Politik

Geschichten von der Kobane-Front Ankara und der Pakt mit Halsabschneidern

52543424.jpg

Türkische Soldaten feuern Tränengas auf Kurden im Grenzgebiet zu Syrien.

(Foto: picture alliance / dpa)

Hilft die türkische Regierung den Dschihadisten des Islamischen Staates? An der Grenze zu Kobane stellt sich niemand mehr diese Frage. Im Krankenhaus, im Flüchtlingslager, ja selbst im Rathaus herrscht Gewissheit.

60 Sekunden. Viel länger dauert es nicht von der ersten Warnung bis zum ersten Schuss. Türkische Panzerwagen schieben sich den staubig-braunen Hügel nordwestlich von Kobane herauf. Auf den Geschütztürmen sitzen Männer mit Gasmasken. Sie treiben Kurden vor sich her. Der erste Schuss, eine Tränengaspatrone, landet nur ein paar Meter hinter ihnen. Ein zweiter Schuss folgt, ein dritter, ein vierter.

Die Militärs feuern auch in den Fluchtweg der Kurden. Und so bleibt ihnen nur, sich in ihre Autos zu retten. Wer es nicht rechtzeitig schafft, bekommt dieses unerträgliche Stechen zu spüren. Das Gas reizt die empfindlichen Nerven in den Schleimhäuten im Hals, in der Nase und vor allem in den Augen.

Tränengas kann Menschen kurzzeitig erblinden lassen oder ihnen die Stimme rauben. Manchmal passiert beides. Die Soldaten feuern weiter.

Ein paar Kurden wähnen sich in ihrem Auto schon in Sicherheit. Die Soldaten belehren sie eines Besseren. Eines der Projektile durchschlägt die Heckscheibe ihres Wagens.

Alltag im türkisch-syrischen Grenzgebiet. Dem Militär gefällt es nicht, wenn sich zu viele Kurden auf den Hügeln vor der umkämpften Stadt Kobane versammeln. Ankara fürchtet, sie könnten sich der YPG anschließen, den syrisch-kurdischen Verteidigungseinheiten, die in Kobane gegen die Männer mit den kurzen Hosen kämpfen. So nennen hier viele die menschenköpfenden Dschihadisten des Islamischen Staates (IS).

Wenn es um die Rolle der Türkei in diesem Konflikt geht, sind Tränengasangriffe wie dieser für Kurden im Grenzgebiet trotzdem nur so etwas wie der oberste Halm auf einem riesigen Misthaufen. Kobane stirbt, der Ruf der Türkei verwest längst.

Türken retten, Kurden sterben lassen?

Auf einem vertrockneten Feld ein paar Kilometer östlich jenes Hügels steht Muslim Tashkhen. Ein türkischer Kurde vom Typ Türsteher: dicker Oberlippenbart, schwarze, hüftlange Lederjacke. So groß wie breit.

Muslim.jpg

Muslim Tashkhen (r.) beobachtet das Kriegstreiben: "Das ist die einzige Sprache, die die Halsabschneider verstehen."

(Foto: Issio Ehrich)

Seine Augen zu Schlitzen verengt, blickt Tashkhen nach Kobane, sieht den schwarzen Rauch von einer Reifenfabrik aufsteigen, die der IS in Brand gesetzt hat. Und wenn der Wind richtig steht, hört er den Krieg. Tak ... Tak, Tak, Tak. "Das ist die einzige Sprache, die die Halsabschneider verstehen", sagt Tashkhen und meint damit die Kämpfer des IS. "Wir haben aber noch einen anderen Feind", fügt er schnell hinzu. Und dann erzählt Tashkhen die Geschichte seines Freundes.

Im Kampf auf der anderen Seite sei er in die Hände des IS gefallen. Doch statt ihn sofort hinzurichten, schickten die Islamisten eine Nachricht. Wenn Tashkhen, so habe es darin geheißen, eine offizielle Erlaubnis der türkischen Behörden besorgt, dass sie ihn wieder über die Grenze schicken dürfen, würden sie ihn unversehrt freilassen. Tashkhen behauptet, dass er daraufhin zur Polizei in Suruç gegangen sei, um sein Anliegen vorzutragen. Vergeblich. "Sie haben mich weggeschickt und gesagt: Das geht uns nichts an", behauptet Tashkhen.

