schrieb wie jemand, der Akten anlegt für ein Gericht, das es noch nicht gibt.
Als tschetschenische Geiselnehmer 2002 im Dubrowka-Theater mehr als 800 Menschen festhielten, verlangten sie Politkowskaja als Vermittlerin. Sie ging hinein und brachte Wasser. Zwei Jahre später verlor sie auf dem Weg zur Geiselnahme von Beslan nach einem Tee im Flugzeug das Bewusstsein; Kollegen vermuteten einen Giftanschlag. Es sind jene beiden Anschläge, über die Sakajew in London sprach. Am 7. Oktober 2006 wurde Politkowskaja im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen: vier Schüsse, ein fünfter in den Kopf. Sie war 48 Jahre alt.
Zwei Tage zuvor hatte Ramsan Kadyrow seinen dreißigsten Geburtstag gefeiert, damals Ministerpräsident Tschetscheniens und wenige Monate später dessen Präsident. Über kaum jemanden hatte Politkowskaja so beharrlich geschrieben: über Entführungen, Folter und Rache an Familien. Kurz vor ihrem Tod sagte sie, ihr Traum sei es, Kadyrow auf der Anklagebank zu sehen. Putin wiederum wurde am Tag ihres Mordes 54. Zwei Geburtstage in drei Tagen, dazwischen eine tote Journalistin. Der Kreml schwieg drei Tage. Dann erklärte Putin, Politkowskajas Einfluss sei "äußerst unbedeutend" gewesen; ihr Mord habe Russland mehr geschadet als ihre Artikel. Als mögliche Profiteure deutete er auf Kräfte im Ausland, die antirussische Stimmung erzeugen wollten.
Litwinenko mit Polonium vergiftet
Damit war die Linie gesetzt: Nicht der Kreml hatte ein Motiv, sondern seine Feinde. Zwei Wochen später beschuldigte der ehemalige FSB-Offizier Alexander Litwinenko in London Putin, den Mord bestellt zu haben. Am 1. November wurde Litwinenko mit Polonium vergiftet, drei Wochen später war er tot. Eine britische Untersuchung kam 2016 zu dem Schluss, Putin habe die Tat wahrscheinlich gebilligt. Litwinenko war Sakajews Nachbar und Freund. Einmal, erinnert sich Sakajew, betrachtete Litwinenko ein Foto seines Enkels und sagte: Gegen solche Menschen könne man nicht gewinnen. Er habe dem Kreml den Rücken kehren müssen, um seinen Kindern noch in die Augen sehen zu können.
2014 wurden fünf Männer wegen des Mordes verurteilt, darunter der Schütze Rustam Machmudow und der mutmaßliche Organisator Lom-Ali Gaitukajew zu lebenslanger Haft. Ein weiterer Beteiligter, der Ex-Polizist Dmitri Pawljutschenkow, hatte bereits 2012 elf Jahre erhalten. Wer den Mord bestellte, wurde nie ermittelt. Pawljutschenkow beschuldigte damals Beresowski und Sakajew, die prominentesten Exilfeinde Putins in London. Die Familie Politkowskajas hielt die Version für politisch motiviert, die "Nowaja Gaseta" für unglaubwürdig.
2018 stellte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte fest, Russland habe nicht ernsthaft nach den Auftraggebern gesucht. Am 7. Oktober 2021, fünfzehn Jahre nach dem Mord, verjährte der Fall. 2023 wurde bekannt, dass der verurteilte Sergej Chadschikurbanow durch einen Einsatz in der Ukraine begnadigt worden war - per Dekret Putins. Er blieb als Kommandeur an der Front. Familie und Zeitung erfuhren davon aus den Medien. Ein wegen Beihilfe zum Mord an der wichtigsten Chronistin russischer Kriegsverbrechen in Tschetschenien verurteilter Mann wurde begnadigt, um im nächsten Krieg zu kämpfen. Im Januar 2026 zerstörte ein Mann die Gedenktafel an Politkowskajas Haus. Strafe: 1.000 Rubel, rund elf Euro. Auch neu angebrachte Tafeln wurden zerstört.
Die naheliegendste Spur führt nach Grosny
Politkowskaja ist zum Fixpunkt der russischen Opposition im Exil geworden. Nicht nur aus Trauer: Sie beschrieb, was später System wurde - Straflosigkeit, Folter, Staatslüge, die Gleichgültigkeit gegenüber dem Sterben an der Peripherie. Die Sprache, in der heute über Butscha oder Mariupol gesprochen wird, entwickelte sie zwanzig Jahre zuvor für Grosny. Wer ihren Mord bestellte, wurde nie geklärt. Die naheliegendste Spur führt nach Grosny, ins Umfeld Kadyrows; auch die "Nowaja Gaseta" verfolgte sie über Jahre.
So gelesen, wäre der Mord kein Befehl von oben gewesen, sondern ein Geschenk von unten. Kadyrows System funktionierte nach einer einfachen Logik: Man erfüllte Wünsche, bevor sie ausgesprochen wurden. Ein Präsident, der eine Journalistin öffentlich für unbedeutend erklärt, muss nichts befehlen, wenn er einen Vasallen hat, der weiß, was ihm gefällt. Und Putin hat das Geschenk angenommen, Jahr für Jahr: mit der Ernennung Kadyrows zum Präsidenten wenige Monate später, mit Ermittlungen, die nie bis Grosny reichten, mit einer Verjährung an seinem Geburtstag, mit der Unterschrift unter die Begnadigung eines Verurteilten. Der Mord hat eine Stimme zum Schweigen gebracht, die nicht zu kaufen und nicht einzuschüchtern war, und jedem Redakteur in Russland gezeigt, welchen Preis sie zahlen werden, sollten sie Politkowskjaja nacheifern wollen.
Am Ende des Gesprächs in London sagte Sakajew, Tschetschenien sei nicht besiegt worden, es habe den bewaffneten Widerstand nur eingestellt. Man kann das für Trotz halten. Man kann es aber auch auf Politkowskaja übertragen. Ihre Stimme wurde am 7. Oktober 2006 abgestellt, nicht widerlegt. Wer heute in London, Vilnius oder Berlin über Russlands Kriege spricht, zitiert sie. Ihre Akten haben überlebt.