Politik

Um "den Kopf freizukriegen"Berlins Bürgermeister Wegner spielte Tennis während des Stromausfalls

07.01.2026, 20:39 Uhr
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Mehrere Parteienvertreter fordern den Rücktritt des CDU-Politikers Wegner. (Foto: picture alliance / Geisler-Fotopress)

Es ist der schlimmste Stromausfall in Berlin seit der Nachkriegszeit: Rund 100.000 Menschen sind betroffen. Während des Blackouts nimmt sich der Regierende Bürgermeister eine sportliche Auszeit. Das sorgt bei Opposition und Koalitionspartner für Fassungslosigkeit.

Berlins Regierender Bürgermeister Kai Wegner hat eingeräumt, am ersten Tag des großflächigen Stromausfalls im Berliner Südwesten Tennis gespielt zu haben. "Ich habe von 13 bis 14 Uhr Tennis gespielt, weil ich einfach den Kopf freikriegen wollte", sagte der CDU-Politiker dem Sender Welt TV. "Ich war die ganze Zeit erreichbar, auch als ich Tennis gespielt habe. Das Handy war auf laut gestellt. Ich bin danach sofort zurückgefahren und habe weitergearbeitet."

Er habe am Samstagmorgen begonnen, Telefonate zu führen. "Ich habe mit den Krisenstäben telefoniert, mit Stromnetz", sagte Wegner. "Ich habe vor allen Dingen auch mit der Bundesregierung gesprochen, mit dem Bundeskanzleramt, mit dem Bundesinnenminister."

Wegner setzt auf Verständnis bei den Bürgern für seinen Ausflug auf den Tennisplatz: "Ich glaube, die Berlinerinnen und Berliner gerade in den betroffenen Gebieten sind heute erst mal froh, dass anderthalb Tage vor der Ankündigung der Strom wieder da ist", sagte er. "Und wenn ich eine Stunde Sport mache, um den Kopf freizukriegen zwischen 13 und 14 Uhr, wo ich vorher gearbeitet habe und direkt im Anschluss auch, und in der Zeit erreichbar war, ich glaube, dann ist das okay."

Am Sonntag hatte Wegner nach einem Besuch in einer Notunterkunft auf eine Journalistenfrage geantwortet: "Ich habe mich gestern weder gelangweilt noch die Füße hochgelegt, sondern ich war den ganzen Tag am Telefon und habe versucht zu koordinieren und mich bestmöglich zu informieren, weil ich denke, das hilft den Menschen noch mehr." Er sei am Samstag zu Hause gewesen und habe sich in sein Büro eingeschlossen, sagte der CDU-Politiker weiter.

"Rückblickend hätte ich das am Sonntag sagen sollen, was ich am Samstag gemacht habe", sagte Wegner nun in der RBB-"Abendschau". Als er von Journalisten dazu befragt worden sei, seien allerdings die 45.000 Haushalte ohne Strom sein Fokus gewesen. Er habe am Samstag um 8.07 Uhr die Nachricht über einen Brand an Stromleitungen bekommen, sagte Wegner. "Ich habe dann mit der Innensenatorin gesprochen und bin dann 8.08 Uhr an mein Telefon gegangen und habe telefoniert."

FDP und AfD fordern Wegners Rücktritt

Die Tennis-Nachricht löste heftige Kritik aus. AfD und FDP forderten Wegners Rücktritt. Linke, Grüne und auch Steffen Krach vom Koalitionspartner SPD griffen Wegner scharf an, ohne explizit seinen Rücktritt zu verlangen.

"Kai Wegner hat vermutlich nicht daheim im verschlossenen Arbeitszimmer Tennis gespielt", sagte Krach, der SPD-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl ist. "Ich weiß nicht, was schlimmer ist: Dass er die Berlinerinnen und Berliner belogen hat oder dass ihm eine Tennis-Partie wichtiger war, als nach einem terroristischen Anschlag in der schlimmsten Stromkrise seit Jahrzehnten bei den betroffenen Menschen vor Ort zu sein. Beides ist inakzeptabel und eines Regierenden Bürgermeisters unwürdig."

