Politik

Plant der Kreml die Evakuierung?Darum könnte die Krim den Ukraine-Krieg entscheiden

03.07.2026, 15:18 Uhr c-ammeVon Caroline Amme
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Rauch steigt von der Krim-Brücke auf, sie verbindet die Halbinsel mit dem russischen Festland. (Foto: via REUTERS)

Die Ukraine attackiert Russland an seiner Achillesferse: Die Krim ist das logistische und militärische Drehkreuz. Kiew ist auf dem besten Weg, die Halbinsel komplett zu isolieren und vom Nachschub abzuschneiden. Das hat Auswirkungen auf die Front in der Südukraine.

Jede Nacht Drohnen und Sirenen - es herrscht Ausnahmezustand auf der Krim. Die Ukraine greift seit einigen Wochen effektiv und hartnäckig die von Russland besetzte Halbinsel zwischen dem Schwarzen und dem Asowschen Meer an. Mit Drohnen attackiert sie Treibstofftanks und Kraftwerke, Infrastruktur und Tanklaster - und zerstört russische Militärschiffe und wichtige Brücken.

Die rund zwei Millionen Einwohner spüren die Folge der Angriffe: Sie bekommen kein Benzin mehr. Immer wieder gibt es Stromausfälle. Das Leben auf der Krim sei schwieriger, sagt ntv-Korrespondent Rainer Munz. Auch Lebensmittellieferungen würden erschwert. Einige Supermärkte in Sewastopol geben laut Medienberichten pro Person nur noch drei Packungen Nudeln oder drei Flaschen Pflanzenöl heraus. Grundnahrungsmittel wie Zucker und Reis werden knapp.

Auch für Touristen ist der Badeurlaub dieses Jahr passé. Alle Strände sind wegen des Ausnahmezustands geschlossen. Viele Russen haben ihre Reisen storniert oder sind überstürzt abgereist. Ein touristisches Leben auf der Halbinsel ist nur schwer vorstellbar: "Wer will schon über eine Autobahn fahren, die mit Drohnen beschossen wird?", fragt Munz.

Die Hotelbuchungen auf der Krim sind laut der russischen Wirtschaftszeitung "Kommersant" vom 24. Mai bis zum 6. Juni im Vergleich zum Vorjahr um 31 Prozent zurückgegangen, in Sewastopol um 40 Prozent. Die Stornierungen von Urlaubsreisen haben sich demnach verdoppelt. Beim Reisebüro Travelline seien im selben Zeitraum sogar knapp 80 Prozent der Buchungen storniert worden. Auch mitten im Krieg war die Krim bisher noch eines der wichtigsten Urlaubsziele für Russen. Auch alle Sommerferienlager für Kinder sind abgesagt.

Drohnen und KI verbessern Chancen

Es ist nicht das erste Mal, dass die Ukraine die Krim angreift, seitdem Russland sie besetzt und 2014 illegal annektiert hat. Erste Angriffe gab es 2022. Im August hatte sie auf einem Militärflughafen einige Kampfflugzeuge zerstört. Im Oktober wurde die Krim-Brücke durch eine Explosion schwer beschädigt.

2023 gab es massive Drohnenangriffe sowie einen Raketenangriff auf das Hauptquartier der russischen Schwarzmeerflotte mit mehreren Toten. Ukrainischen Spezialeinheiten ist es gelungen, auf die Krim zu gelangen. Zudem gab es wieder eine Explosion auf der Krim-Brücke. 2024 hat die Ukraine mindestens zwei russische Kampfflugzeuge und eine Treibstoffanlage zerstört. Vergangenes Jahr trafen ukrainische Langstreckendrohnen drei russische Kampfflugzeuge, Munition und Militärtechnik.

Oberst Markus Reisner sieht Parallelen zwischen den Angriffen von 2023 und heute. "Bemerkenswert ist: Jetzt versucht die Ukraine, dasselbe Ziel zu erreichen. Doch jetzt setzt sie Drohnen ein - wir sind endgültig im 21. Jahrhundert angekommen", sagt er im ntv.de-Interview. Auch KI sei im Einsatz: "Sie versuchen, teils durch Künstliche Intelligenz gesteuert, die Logistikrouten auf den Wegen zur Krim zu unterbrechen."

Ukraine startet 40-tägige Offensive

Für Russland ist die Krim ein wichtiger logistischer Knotenpunkt. Der Kreml hat sie zur wichtigsten Militärbasis ausgebaut. Hier gibt es mehrere Stützpunkte für Marine und Luftwaffe. In der Hafenstadt Sewastopol ist das Hauptquartier der Schwarzmeerflotte. Von der Krim aus schickt der Kreml Drohnen und Raketen in den Süden der Ukraine. Die Krim ist das "Kronjuwel" der russischen Eroberungen in der Ukraine. "Die Ukrainer wissen um die strategische, politische und emotionale Bedeutung der Krim für Putin", sagt Militärexperte Gustav Gressel im ZDF. "Sie weiß, dass ihn eine Gefährdung der Krim unter Zugzwang setzt. Das probiert man in diesen Tagen."