Es wäre ein Skandal, wenn die türkischen Behörden nicht einmal versuchen würden, einen Kurden aus den Fängen der Steinzeit-Islamisten zu befreien. Schließlich hat Ankara erst Ende September 49 Türken, Mitarbeiter des Konsulats im irakischen Mossul, durch einen "diplomatischen Handel" aus ihren Fängen befreit. Türken retten, türkische Kurden sterben lassen? Und warum bittet der IS Ankara um Erlaubnis, jemanden über die Grenze schicken zu dürfen?

In breiterer Öffentlichkeit ist über Tashkens Fall nichts bekannt. Vielleicht zu Recht. Beweise kann Tashkhen nicht vorlegen. Seine Geschichte ist eine von vielen, für die es keine unabhängigen Quellen gibt, geschweige denn belastbare Indizien. Doch es gibt auch andere Geschichten - Geschichten, die den Verdacht erhärten, dass Ankara noch immer direkt oder indirekt mit dem IS paktiert.

Flüchtlingszahlen Ankaras können nicht stimmen

Zühal Ekmez' Blick strotzt vor Energie. Mit ihrem langen dunklen Haar und den markanten Brauen könnte sie eine der Frauen sein, mit denen die YPG um weibliche Rekruten wirbt. Ekmez steckt aber nicht in den olivfarbenen Lodenhosen oder Tarnhemden der Miliz. Die türkische Kurdin trägt Jeans, eine blaue Bluse und sitzt im Rathaus von Suruç. Sie ist Mitglied der kurdischen Partei HDP und die Bürgermeisterin der Stadt, die wie keine Zweite dem Flüchtlingsstrom aus Kobane ausgesetzt ist. Kein Wunder also, dass ihre Geschichte von Flüchtlingen handelt.

Ekzem.jpg

Die Bürgermeisterin von Suruç, Zühal Ekmez, wift der türkischen Regierung "Propaganda" vor.

(Foto: Issio Ehrich)

Ende September ließ Ankara verkünden, dass die Türkei allein in einer Woche mehr als 140.000 Flüchtlinge aus Kobane aufgenommen habe. Insgesamt ist mittlerweile von mehr als 170.000 die Rede. Ekmez sagt, dass diese Zahl niemals stimmen könne. "Schauen Sie sich doch mal um in der Stadt."

Suruç ist ein wuseliger Ort mit staubigen, holprigen Straßen, engen Gassen und gedrängten Plätzen. Normalerweise leben hier etwas mehr als 50.000 Menschen. Wenn die Meldungen aus Ankara stimmten, könnte man jetzt keinen Schritt mehr machen, ohne jemandem auf die Füße zu treten. Doch so ist es nicht.

In vielen kleinen Geschäften und Werkstätten, die noch nicht oder nicht mehr geöffnet sind, sitzen Flüchtlinge auf ihren Decken. So auch in den Höfen vieler Moscheen. Doch es sind eher Hunderte, nicht Tausende. In den Flüchtlingslagern, die kurdische, türkische oder internationale Organisationen aufgebaut haben, reicht der Platz noch dafür aus, dass die Helfer ihre Lebensmittellieferungen in Pickups zwischen den Zeltreihen hin- und hertransportieren.

"Ankara will, dass Kobane untergeht"

Ekmez bezeichnet die Zahlen aus Ankara als "Propaganda". Sie glaubt, dass die Regierung so den Eindruck erwecken will, mehr Einsatz für Hilfsbedürftige zu zeigen, als sie es in Wirklichkeit tut. Allerdings nicht nur das: Ekmez zufolge geht es Ankara vor allem darum, der Welt zu zeigen, dass es in Kobane nur noch Kämpfer gibt.

