Politik

FCAS lebtDas Aus für den Kampfjet birgt auch Chancen

09.06.2026, 17:07 Uhr UnbenanntVon Frauke Niemeyer
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Der Next Generation Fighter Jet bei der Pariser Flugschau. (Foto: IMAGO/NurPhoto)

Der gemeinsame Kampfjet von Frankreich und Deutschland ist gescheitert, aber war dieses Giga-Projekt noch zeitgemäß? Die wichtigsten Fragen und Antworten zu FCAS.

Aus für FCAS - stimmt das?

Nein, diese vielfach zu lesende Schlagzeile ignoriert die Größe des Projekts, das Deutschland mit Frankreich und Spanien gemeinsam aufsetzt. Entstehen soll ein Future Combat Air System (FCAS), also ein Luftkampfsystem der Zukunft. Im Zentrum stand nach bisheriger Planung ein Kampfflieger, der Next Generation Fighter (NGF), den auf französischer Seite der Konzern Dassault und für die deutsche Seite Airbus entwickeln sollten. Dieser gemeinsame Kampfjet kommt nicht.

Das System, in das er eingebettet sein sollte - Drohnen in der Luft, am Boden, bewaffnet und unbewaffnet, ein Verbindungsnetz mit Schnittstellen, über die Waffensysteme Informationen miteinander austauschen können - ist von der Absage allerdings nicht betroffen. Diese sogenannte Combat Cloud wird weiter entwickelt. Und das spielt bei FCAS die entscheidende Rolle.

Warum kommt der Kampfjet nicht? Problem 1: Technik

Das Aus für den Next Generation Fighter Jet hat eine Reihe von Gründen, und einige Probleme bestanden von Tag 1 an. Zum Beispiel die Technik.

Es ist schwierig, wenn zwei Staaten gemeinsam einen Kampfflieger entwickeln, den beide aber ganz unterschiedlich einsetzen wollen. Frankreichs Armee betreibt einen Flugzeugträger, die Charles de Gaulle, und will seinen zukünftigen Kampfflieger auch von dort starten lassen. Dafür braucht der Jet ein robusteres Fahrwerk und auch eine besonders stabile Flugzeugzelle, denn bei der Landung auf einem Flugzeugträger setzt der Jet hart auf und wird enorm stark abgebremst.

Die Bundeswehr hat keinen Flugzeugträger und würde daher diese besondere Stabilität nicht benötigen. Dafür hat sie Anforderungen an Größe und Geschwindigkeit des Fliegers. Denn ohne Flugzeugträger, der über den Wasserweg nah ans Einsatzgebiet heranfahren kann, müsste ein deutscher Jet womöglich viel größere Distanzen zurücklegen, um vom Luftwaffenstützpunkt ins Einsatzgebiet und zurück zu fliegen. Das würde einen größeren Tank für mehr Treibstoff erfordern, den wiederum die Franzosen nicht brauchen.   

Frankreich will mit dem Flieger der Zukunft auch die Fähigkeit haben, seine Atomwaffen ins Ziel zu bringen. Deutschland hingegen hat keine eigenen Atomwaffen, sondern nur die US-Bomben, die im Rahmen der Nuklearen Teilhabe in Büchel stationiert sind. Die sollen zukünftig mit dem US-Flieger F-35 transportiert werden können, den die Bundeswehr bereits bestellt hat. Ein europäisches Flugzeug würde die US-Regierung vermutlich nicht für den Transport ihrer Atomwaffen zertifizieren. Die Anforderung an den NGF, Atomraketen tragen zu können, bestand also nur auf französischer Seite.

Zwar ist es nicht unmöglich, solch unterschiedliche Ansprüche in einem Flieger zusammenzuführen - ideal ist das aber nicht. Eine Lösung, die auf zwei Versionen hinausgelaufen wäre, hätte die Entwicklung immens verteuert und verlangsamt. Nicht sehr verwunderlich also, dass es seit dem Start des Projekts 2017 noch kaum vorwärtsging.

Problem 2: Éric Trappier

Der Chef des französischen Dassault-Konzerns zeigte sich für eine Zusammenarbeit solcher Dimension wenig kompromissbereit. Denn wer ein Produkt im Team entwickeln will, muss den Beteiligten zwar klare Zuständigkeiten und Befugnisse zuteilen, es braucht aber auch Offenheit und Vertrauen, um sensible Informationen und auch Kompetenzen miteinander zu teilen. Dazu war Trappier aus Sicht der Deutschen nicht bereit.

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Éric Trappier war beim Kampfjet kaum kompromissbereit. (Foto: IMAGO/ABACAPRESS)

Man hatte sich geeinigt, dass der Franzose mit Dassault den Kampfjet federführend bauen sollte, während Airbus Defence and Space die Entwicklung der Drohnen-Cloud übernehmen wollte. Doch "federführend" hieß aus Sicht der Deutschen dennoch partnerschaftlich. Trappier hingegen bestand auf weitgehender Autarkie, und das auch in geschäftlichen Fragen. Dassault wollte den Jet bauen, ihn anschließend auch verkaufen und daran verdienen. Für Airbus kein gangbarer Weg.

Doch Trappier bewegte sich in zahlreichen Verhandlungen keinen Millimeter. Schließlich versuchte Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich, den Dassault-Chef zum Einlenken zu bewegen - vergeblich. Auch Frankreichs Präsident Emmanuel Macron konnte nichts ausrichten. "Letztendlich hat Éric Trappier das Kampfjet-Projekt torpediert", bilanziert der Sicherheitsexperte Frank Sauer. "Es ist primär an Dassault gescheitert."