Mit den Luftangriffen auf die Krim wehrt sich die Ukraine nicht nur gegen Russlands Krieg. Ihre Ziele sind weitreichender. Ende Juni hat sie eine Offensive gegen russische Ziele gestartet. 40 Tage soll sie dauern. Damit will sie Russland zum Frieden zwingen.

Die ukrainische Armee hat es auf die Versorgungsstraßen, Schienen und Fährverbindungen der Krim abgesehen. Sie will die Halbinsel isolieren, militärisch und logistisch. "Es sieht so aus, als würde die Krim zur Insel werden", sagt der ukrainische Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow. Ist die Verbindung nach Russland getrennt, sind die russischen Truppen auf der Krim eingekesselt.

Fast alle Brücken zerstört

Das zweite Ziel ist, die russischen Truppen im Süden der Ukraine zu isolieren, denn die Krim ist Basis und Umschlagplatz für Logistik, Treibstoff und Munition der Südfront. Sind die Brücken zur Krim zerstört, kann die russische Armee keinen Nachschub mehr liefern.

Die meisten der Brücken hat die Ukraine schon erfolgreich getroffen: die Henitschesk-Brücke, die Tschonhar-Brücke und die Brücken bei Armjansk - sie verbinden die Krim mit dem ukrainischen Festland. Außerdem wurde eine Eisenbahnbrücke über den Nord-Krim-Kanal im Westen der Halbinsel beschädigt, genauso Auto- und Eisenbahnfähren. Russland hat damit wichtige Verkehrswege für militärische Güter verloren.

"Für die gegenwärtige Operationsführung sieht man, dass aus der Krim weniger Drohnenangriffe gestartet werden, als noch vor einem halben oder vor einem Jahr", sagt Gressel im ZDF. Der Frontabschnitt am Dnepr und im südlichen Oblast Saporischschja sei deutlich ruhiger geworden. Die russischen Kräfte im Süden seien aber noch "abwehrbereit".

Militärexperte Reisner ist vorsichtig optimistisch: Die Ukraine habe einen "Ansatzpunkt" gefunden. Ein Ziel habe Kiew mit seiner Offensive schon jetzt erreicht: Die Russen bekämen den Krieg in der Ukraine aktiv mit.

Krim-Brücke nur schwer zerstörbar

Die letzte Straßenverbindung zur Krim ist aktuell die Krim-Brücke über die Straße von Kertsch. Sie ist die einzige Verbindung zwischen dem russischen Festland und der Krim - und Putins Prestigeprojekt: Der russische Staatschef hatte sie 2018 persönlich eröffnet. Die Brücke spielt eine wichtige Rolle beim zivilen Verkehr und bei der militärischen Versorgung der besetzten Gebiete.

Die Ukraine hat sie in der Vergangenheit immer wieder angegriffen. 2022 zum Beispiel war ein Lkw mit Sprengstoff explodiert, Brückenteile waren ins Meer gestürzt. Bisher haben die Ukrainer es aber nicht geschafft, das Bauwerk zu zerstören. Erreicht haben sie mit ihren Attacken aber immerhin, dass sich Russland für Munition und Treibstoff inzwischen andere Wege sucht, sagt der Militäranalyst Andreas Rapp im "Tagesspiegel".

Die Krim-Brücke ist sehr stabil, größer und neuer als alle anderen Brücken. Daher ist sie schwerer zu zerstören. Das hält Militärexperte Gressel derzeit für zu aufwendig und unrealistisch. Auch, weil Russland versucht, die Krim-Brücke zu schützen: auf Satellitenbildern sind schwimmende Bojen zu sehen, die ukrainische Sprengstoff-Drohnen stoppen sollen. Mit Rauchgeneratoren wird versucht, einen Teil der Brücke zu verschleiern.

Kreml bereitet angeblich Massenevakuierung vor

Doch die Ukraine wird nichts unversucht lassen, denn die Krim ist für den Krieg gegen Russland entscheidend: Wer sie kontrolliert, wird den Krieg gewinnen, sagte der ehemalige US-General Ben Hodges der ukrainischen Nachrichtenagentur Ukrinform. Solange Russland die Krim kontrolliert, werde der Krieg nicht enden und es gebe keinen dauerhaften Frieden.

Russland hat den Ernst der Lage erkannt. Der Kreml plant anscheinend eine Massenevakuierung. Er will einen Teil der Bevölkerung, Institutionen und Einrichtungen von der Halbinsel bringen, berichtet der bekannte russische Telegramkanal "VChK-OGPU".

Der ukrainische Militäranalyst Oleksandr Kovalenko hält eine Evakuierung jedenfalls für "durchaus wahrscheinlich", wie er der österreichischen "Kronen-Zeitung" gesagt hat. Denn die russische Führung sei besorgt, dass die Krim-Brücke zerstört werden könnte. Sollte es der Ukraine gelingen, diese Route nach Russland zu zerstören, wäre eine Evakuierung "äußerst schwierig".

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Redaktion: Caroline Amme, Christian Herrmann, Kevin Schulte

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Quelle: ntv.de

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