*Datenschutz

"Ankaras Logik ist: Sind alle Zivilisten aus Kobane geflohen, gibt es dort nur noch Terroristen." Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat erst vor wenigen Tagen deutlich gemacht, dass es für ihn keinen Sinn hat, zwischen dem IS und der PKK zu unterscheiden, der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei, die eng verbunden ist mit der syrischen YPG. Für ihn seien beide Terroristen.

Ekmez sagt: Setzt sich Erdogan mit dieser Lesart durch, spreche nichts mehr gegen die militärische Pufferzone, die auch die Präsenz kurdischer Kämpfer in Kobane ausschließt. Zudem bestehe dann auch kein Grund mehr, allzu schnell zu handeln. "Ankara will, dass Kobane untergeht", sagt Ekmez. Als Motiv macht sie die Angst der Türken vor einer erfolgreichen autonomen kurdischen Region in Syrien aus.

In den Wirren des Bürgerkriegs dort sind drei weitgehend selbstverwaltete kurdische Kantone entstanden. Kobane liegt in der Mitte. Würde es den Kurden gelingen, sie eines Tages zu verbinden, entstünde ein echter Kurdenstaat im Norden Syriens, der bis an den Irak reichte. Die kurdische Minderheit in der Türkei könnte sich zu einem ähnlichen Unterfangen ermuntert fühlen.

Ankara und der IS - wo ist der Unterschied?

Vor dem Krankenhaus in Suruç: Wonach sucht der Mann auf der Trage bloß? Als Sanitäter ihn in die Notaufnahme rollen, reißt er die Augen auf. Er zuckt mit seinem Kopf hin und her wie ein Bussard, der nach Mäusen späht. "Eindeutig ein Kämpfer", sagt einer aus der Menschentraube vor dem Eingang. Der Mann ist wohl Anfang 20. Er trägt zwei Verbände - einen am Kopf, den anderen am Unterschenkel. Sie sind vollkommen vergilbt. Vom Staub? Vom Jod? Oder trägt er sie nur viel zu lange?

Wer mit den Opfern der Kämpfe um Kobane reden will, blitzt in der Notaufnahme ab. Die Mitarbeiter verstecken sie geradezu, sie wollen nichts riskieren. Vor ein paar Wochen noch haben sie hier Leute behandelt, die eine Treppe heruntergefallen sind. Jetzt liegen Männer und Frauen mit Granatsplittern im Kopf auf ihren Operationstischen. Die meisten Mitarbeiter wollen nicht einmal selbst etwas über Kobane sagen. Nur einer spricht und erzählt eine Geschichte - bloß ganz kurz, damit es niemand mitbekommt. Er berichtet von seinem gestrigen Arbeitstag, an dem fünf verletzte Kurden über die Grenze und ins Krankenhaus wollten. Die türkischen Behörden ließen sie nicht durch. "Sie sind alle gestorben", sagt der Mann, der nicht möchte, dass sein Name in den Medien fällt.

Im türkisch-syrischen Grenzgebiet gibt es noch etliche solcher Geschichten. Ankara ignoriert sie oder weist sie als falsch zurück. Beweise gibt es für sie kaum. Und so bleiben viele dieser Geschichten unglaublich und einige unfassbar. Gewissheit herrscht allerdings in einem Punkt: Wenn die Kurden während des vorsichtigen Friedensprozesses mit der Türkei in den vergangenen Jahren auch nur ansatzweise so etwas wie Vertrauen zu Ankara geschöpft haben - mit Kobane ist es verloren gegangen. In den 80er-und 90er-Jahren starben in der Türkei Schätzungen zufolge mehr als 30.000 Menschen, als die PKK mehr Rechte für die unterdrückten Kurden im Land mit Gewalt erzwingen wollte. Nach Gesprächen des türkischen Geheimdienstes MIT und dem inhaftierten Führer der PKK, Abdullan Öcalan, begann die Organisation im Frühjahr 2013 mit dem Abzug ihrer Kämpfer. Nach diesem Geist der Versöhnung sucht man unter Kurden nun vergeblich im Grenzgebiet. "Die Türkei und der IS sind doch dasselbe." Dieser Satz fällt immer wieder.

Quelle: n-tv.de

Mehr zum Thema