Politik
Freitag, 06. Januar 2012

Fehler im Skandalmanagement: Causa Wulff ist Lehrbuchbeispiel

Sowohl für den Verlauf eines politischen Skandals, als auch für den Umgang damit gibt es wissenschaftliche Modelle. Im Fall Wulff fehlt noch die letzte Stufe für den ganz großen Skandal. Das könnte Wulff retten, obwohl sein Krisenmanagement denkbar schlecht war, sagt der Tübinger Medienforscher Bernhard Pörksen im Gespräch mit n-tv.de.  

Wulff ist bei seinem ersten öffentlichen Termin noch immer angespannt.
Wulff ist bei seinem ersten öffentlichen Termin noch immer angespannt.(Foto: REUTERS)

n-tv.de: Der Chefredakteur der "Bild"-Zeitung, Kai Diekmann, hat in seinem aktuellen Kommentar einen Machtkampf zwischen ihm und Bundespräsident Wulff bestritten. Wie glaubwürdig ist das?

Berhard Pörksen: Das ist vor allem klug. Ganz grundsätzlich gesprochen gibt es zwischen Boulevardmedien und Prominenten zwei Extremmodelle des Umgangs. Zum einen die Kuschelei, den Deal, die Absprache, freundlicher gesagt: die Symbiose. Zum anderen: die Jagd. Was der Fall zeigt, ist das plötzliche Umschlagen – von der Kooperation zur massiven Kritik, von dem freundlichen Miteinander zur Attacke. Gleichwohl: Ich würde nur sehr ungern in eine pauschale "Bild"-Zeitungs-Kritik einstimmen, weil ich finde, dass man die Sache äußerst überlegt und smart angegangen ist. Die Ursprungsprovokation für die Frage – Soll man den Mitschnitt der Voicemail veröffentlichen? – liegt ja in dem Interview des Bundespräsidenten. Er hat hier noch mal eine Vorlage gegeben, die es erlaubt hat, die Empörung wieder anzuheizen.

Taugen denn die ursprünglich gegen Wulff erhobenen Vorwürfe überhaupt für einen politischen Skandal?

Unbedingt. Im Falle der Hauskreditaffäre gibt es berechtigte Nachfragen und mehr als berechtigte Enthüllungen der "Bild"-Zeitung. Es handelt sich um eine legitime Skandalisierung, die aber nicht notwendigerweise zum Rücktritt führen wird. Das ist weiter offen. Man kann an dieser Geschichte sehen, dass Skandale  immer auch etablierte Netzwerke und  eingespielte Formen der Kooperation zerstören. Blitzschnell wird ein Freiraum für eine Neubestimmung des Verhältnisses zwischen einzelnen Politikern und einzelnen Medien geschaffen. Genau das ist hier passiert.

Was bedeutet das für Wulff?

Es ist nicht völlig unwahrscheinlich, dass sich auf der Mailbox Hinweise darauf finden, dass er die Berichterstattung nicht einfach nur verschieben, sondern tatsächlich verhindern wollte. Er muss drauf setzen, dass der exakte Wortlaut seines Drohanrufes auch tatsächlich nicht veröffentlicht wird. Und dieses Angebot hat ihm die "Bild"-Zeitung gemacht. Was sich an der Causa Wulff aus der Sicht eines Medien- und Skandalforschers zeigt, ist, dass ab einem bestimmten Punkt nicht mehr die eigentliche Affäre maßgeblich ist, sondern der Umgang mit ihr. Das ist Guttenberg passiert, aber auch Wulff. Die Berater des Bundespräsidenten haben in ihrem Krisenmanagement jede Menge Fehler gemacht. Und doch: Ohne den Drohanruf bei der "Bild"-Zeitung, hätte sich die Hauskreditaffäre mit der Weihnachtspause verlaufen, davon bin ich überzeugt. Aber die Voice-Mail-Nachricht hat nun ein jederzeit reproduzierbares Dokument  geschaffen, das die Ursprungsaffäre in eine Mailboxaffäre verwandelt hat – es ist ein Dokument, das sich immer wieder nutzen lässt.

Ist die Veröffentlichung der Nachricht nun das einzig mögliche, was als nächstes passieren kann?

Das Tv-Interview könnte die Wende markieren.
Das Tv-Interview könnte die Wende markieren.(Foto: REUTERS)

Die "Bild"-Zeitung führt gerade auf eine glänzende Weise vor, wie eine Imagekampagne für das eigene Haus funktioniert. Sie ist in der realistischen Prophezeiung aller nur möglichen Szenarien, das muss man neidlos anerkennen, raffinierter, klüger und smarter als die anderen, unmittelbar Beteiligten – und einfach immer schon ein paar Schritte weiter. Nun hat man sich festgelegt, dass man die Mailbox-Nachricht nicht selbst veröffentlichen wird, aber es könnte passieren, dass die Nachricht doch auf diffusem Weg ins Netz gelangt, dass man eine Art Bypass kreiert. Es gibt bereits erste Gerüchte, dass einzelne Medien das genannte Band des Anrufs kennen. Die Ursprungsveröffentlichungen über den Drohanruf stammen im Übrigen aus der "FAZ" und der "Süddeutschen Zeitung". Hier hat man vermutlich erfolgreich über Bande gespielt – auch um von Anfang an, eine aggressive Frontenbildung "Bild"-Zeitung vs. Wulff zu vermeiden, die selbst wieder – eben zum Nachteil des Boulevardmediums – skandalisierbar gewesen wäre.