Die AfD-Landes- und Fraktionsvorsitzende Kristin Brinker meinte, Wegner müsse umgehend zurücktreten. "Es wäre schon schlimm genug, dass der Regierende Bürgermeister von Berlin eine Notlage, die durch einen Terrorangriff auf die Infrastruktur der Stadt ausgelöst wurde, nicht ernst genug nimmt, um auf sein Tennismatch zu verzichten." Aber er habe die Berliner auch noch belogen.

Grünen-Fraktionschef Werner Graf zeigte sich "fassungslos": "Das heißt, er hat um 8 Uhr erfahren, dass 45.000 Haushalte keinen Strom haben, und gesagt, er habe sich dann im Büro eingeschlossen und gearbeitet, ist aber zwischendurch Tennis spielen gegangen." Wegner habe der Bevölkerung "in einer dunklen Stunde dieser Stadt" nicht die Wahrheit gesagt. "Da muss man ganz klar sagen, dass die Berlinerinnen und Berliner zu Recht ganz andere Ansprüche an einen Regierenden Bürgermeister haben."

Linken-Landeschef Maximilian Schirmer erklärte: "Diese Stadt verdient einen Bürgermeister oder eben eine Bürgermeisterin, die zuerst an die Menschen dieser Stadt denkt, zuhört, anpackt und Krisen löst. Wer lieber Tennis spielt, als in der größten Not bei den Menschen zu sein, sollte sich vielleicht überlegen, ob dieser Job noch der richtige für ihn ist." FDP-Landeschef Christoph Meyer erklärte: "Wer in der Krise nicht führt und anschließend die Öffentlichkeit belügt, kann dieses Amt nicht weiter ausüben. Kai Wegner muss zurücktreten."

Wegner erklärt späte Präsenz vor Ort

"Dass die Opposition das jetzt sagt, das kann ich nicht verhindern. Ich glaube, das Entscheidende ist, dass wir gezeigt haben, dass wir Krise können, dass die Berlinerinnen und Berliner in den betroffenen Gebieten jetzt wieder Strom und Wärme haben", sagte Wegner dazu am Abend im RBB.

Dass er nicht bereits am Samstag vor Ort in den vom Stromausfall betroffenen Stadtteilen präsent war, hatte Wegner bereits zuvor Kritik eingebracht. Er hatte das unter anderem damit begründet, dass er vor Ort im Krisengebiet keine Möglichkeit gehabt habe, Telefonate zur Organisation von Hilfe zu führen, es gab dort keinen Internet- und Handyempfang.

Eine Senatssprecherin bestätigte, Wegner habe am vergangenen Samstag zunächst nach 8 Uhr, als er über den Stromausfall informiert worden sei, Telefonate geführt, unter anderem mit dem Kanzleramt und dem Innenministerium und verschiedenen Senatsverwaltungen. Ziel war es, ihren Angaben zufolge, Hilfe zu organisieren.

Nach dem Brandanschlag an einer Kabelbrücke im Bezirk Steglitz-Zehlendorf, den eine linksextremistische Gruppierung für sich reklamierte, waren am Samstagmorgen im Südwesten Berlins zunächst 45.000 Haushalte und 2200 Unternehmen ohne Strom. Insgesamt rund 100.000 Menschen waren von dem längsten Stromausfall der Nachkriegsgeschichte betroffen, standen mitten im Winter ohne Strom und Heizung da. In den vergangenen Tagen wurde schrittweise ein Teil der Kunden wieder angeschlossen. Am fünften Tag gelang es dem Netzbetreiber Stromnetz Berlin schließlich, alle Betroffenen wieder mit Energie zu versorgen.

Quelle: ntv.de, mwa/AFP/dpa

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