Politik

Verzweifelt optimistisch Das Gegenteil von Trump

Von Prüfungen spricht Joe Biden in seiner ersten Rede als US-Präsident. Seinen Vorgänger erwähnt er nicht. Doch alles, was Biden sagt, richtet sich gegen den Mann, der nach Washington gekommen war, um Hass zu verbreiten.

Das Gefühl der Erleichterung muss enorm gewesen sein. Ein Moment Zeit bleibt Joe Biden zwischen seinem Amtseid und seiner ersten Rede als US-Präsident - Zeit genug, um kurz mit seiner Vizepräsidentin Kamala Harris zu scherzen, die schon vor ihm vereidigt worden war. Dann tritt Senatorin Amy Klobuchar ans Rednerpult und kündigt ihn an: "Ein Moment, auf den wir alle gewartet haben", sagt sie und meint alle Amerikaner. So ganz stimmt das deshalb nicht, aber zum Aufatmen, das durch die Bühne zu gehen scheint, passen ihre Worte durchaus.

Joe Biden, 46. Präsident der Vereinigten Staaten, 78 Jahre alt. Seine Rede ist mehr eine Predigt, ein Appell an die Amerikaner, sich dem Gefühl der Erleichterung anzuschließen, ihn und seine Anhänger zumindest nicht als Feinde anzusehen. Im Tonfall des fast schon verzweifelt klingenden Optimismus beschwört Biden die Geschichte der USA als "dauerhaften Kampf zwischen dem amerikanischen Ideal, dass wir alle gleich geschaffen wurden, und der rauen, hässlichen Realität, in der Rassismus, Angst, Dämonisierung uns seit langem auseinanderreißen". Am Ende seiner Rede ruft er die Amerikaner auf, diese Geschichte weiterzuschreiben: als "Geschichte von Anstand und Würde, Liebe und Heilung, Größe und Güte".

Den Namen seines Vorgängers erwähnt er mit keiner Silbe, auch nicht, als er seinen lebenden Vorgängern dankt, von denen drei zu seiner Vereidigung gekommen sind: Barack Obama, George W. Bush und Bill Clinton. Lediglich der 96-jährige Jimmy Carter ließ sich entschuldigen. Donald Trump dagegen hat sich die Zeremonie erspart, er war bereits am Morgen nach Florida geflogen. So etwas ist seit mehr als 150 Jahren nicht vorgekommen. Aber was hätte Trump auf dieser Tribüne machen sollen? Gute Miene, wie vor vier Jahren Obama, der mit versteinertem Gesicht anhören musste, wie Trump keine Inaugurationsansprache hielt, sondern eine Wahlkampfrede, die spaltete, die Gesellschaft in "euch", seine Anhänger, und "sie", die gemeinsamen Feinde, teilte?

"Wir sind gute Menschen"

Biden macht, wofür er gewählt wurde: das exakte Gegenteil. "Lasst uns alle neu anfangen. Lasst uns anfangen, einander wieder zuzuhören", sagt er, und: "Allen, die uns nicht unterstützt haben, sage ich dies: Hört mir zu". Wer dann immer noch nicht zustimme, der habe alles Recht dazu. "Aber hört mir genau zu: Uneinigkeit darf nicht zur Spaltung führen." Er verspricht, er werde ein Präsident für alle Amerikaner sein.

Nicht nur, was Biden sagt, ist das Gegenteil von Trump. Die ganze Szenerie ist anders als alles, was man den vergangenen Monaten gesehen hat, wenn der Präsident mit seinen Getreuen öffentlich aufgetreten ist. Niemand hier tut so, als gäbe es die Corona-Pandemie nicht. Alle tragen Masken, wenn sie nicht gerade einen Amtseid ablegen, eine Rede halten oder singen. Als Trump sich am Morgen auf dem Militärflughafen Andrews von geladenen Anhängern verabschiedet hatte, trug niemand eine Maske. Am Ende umarmt Biden zwar seinen ehemaligen Chef Obama und dessen Vorgänger Bush. Kamala Harris verteilt gleich mehrere Umarmungen. Aber unbeschwert ist diese Veranstaltung nicht. Nur 1000 Gäste verteilen sich auf dem Gelände. Es ist damit die kleinste Inauguration der jüngeren US-Geschichte - nachdem Trump vor vier Jahren gelogen hatte, zu seiner Amtseinführung seien so viele Menschen gekommen wie zu keiner anderen zuvor.