Wie groß der Frust in Berlin über die Haltung Trappiers sein muss, deutete sich in der Kommunikation der Absage vom Montag an. Merz und Macron teilten die Ansicht, die Unternehmen fänden nicht zusammen, so hieß es. "Bundeskanzler Merz hat Präsident Macron deshalb nahegelegt, den Bau eines gemeinsamen Kampfflugzeuges nicht weiterzuverfolgen."

Das ist auf diplomatischem Parkett starker Tobak. Schließlich bleibt der Hauptteil der FCAS-Entwicklung bestehen. Man hätte also positiv die Zusammenarbeit bei der Combat Cloud bekräftigen können und im Nebensatz das Aus für den Kampfjet mitteilen. Die Bundesregierung entschied sich anders, und das spricht für ein bemerkenswertes Ausmaß an Ärger über die Verweigerungshaltung des Éric Trappier. Ärger, den man sich nicht mehr bemühte, zu verbergen.

Der Kampfjet kommt nicht - ist das schlimm?

Hier ist die gute Nachricht: Unterm Strich nicht sehr. Natürlich wirft eine gescheiterte Zusammenarbeit ein schlechtes Licht auf die Beziehung zwischen Deutschland und Frankreich. Gerade in Zeiten, in denen der Kreml sehr aufmerksam nach Westeuropa schauen müsste, um die Stärke der europäischen Nato-Partner einzuschätzen. Wenn dann ein so hoch gehandeltes Prestige-Projekt wie der Next Generation Fighter gegen die Wand fliegt, trägt das nicht zur Abschreckung eines möglichen Gegners bei.

Zudem geht es nicht nur darum, andere abzuschrecken. Gute Zusammenarbeit hat auch einen Wert nach innen, und da werden einige Risse in der deutsch-französischen Partnerschaft zu kitten sein. Zumal Frankreich mit seinen Investitionen in Verteidigungsfähigkeit inzwischen spürbar hinter den Deutschen zurückbleibt. Ein gemeinsamer Kampfjet hätte eine bessere Balance gebracht.

Abseits dieser Nachteile birgt der Stopp des deutsch-französisch-spanischen Kampfjet-Projekts allerdings auch Chancen. Zunächst die Chance, den Kampfjet-Plan zu entschlacken. Billiger wird es, je mehr sich beteiligen. Deutschland kann nun prüfen, ob sich ein Einstieg in anderen, schon bestehenden Konsortien lohnt. Zum Beispiel bei den Briten, die gemeinsam mit Italien und Japan einen Flieger entwickeln. Auch Schweden wäre ein möglicher Partner. Airbus bietet eine Entwicklung im Bündnis aus acht Firmen an, darunter Hensoldt, Diehl Defence und MBDA.

Und nun, da der NGF ausgebremst ist, könnten sich pragmatische Planer noch eine ganz andere Frage stellen: War das Projekt in seiner Mega-Dimension eigentlich noch sinnvoll? Mit FCAS - reine Entwicklungskosten 100 Milliarden Euro - wollte man "Luftkampf neu denken". Das teuerste Rüstungsprojekt der Geschichte Europas, einsatzbereit im Jahr 2040. Nur: Wieviel wird der Luftkampf 2040 noch mit dem zu tun haben, was man jetzt für den Luftkampf der Zukunft hält?

Die ukrainische Armee hat sich gerade mit künstlicher Intelligenz des US-Konzerns Palantir in eine überlegene Stellung gegenüber Russland gebracht. Die Wendung vollzog sich binnen Monaten. Die technischen Möglichkeiten entwickeln sich in rasantem Tempo und mit direkten Folgen für das Kräfteverhältnis der Kriegsgegner.

Vor diesem Hintergrund stellt Sauer, der an der Universität der Bundeswehr forscht, den Sinn eines enorm teuren Großprojektes zwar vorsichtig, aber dennoch grundsätzlich infrage. "Ein solcher bemannter Next Generation Fighter würde in Europa vermutlich in einer niedrigen dreistelligen Stückzahl gebaut. Da würde - überspitzt gesagt - jeder einzelne Flieger von Elfen bei Mondlicht mit der Hand zusammengeklöppelt. Wäre das im Zeitalter von KI und massenhaften unbemannten Billig-Systemen noch zeitgemäß?" 

Sauer richtet das Augenmerk auf neue, agile Drohnenhersteller - Firmen, die KI-Flugkörper entwickeln, die nicht in 14 Jahren einsatzbereit sind, sondern in 14 Monaten. "Die haben natürlich bei Weitem nicht die Qualität und den Leistungsumfang eines Kampfjets der 6. Generation, aber sie sind preiswerter, schneller in Masse gefertigt, und wenn von zehn drei abgeschossen werden, kommen immer noch sieben ans Ziel und richten genügend Schaden an." Man müsse daher jetzt ganz offen die Frage ansprechen, "wie wir in diesem konkreten Fall die langfristige Technologieentwicklung und den kurzfristigen militärischen Nutzen mit Blick auf Europas Verteidigungsfähigkeit zueinander gewichten wollen".   

Das Aus für den deutsch-französischen Kampfjet kann also eine Gelegenheit sein, um die Entwicklung nochmal neu auszurichten, anzupassen an Erkenntnisse, die man 2017 noch gar nicht hatte und haben konnte. Vielleicht kommt man dann zum Schluss, dass ein etwas simpleres, robusteres, vielleicht nur optional bemanntes Flugzeug, unterstützt von einer hochmodernen KI-Cloud, die bessere Lösung wäre? Dass dieser Teil von FCAS weiter besteht, dass die Schnittstellen, Clouds, KI und Kommunikationssysteme weiterentwickelt werden, ist in diesen Tagen die entscheidende Nachricht.

Quelle: ntv.de

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