Könnten sich andere Zeitungen leisten, die Nachricht zu veröffentlichen?

Nein, ich glaube nicht. Aber es ist schwer zu sagen. Die wahrscheinlichste Variante: Es gibt ein Leck. Aber dann müsste die Chefredaktion der "Bild"-Zeitung glaubwürdig vermitteln können, wie dieses zustande gekommen ist – und dass man definitiv nicht selbst dahinter steckt.

Hat sich Wulff, wie es manche sagen, damit in die Hand der "Bild"-Zeitung begeben?

Nein, das ist Unsinn. Christian Wulffs Problem ist vielmehr, dass die Art und Weise des Krisenmanagements zum wiederholten Male neue Skandalisierungsanlässe produziert. Er liefert den Medien immer wieder neues Futter. Was hingegen auf Seiten der Opposition läuft, ist ein kontrolliertes Miesmachen, das sich eben gerade nicht bis zur offenen Rücktrittsforderung steigert. Diese ist eher Sache der Medien, nicht der Opposition – und auch nicht der Bevölkerung.

Warum ist das so?

Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit der Medienwissenschaftlerin Hanne Detel erforscht er, wie Skandale entstehen.
Bernhard Pörksen ist Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen. Gemeinsam mit der Medienwissenschaftlerin Hanne Detel erforscht er, wie Skandale entstehen.(Foto: dpa)

Zum einen: Wir leben in einer Phase entfesselter Empörungsdynamik – und es gibt auf Seiten des mit der Dauer-Aufregung konfrontierten Publikums ganz gewiss Ermüdungserscheinungen. Man will nicht auf jedes Skandalisierungsangebot sofort einsteigen. Zum anderen: Der Fall macht auch offenbar, dass die Deutungshoheit der Leitmedien bröckelt, dass Medienempörung und Publikumsempörung nicht identisch sind. Schon im Falle von Thilo Sarrazin entlud sich die Wut derjenigen, die hier Zensur und Gesinnungsterror witterten, im Netz. Die Redakteure der „Süddeutschen“ hat – als sie Karl-Theodor zu Guttenberg als Plagiator und Betrüger vorführten – eine Flut von Wut-Mails erreicht.  Und im Falle von Christian Wulff akzeptiert die Bevölkerung den medial unisono geforderten Rücktritt nicht als die eigene Position.

Die Bürger sind in Umfragen vielmehr bereit, Wulff eine zweite Chance zu geben, wieso?

Die Leute machen diese Daueraufregung nicht mit, das sofortige Auffahren schwerer Geschütze, die gleich geäußerten Rücktrittsforderungen. Der Skandalschrei ist legitim, aber auch die Reaktion, das nicht mitzumachen, ist legitim.

Ist damit Wulffs Krisenmanagement geglückt?

Soweit würde ich nicht gehen. Denn das Skandal- und Krisenmanagement des Bundespräsidenten war, wie gesagt, von extremen Fehlern geprägt, die mich schlicht überrascht haben. Dass hochrangige Politiker offensichtlich nicht über eine Armada glänzend geschulter Berater verfügen, die die Gesetze des Skandal- und Krisenmanagements kennen, wundert mich. Es sind ja ganz einfache Regeln, um die es geht: sofort reagieren, maximale Transparenz herstellen, sich auf die neuen Medienbedingungen einstellen, mit einer ernsthaften Geste um Entschuldigung bitten. Und so weiter. Das ist Lehrbuchwissen der Krisen-PR, erstes Semester.

Ist das mit dem Interview nun besser geworden?

Das Medienecho war erneut verheerend, aber ich teile die Kritik nicht in dieser Schärfe, weil man doch sehen muss: Es ging um einen kommunikativen Balanceakt, um die große Demutsgeste, die aber nicht zu einer peinlichen Selbstentblößung führt, die der Aura des Amtes widerspricht. Es ging doch nicht darum, sofort Vertrauen wieder zu gewinnen, schon übermorgen als Ikone der Glaubwürdigkeit verehrt zu werden – und alle, wirkliche alle Fragen zu jedem Kredit-Detail in 21 Minuten zu beantworten. Das Ziel war ganz schlicht Machterhalt, der Versuch, eben doch noch im Amt zu bleiben. Und das hat bis jetzt funktioniert. Natürlich: Die erneute Äußerung zur "Bild"-Zeitung war ein grober Schnitzer, und es gibt auch zu anderen Äußerungen Nachfragen. Aber ich habe hier doch das erste Mal eine überlegte Strategie erkannt: einerseits ging es darum, sich bei den Medien zu entschuldigen; andererseits war es das Ziel, bei der Bevölkerung um Sympathie zu werben.

Mit Bernhard Pörksen sprach Solveig Bach

Quelle: n-tv.de