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Mordanschlag mitten in Moskau: Sicherheitskräfte sperren den Tatort ab. An der Stelle, an der Boris Nemzow starb, zeugt nur noch der helle Flecke eines Bindemittels von der brutalen Tat.
Mordanschlag mitten in Moskau: Sicherheitskräfte sperren den Tatort ab. An der Stelle, an der Boris Nemzow starb, zeugt nur noch der helle Flecke eines Bindemittels von der brutalen Tat.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 28. Februar 2015

Russlands Opposition unter Schock: Attentäter ermordet Putin-Kritiker

Vier Schüsse treffen die russische Opposition ins Herz: Mitten in Moskau fällt ein prominenter Putin-Kritiker einem feigen Mordanschlag zum Opfer. Mit Boris Nemzow verliert Russland mehr als nur einen Hoffnungsträger der Opposition. Putin spricht von einer "Provokation".

Moskau im Schockzustand: Der russische Oppositionspolitiker und frühere Vizeregierungschef Boris Nemzow ist am Abend in der russischen Hauptstadt auf offener Straße erschossen worden.

Die russischen Ermittlungsbehörden bestätigten Berichte über den Tod des 55 Jahre alten Nemzow. Der Politiker zählte zu den prominentesten Persönlichkeiten der russischen Opposition. Der Mordanschlag habe sich in der Nähe des Kremls ereignet, hieß es. Die Hintergründe der Tat sind noch vollkommen unklar.

Ein anderes Russland: Boris Nemzow, hier bei einer Protestkundgebung auf dem Roten Platz in Moskau im April 2012.
Ein anderes Russland: Boris Nemzow, hier bei einer Protestkundgebung auf dem Roten Platz in Moskau im April 2012.(Foto: picture alliance / dpa)
Aus dem Auto heraus erschossen

Der frühere stellvertretende Regierungschef sei von mehreren Schüssen aus einer Pistole getroffen worden, teilte das Innenministerium mit. Nemzow ging demnach in Begleitung einer Bekannten über die Nordrampe der großen Moskwa-Brücke nahe des Kreml, als ihn vier Kugeln in den Rücken trafen, wie eine Behördensprecherin erklärte. Nemzow erlag noch am Tatort seinen Verletzungen. Mehrere Zeugen hätten die Tat beobachtet, berichtete die Nachrichtenagentur RIA Nowosti unter Berufung auf die Polizei.

"Laut vorläufigen Informationen hat ein noch nicht identifizierter Täter aus einem Wagen heraus mindestens sieben bis acht Mal auf Nemzow geschossen, als dieser über die Große Steinerne Brücke lief", erklärte die Staatsanwaltschaft. Es seien "erfahrene" Ermittler auf das Verbrechen angesetzt worden.

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Putin spricht sein Beileid aus

Der Täter flüchtete ersten Ermittlungen zufolge in einem weißen Auto. Am Tatort seien sechs Patronenhülsen gefunden worden. Nemzow starb an einem der vielbefahrenen Hauptverkehrswege der russischen Hauptstadt in Sichtweite der Kremlmauer und der berühmten Basilius-Kathedrale. Der Name "Große Steinerne Brücke" bezieht sich auf einen historischen Vorgängerbau, der an derselben Stelle als erste gemauerte Brücke den Fluss Moskwa überquerte. Am Ort der Bluttat gebe es Videoüberwachung, die möglicherweise weitere Hinweise auf die Täter geben könnte, hieß es in Medien.

Kurz nach dem Vorfall meldete sich Präsident Wladimir Putin mit eigenen Ermittlungshypothesen zu Wort: Die tödlichen Schüsse auf Nemzow "deuten auf einen Auftragsmord hin", erklärte Putin nach Angaben seines Sprechers Dmitri Peskow. Es habe sich um einen "brutalen Mord" gehandelt. Als Tatmotiv spekulierte Putin über eine "große Provokation" nicht näher genannter Kräfte. Der Präsident habe Sonderermittler mit der Aufklärung des Verbrechens beauftragt, teilte sein Sprecher mit.

Staatsfernsehen spielt Trauermusik

Der Präsident habe den Angehörigen des Oppositionellen sein Beileid ausgesprochen, hieß es weiter. Zudem habe Putin die leitenden Mitarbeiter der obersten Ermittlungsbehörde, des Innenministeriums und des Inlandsgeheimdienstes FSB angewiesen, die Ermittlungen persönlich in die Hand zu nehmen. Das russische Staatsfernsehen spielte Trauermusik nach dem Mord an dem früheren Vize-Regierungschef.

