Politik

Trumps "nützlicher Idiot" Assange-Gefährte sieht Wikileaks am Ende

2895af7a5e1d2282304d74ed77842cc3.jpg

(Foto: REUTERS)

Wie geht es weiter mit Assange? Ein früherer Freund, Domscheit-Berg, befürchtet einen Schauprozess, Trump lasse jeden fallen. Über Assange sagt ehemalige Wikileaks-Sprecher: "Er macht sein Ding, ohne Rücksicht auf Verluste."

Der frühere Wikileaks-Sprecher und Weggefährte von Julian Assange, Daniel Domscheit-Berg, fürchtet, dass US-Präsident Donald Trump einen möglichen Prozess gegen Assange dazu nutzen könnte, einen Präzedenzfall gegen Whistleblower und investigative Journalisten zu schaffen. "Ich glaube nicht, dass Trump irgendwem gegenüber loyal ist; wer ihm unbequem wird, wird fallengelassen", sagte Domscheit-Berg in der Online-Ausgabe der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".

RTXXOH8.jpg

"Vielleicht ging es Julian Assange viel mehr um persönliche Profilierung", sagt Assanges früherer Weggefährte Domscheidt-Berg.

(Foto: REUTERS)

"Auch Julian war für Trump im besten Fall nicht mehr als ein nützlicher Idiot, der ein bisschen auf der weltpolitischen Bühne mitgemischt, Informationen zur richtigen Zeit an die Öffentlichkeit gebracht und so dazu beigetragen hat, dass Trump gewählt werden konnte. Jetzt ist Assange wertlos für Trump, deshalb vermute ich, dass er jetzt Stärke zeigen will, um von seinen anderen Problemen abzulenken."

Dür Trump sei Assange die "Gelegenheit für einen Schauprozess, bei dem er seine ganzen scharfen Hunde, die er um sich schart, von der Kette lassen kann", sagte Domscheit-Berg der FAZ weiter. Er fügte hinzu, er sei sicher, dass es in den nächsten Monaten weitere Anschuldigungen gegen Assange geben werde. "Durch den ersten Verfassungszusatz ist ein Angriff auf Julian und Wikileaks für Donald Trump sehr schwierig, die Pressefreiheit in den Vereinigten Staaten ist zu stark. Deshalb hat man sich offenbar jahrelang bemüht, etwas anderes gegen ihn zu finden, mit dem man ihn angreifen kann."

Domscheit-Berg, der bis zu seinem Bruch mit Assange 2010 eng mit diesem zusammengearbeitet hatte, bezeichnete Assange als "schwierigen, sehr streitbaren Charakter". "Er macht sein Ding, ohne Rücksicht auf Verluste. Wenn es jetzt heißt, er sei mit dem Skateboard durch die Botschaftsräume gebrettert und habe sich nicht darum geschert, was er dabei zerstört und dass davon der Parkettboden kaputt geht, dann kann ich mir das gut vorstellen."

"Früher habe ich gedacht, dass wir beide ähnlich ticken", sagte Domscheit-Berg über Assange. "Dass wir eine sensible Wahrnehmung dafür haben, was in der Welt ungerecht ist und was man verändern kann. Seit ich 2010 aus Wikileaks ausgestiegen bin, frage ich mich, ob das eine komplette Fehleinschätzung war. Ob es Julian in Wirklichkeit viel mehr um persönliche Profilierung ging, um die weltpolitische Bühne oder um Geld." Seinen eigentlichen Sinn und Zweck habe Wikileaks "schon lange verfehlt", resümierte der einstige Weggefährte.

Assange sitzt im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh

Zur Festnahme Assanges zeigte sich US-Präsident Trump indes wortkarg: "Ich weiß nichts über Wikileaks. Das ist nicht meine Angelegenheit." Wikileaks hatte während des US-Präsidentschaftswahlkampfs 2016 von mutmaßlich russischen Hackern gestohlene E-Mails der Demokratischen Partei veröffentlicht, die Trumps Konkurrentin Hillary Clinton schadeten. Diese sagte nun bei einer Veranstaltung in New York, Assange solle sich für seine mutmaßlichen Straftaten vor Gericht verantworten.

Nach Informationen der Nachrichtenagentur AFP wird Assange derzeit im Gefängnis von Belmarsh im Osten Londons festgehalten. Zuvor hatten britische Medien berichtet, der Australier befinde sich im rund 24 Kilometer entfernten Wandsworth-Gefängnis, wo er bereits 2010 neun Tage wegen der Ermittlungen zu einer mutmaßlichen Vergewaltigung in Schweden in Gewahrsam war. Das Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh kann 910 Häftlinge beherbergen, darunter auch solche, denen ein erhöhtes Medieninteresse gilt, wie aus einem Bericht aus dem Jahr 2018 hervorgeht. So saß etwa der legendäre britische Posträuber Ronnie Biggs hier nach seiner Rückkehr nach England ein.

Australische Konsulatsmitarbeiter würden sich schnellstmöglich um einen Besuch bei Assange bemühen, sagte Australiens Außenministerin Marise Payne. Sie zeigte sich aber "überzeugt", dass Assange "gerecht behandelt wird".

Bedenken gegen Auslieferung an die USA

Der UN-Sonderberichterstatter zu Folter, Nils Melzer, warnte vor einer möglichen Auslieferung Assanges an die USA. "Ich mache mir Sorgen um einen fairen Prozess", sagte er der AFP. "Ich mache mir Sorgen, dass er den Haftmethoden der Vereinigten Staaten ausgesetzt sein könnte, die zum Teil sehr problematisch sind." 

Freunde und Unterstützer von Julian Assange protestierten gegen eine mögliche Auslieferung an die USA. Der britische Oppositionschef Jeremy Corbyn forderte die Regierung in London zum Einspruch auf. Zehntausende unterzeichneten Online-Petitionen, die verhindern wollen, dass der 47-Jährige den US-Behörden überstellt wird. Assange sitzt seit Donnerstag im Gefängnis. Seine Mutter Christine Assange verwies darauf, dass der Gesundheitszustand ihres Sohns schlecht sei.

Die USA fordern die Auslieferungwerfen Assanges. Sie werfen ihm Verschwörung mit der Whistleblowerin Chelsea Manning vor, um ein Passwort eines Computernetzwerks der Regierung zu knacken. Ein Gericht in London hatte ihn am Donnerstag zunächst schuldig gesprochen, gegen Kautionsauflagen verstoßen zu haben, ihm drohen dafür bis zu zwölf Monate Haft. Mit den Vorwürfen der US-Justiz soll das Gericht sich am 2. Mai befassen. In den USA drohen Assange bis zu fünf Jahre Haft.

Australiens Premierminister Scott Morrison schloss eine Einmischung seiner Regierung in den Fall aus: Das sei "Sache der USA" und habe "nichts mit uns zu tun", sagte er Medienberichten zufolge. Assange erhalte die übliche konsularische Unterstützung. In Sydney und Melbourne sind Kundgebungen zur Unterstützung von Assange geplant.

Quelle: n-tv.de, mau/dpa/AFP