Politik

Wirbel an den Finanzmärkten Briten stimmen für EU-Austritt

Großbritannien kehrt Europa den Rücken: Eine knappe Mehrheit der Briten stimmt bei dem historischen Brexit-Referendum für einen Ausstieg aus der Europäischen Union. An den Finanzmärkten herrscht Aufregung, David Cameron tritt zurück.

Die Briten haben mit 51,9 Prozent für den Austritt aus der Europäischen Union gestimmt. Insgesamt hätten 17,4 Millionen Menschen für den Brexit votiert, teilten die britischen Behörden nach Auszählung sämtlicher 382 Wahlbezirke mit. 16,1 Millionen Menschen und damit 48,1 Prozent der Beteiligten stimmten dagegen für den Verbleib in dem Staatenbund. Der britische Premierminister David Cameron hat als Konsequenz seinen Rücktritt erklärt. Er werde in den kommenden Monaten "das Schiff stabilisieren", doch wolle er bis Anfang Oktober die Regierungsführung übergeben.

Die Europäische Gemeinschaft mit bisher 28 Staaten wird damit in die schwerste Krise ihrer Geschichte gestürzt. Die politischen und wirtschaftlichen Folgen für Großbritannien könnten schwerwiegend sein.

Beben an den Finanzmärkten

Die Entscheidung der Briten hat die Finanzmärkte weltweit erschüttert. Die Börsen in Asien gingen auf Talfahrt, das Pfund rutscht auf knapp 1,33 Dollar ab und erreicht damit den tiefsten Stand seit 1985. Die Londoner Börse verzeichnet den größten Kurssturz seit 2008. Der Auswahlindex FTSE  fiel um bis zu 8,7 Prozent auf 5788,74 Punkte. Auch der deutsche Leitindex Dax ist um 9,98 Prozent auf 9233,48 Punkte abgesackt - ebenfalls der heftigste Kurssturz seit der Finanzkrise 2008.

Die Wahlbeteiligung lag bei 72,2 Prozent, zuvor hatten sich 46,5 Millionen Wähler für die Abstimmung registriert. Das Referendumsgesetz legt streng genommen nicht fest, dass Großbritannien auch wirklich aus der EU austreten muss. In der Praxis jedoch hätte das Parlament wohl keine Wahl.

"Nexit" und "Franxit"?

Jubel herrscht bei den Brexit-Anhängern. Rechtspopulist Nigel Farage von der Unabhängigkeitspartei Ukip sprach von einem "Sieg für die einfachen Leute". Ukip-Anhänger antworteten mit "Raus, raus, raus!" Nach dem Brexit-Votum ist die Sorge vor einem Erstarken von Nationalisten und Rechtspopulisten in vielen EU-Hauptstädten groß. In den Niederlanden forderte der Rechtspopulist Geert Wilders sogleich ebenfalls ein "Nexit"-Referendum für sein Land. Ähnlich äußerte sich die Chefin der rechtsextremen französischen Partei Front National, Marine Le Pen, für ihr Land.

EU-Parlamentspräsident Martin Schulz fürchtet keine weiteren Austritte aus der Europäischen Union. "Die Kettenreaktion wird es nicht geben", sagte Schulz im "Morgenmagazin" des ZDF. Zur Begründung verwies er unter anderem auf die negativen Reaktionen von Wirtschaft und Börse auf die Entscheidung der Briten.

Erklärung von Cameron erwartet

Schulz rechnet nun mit dem raschen Beginn der Austrittsverhandlungen zwischen London und Brüssel. "Ich gehe davon aus, dass die Verhandlungen schnell über den Austritt beginnen werden." Großbritannien muss nach Artikel 50 des EU-Vertrages die EU über den Austritt offiziell informieren. Dann beginnt eine zweijährige Frist, in der beide Seiten die Entflechtung ihrer Beziehungen aushandeln.

Cameron dürfte noch am Vormittag vor seinem Amtssitz Downing Street 10 eine Erklärung abgeben. Ein Rücktritt des seit 2010 amtierenden Regierungschefs wird nicht ausgeschlossen. Er hatte das Referendum bereits 2013 vorgeschlagen - vor allem mit dem innenpolitischen Kalkül, EU-Kritiker in den eigenen Reihen ruhigzustellen. Das ging nicht auf.

Die schottischen Nationalisten sehen die Zukunft ihres Landes nach der Brexit-Entscheidung Großbritanniens klar in der EU. "Schottland hat gesprochen - und sehr deutlich gesprochen", sagte die Vorsitzende der SNP-Partei, Nicola Sturgeon, mit Blick auf das klar pro-europäisches Votum der schottischen Wähler in dem Referendum. "Ich begrüße, dass unser europäischer Status damit unterstrichen wurde", sagte Sturgeon. Es wird erwartet, dass die SNP nun ein erneutes Referendum über den Austritt Schottlands aus dem Vereinigten Königreich und für einen Antrag eines unabhängigen Staates Schottland auf eine EU-Mitgliedschaft anstreben wird.

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Quelle: n-tv.de, bdk/rts/dpa/AFP

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