Bei Nemzows Begleitung soll es um eine junge Frau aus der Ukraine handeln. Boris Nemzow galt als glühender Unterstützer der proeuropäischen ukrainischen Führung in Kiew. Er hatte den Krieg in dem Nachbarland scharf kritisiert - als russische Aggression. In einem eindringlichen Appell hatte er den Einsatz von russischen Soldaten in der Ostukraine - ohne Erkennungszeichen an den Uniformen - als "illegal" kritisiert. Der Oppositionspolitiker beschimpfte Putin als "Lügner".

Ein junger Hoffnungsträger: Boris Nemzow traf sich 1998 mit Kanzler Kohl in Bonn, um über die deutsch-russischen Beziehungen und den Fortschritt der russischen Reformen zu sprechen (Archivbild).
Ein junger Hoffnungsträger: Boris Nemzow traf sich 1998 mit Kanzler Kohl in Bonn, um über die deutsch-russischen Beziehungen und den Fortschritt der russischen Reformen zu sprechen (Archivbild).

Die Tat dürfte die Lage russischer Oppositioneller dramatisch verschlechtern. Bislang mussten Gegner der Regierungspolitik in Moskau nur mit Repressalien wie willkürlichen Verhaftungen, Schmutzkampagnen oder fragwürdigen Steuerprozessen rechnen. Sollten sich die Hinweise auf einen Auftragsmord erhärten, dürfte sich das innenpolitische Klima in Russland erheblich verdüstern.

Schon jetzt wirkt die Stimmung in Russland angespannt: Im Zuge der Ukraine-Krise, dem wirtschaftlichen Niedergang in den Folge des Ölpreisverfalls und unter dem Druck der westlichen Sanktion bekommen mehr und mehr Russen die Auswirkungen der russischen Regierungspolitik zu spüren. Die große Mehrheit der Russen unterstützt Umfragen zufolge den Kurs von Präsident Putin.

Großkundgebung am 1. März

Der charismatische Politiker war in den letzten Jahren wiederholt als scharfer Gegner von Kremlchef Putin in Erscheinung getreten. Er  hatte dabei auch als Redner an öffentlichen Protestkundgebungen gegen Putin teilgenommen. Nemzow zog damit offenkundig den Zorn der Staatsführung auf sich. Weil er gegen Haftstrafen für Putin-Gegner auf die Straße gegangen war, musste er vor einem Jahr selbst für mehrere Tage ins Gefängnis.

Im April 2012 durchsuchten Ermittler bei einer Reihe von Razzien bei Oppositionsführern auch die Wohnung des früheren Regierungsmitglieds - einen Tag vor einer im Vorfeld angekündigten Großdemonstration in Moskau. Der Mord an Nemzow fällt nun mit weiteren kremlkritischen Vorbereitungen zusammen. Die Opposition will an diesem Sonntag ihre erste große Demonstration in diesem Jahr gegen die Politik von Putin organisieren: Ob die Protestveranstaltung am 1. März stattfinden wird, ist bislang noch unklar. 

Ein Gesicht des anderen Russlands

Auch in den westlichen Medien wurde Nemzow zuletzt als einer der wichtigsten und prominentesten Vertreter der russischen Opposition gehandelt. Unter Präsident Boris Jelzin hatte er zuvor eine steile politische Karriere hingelegt. Mit 32 Jahren stieg er zum Gouverneur auf. Kurz darauf ernannte ihn Jelzin zum stellvertretenden Regierungschef.

Nemzow war 1997 und 1998 unter Präsident Jelzin Vize-Ministerpräsident und galt als einer der Architekten der liberalen Wirtschaftsreformen. In dieser Funktion verhandelte Nemzow unter anderem auch mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl.

In den späten 1990er Jahren galt Nemzow zeitweise sogar als aussichtsreicher Kandidat für das Präsidentenamt. Diesen Posten machte ihm dann jedoch ein junger Aufsteiger aus St. Petersburger Geheimdienstkreisen streitig - Wladimir Putin. Bei der Präsidentschaftswahl 2008 schickte ihn die liberale Partei Union der rechten Kräfte erneut ins Rennen. Nemzow legte aber seine die Kandidatur vor der Wahl nieder.

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Quelle: n-tv.de