Angriffe unter der Gürtellinie Midterm-Wahlkampf mutiert zu wilder Schlammschlacht
Von Lukas MärkleRepublikaner und Demokraten bekämpfen sich mit harten Bandagen im Vorfeld der Midterms Anfang November. Dabei kommt es mit Werbespots auch zu sehr persönlichen Attacken gegen den politischen Gegner. Ein republikanischer Angriff sorgt sogar für deutlichen Widerspruch in der eigenen Partei.
Der Wahlkampf in den USA befindet sich auf der Zielgeraden, am 3. November wählen die Amerikaner einen Großteil des Kongresses neu, außerdem wird in 36 Staaten ein neuer Gouverneur gesucht. Eine gigantische Kampagne läuft, Demokraten wie Republikaner überschütten die US-Bürger mit Wahlwerbung, im TV, auf Social Media. Vor diesen Midterms fallen einige Clips ganz besonders persönlich und verletzend aus. Kurz: Es ist eine Schlammschlacht.
Dabei steht derzeit besonders der Gouverneurswahlkampf in Ohio im Fokus. Dort kandidiert Vivek Ramaswamy, der sich 2024 um die republikanische Präsidentschaftskandidatur beworben hatte. Ramaswamy attackierte seine demokratische Rivalin Amy Acton auf drastische Art und Weise.
In einem Werbeclip wird Acton als Lügnerin porträtiert - von ihrer eigenen Mutter. "Sie hat ihr ganzes Leben lang gelogen", sagte Donna Arthur in dem einminütigen Spot. "Meine Tochter braucht Hilfe, und sie kann euch nicht helfen, wenn sie selbst Hilfe braucht. Menschen können sich ändern, aber zuerst müssen sie die Wahrheit sagen, und das tut meine Tochter immer noch nicht."
Die Botschaft an die Wähler blendet entscheidende Hintergründe der Mutter-Tochter-Beziehung aus. Die 60-jährige Acton hat seit ihrem zwölften Lebensjahr keinen Kontakt mehr zu ihrer Mutter. Sie und ihr Bruder wurden von der zuständigen Jugendbehörde aus der Familie genommen, nachdem der zweite Ehemann ihrer Mutter wegen der Vergewaltigung von Acton angeklagt worden war. Der Stiefvater entzog sich der Strafverfolgung bis zu seinem Tod 2004. Actons Mutter blieb bis dahin mit ihm verheiratet.
Vance zeigt sich "empört" über Republikaner
Nachdem der Werbeclip bereits Stunden im Netz kursiert hatte, bestätigte Ramaswamy, dass es sich um eine offizielle Produktion seines Teams handle. Seine Kampagne kündigte an, den Clip weiterzunutzen. Für die weitere Verbreitung des Clips sind vier Millionen Dollar eingeplant
Dafür gab es kräftigen Gegenwind auch von republikanischer Seite. Nikki Haley, die sich 2024 ebenfalls um die republikanische Präsidentschaftskandidatur bewarb, erklärte auf X, der Republikaner sei ein "schlechter Mensch". Der republikanische Senatskandidat Jon Husted in dem Bundesstaat distanzierte sich ebenfalls. "Ich hätte diese Anzeige nicht geschaltet", sagte der Republikaner am Rande einer Wahlkampfveranstaltung mit dem Vizepräsidenten JD Vance.
Der Trump-Vize hält den Werbeclip gegen die Demokratin hingegen für ein legitimes Werkzeug im Wahlkampf. Er sei "empört" über die Kritik von Republikanern, sagte Vance. "Jetzt sind die Medien und die Demokraten im Bundesstaat Ohio völlig außer sich, denn wissen Sie was? Vivek Ramaswamy hatte die Dreistigkeit, einen Fernsehspot zu schalten, der die Dinge beim Namen nennt und Amy Acton als Lügnerin bezeichnet", sagte Vance.
Persönliche Angriffe, Diffamierungen und haltlose Unterstellungen sind im US-Wahlkampf allerdings keine Neuheit. Schon Barack Obama wurde während seiner Präsidentschaftskandidaturen von rechten Gegnern massiv angegriffen. Sie verbreiteten die Behauptung, er sei Muslim, und zweifelten an, dass er in den USA geboren worden war. An der Auseinandersetzung um die Geburtsurkunde beteiligte sich damals bereits der heutige US-Präsident Donald Trump.
KI-Fake-Werbung hält Einzug in den Wahlkampf
Auch das demokratische Lager setzt im aktuellen Wahlkampf auf scharfe Attacken. Im Senatswahlkampf in Ohio bringen die Demokraten den republikanischen Kandidaten Husted in einer Reihe von Wahlwerbespots mit einem Bestechungsskandal in Verbindung. Die Spots legen eine persönliche Verwicklung nahe. Husted wurde in dem Fall jedoch weder angeklagt noch von den Strafverfolgungsbehörden eines Fehlverhaltens beschuldigt.
In anderen US-Bundesstaaten wird knapp zwei Wochen vor den Midterms ebenfalls mit fragwürdigen Mitteln gekämpft. In Texas überrollen die Republikaner und ihnen nahestehende Organisationen den Demokraten James Talarico mit einer Werbewelle, die ihn als "Extremisten" brandmarken soll. Während eines grippebedingten Rückzugs aus der Öffentlichkeit schürten die republikanische Seite zudem Gerüchte über eine psychische Erkrankung. "Talarico ist mental instabil, leicht überfordert und anfällig für Krankheiten", heißt es auf einem "Fahndungsplakat", das der republikanische Kandidat Ken Paxton Anfang Oktober auf X teilte.
Neben klassischen persönlichen Angriffen prägt zunehmend ein weiteres Werkzeug die Wahlkampf-Schlammschlacht: künstliche Intelligenz (KI).
Im Rennen um das Gouverneursamt in Kalifornien nutzte das Wahlkampfteam des Republikaners Steve Hilton KI-generierte Attacken gegen den demokratischen Kontrahenten. In diesen wird der Demokrat Xavier Becerra als Marionette dargestellt, die von der "demokratischen Maschine" gesteuert wird. Im Bundesstaat New York werden Bürgermeister Zohran Mamdani und Gouverneurin Kathy Hochul mithilfe KI-generierter Darstellungen Worte in den Mund gelegt.
Solche Videos sind keine Einzelfälle. Laut einer Untersuchung des Wesleyan Media Projects wurden im laufenden Wahlzyklus mehr als 220 mithilfe von KI erstellte Wahlwerbevideos erfasst. Bis zum 11. Oktober dieses Jahres wurden mehr als 137 Millionen Dollar für deren Verbreitung ausgegeben. Auf der Zielgeraden vor den Midterms könnte diese Summe nun noch einmal deutlich steigen. Denn noch ist die Wahlkampf-Schlammschlacht nicht vorbei.