Von Reparatur spricht Biden, von Wiederaufbau. "Dies ist eine großartige Nation", ruft er. "Wir sind gute Menschen." Es klingt beschwörend. Mehrfach betont er, die USA seien "geprüft" worden, vier Mal sagt er das. "Und Amerika hat die Herausforderung bestanden", fügt er beim ersten Mal hinzu. "Wir sind stärker daraus hervorgegangen", beim zweiten Mal. Doch ganz so sicher scheint er da nicht zu sein. "Leute, dies ist eine Zeit der Prüfung", sagt er nach einem kurzen, stillen Gebet für die Toten der Corona-Pandemie. "Wir stehen einem Angriff auf unsere Demokratie und auf die Wahrheit gegenüber. Ein grassierendes Virus, wachsende Ungleichheit, der Stachel des systemischen Rassismus, ein Klima in der Krise. Amerikas Rolle in der Welt. Jedes dieser Probleme wäre genug, um uns auf schwerwiegende Art herauszufordern. Aber Tatsache ist, wir müssen sie alle gleichzeitig konfrontieren."

Natürlich endet Biden optimistisch. "Die Demokratie und die Hoffnung sind nicht gestorben, während wir zugesehen haben, sie sind erblüht."

"Nicht zerbrochen, nur unvollendet"

Die Rede passt zum Moment, sie passt zum Sprecher. Danach wirkt Biden geschafft, was an seinem Alter liegen könnte, vielleicht aber auch an der unfassbaren Aufgabe, die er gerade skizziert hat. Denn anders als Trump sind dessen Anhänger ja nicht einfach verschwunden, auch die gewaltbereiten nicht. Genau hier, wo sich Biden jetzt von seiner Rede erholt, hat vor zwei Wochen ein wütender, von Trump aufgestachelter Mob das Kapitol gestürmt, in Teilen verwüstet, fünf Menschen starben dabei. Für die Inauguration wurden 25.000 Nationalgardisten und Tausende Polizisten aufgeboten, um die Hauptstadt zu sichern. Die Gegend rund ums Kapitol ist abgeriegelt.

Spärliche Zeichen der Versöhnung gibt es. Zusammen mit der demokratischen Senatorin Klobuchar moderiert der Republikaner Roy Blunt die Veranstaltung. Der Chef der Republikaner im Senat, Mitch McConnell, der Trump vier Jahre lang die Treue gehalten hat, ist ebenfalls gekommen. Nach Lady Gaga und Jennifer Lopez trägt auch der Country-Sänger Garth Brooks, ein Republikaner in Cowboyhut und Jeans, einen Song vor: "Amazing Grace", ein populäres Kirchenlied. Garth bittet das Publikum, die letzte Strophe mit ihm zu singen, nicht nur die Leute im Publikum, "auch die Zuhause, auf der Arbeit, gemeinsam".

Es sei schwer, jetzt nicht daran zu denken, wie der damalige Präsident Obama "Amazing Grace" gesungen habe, sagt Senator Blunt danach. Das war 2015, in einer Kirche in Charleston bei einer Trauerfeier für neun Schwarze, die während einer Bibelstunde in ihrer Kirche von einem Weißen ermordet worden waren. Trump hat Rassisten stets zu verstehen gegeben, dass er auf ihrer Seite steht - auch wenn er das danach meist dementierte.

Dann kündigt Blunt Amanda Gorman an, eine 22 Jahre alte Dichterin aus Los Angeles, die das Gedicht, das sie jetzt vorträgt, erst vor zwei Wochen fertig gestellt hatte. Besser als Bidens Rede fasst es zusammen, was der neue Präsident sagen wollte. "Wir trotzten dem Bauch der Bestie", so Gorman. "Irgendwie haben wir eine Nation erlebt und überstanden, die nicht zerbrochen ist. Sondern nur unvollendet."

Quelle: ntv.de