Politik

Sinn-Féin-Chef Gerry Adams Das Gesicht der "Troubles" tritt ab

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Gerry Adams räumt den Vorsitz der irisch-republikanischen Partei Sinn Féin - nach 35 Jahren.

(Foto: REUTERS)

Für die einen ist er ein Friedensstifter, für andere das Gesicht des IRA-Terrors: Gerry Adams, der bedeutendste irische Politiker im Nordirlandkonflikt. Nach 35 Jahren räumt er nun den Vorsitz der katholischen Partei Sinn Féin.

Einen Monat vor dem Ende seiner politischen Karriere erheitert Gerry Adams die Leser seines Blogs mit einem ungewöhnlichen Eintrag. "Auf der Suche nach einem Job?", steht dort. Wer Mitglied der Sinn Féin und "an einem unbezahlten Job interessiert" sei, solle sich bewerben, schreibt der 69-jährige Chef der irisch-republikanischen Partei - und meint seine Nachfolge. Beim heutigen Sonderparteitag gibt er den Stab an die 48-jährige Mary McDonald weiter. Damit endet die Ära eines polarisierenden Politikers, der seit 35 Jahren an der Spitze der katholischen Partei stand.

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Sein Rückzug kommt in politisch unruhigen Zeiten, in denen die nordirische Regierungskrise bereits mehr als ein Jahr lang andauert und der bevorstehende EU-Austritt Großbritanniens das Land vor eine Zerreißprobe stellt. Trotz alledem ist die aktuelle Lage in Nordirland bei weitem nicht so turbulent wie die Zeiten, in denen Adams zu einem der bedeutendsten Politiker in der anglo-irischen Geschichte aufsteigt.

Als Adams 1948 in der nordirischen Hauptstadt Belfast zur Welt kommt, ist Irland bereits geteilt. Die protestantische Regierung im Norden diskriminiert systematisch katholische Nationalisten und Republikaner, zu denen auch Adams' Familie zählt. Geprägt durch diese Eindrücke - und die Erfahrungen seines Vaters als IRA-Kämpfer - beginnt Adams in den 1960er Jahren, sich in der Bürgerrechtsbewegung zu engagieren. Später beteiligt er sich an Straßenschlachten mit pro-britischen und protestantischen Loyalisten sowie mit der Polizei.

Undurchsichtige IRA-Vergangenheit

Für seinen Job im legendären Pub Duke of York hat Adams keine Zeit mehr. Nordirland schlittert in einen Bürgerkrieg, den die Bevölkerung verharmlosend "Troubles" nennt. Auch Adams mischt in den Unruhen mit, angetrieben von der Vision einer von Großbritannien unabhängigen und vor allem vereinigten Republik Irland. 1972 verhaftet ihn die britische Armee, die die Situation auf Anweisung Londons beruhigen soll. Sie schickt Adams in Internierungshaft - und dort beginnt eines der nebulösesten Kapitel in der Vita des Sinn-Féin-Aktivisten.

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Spätestens seit der ersten Inhaftierung steht Adams in Kontakt mit Aktivisten der in Nordirland 1969 neu formierten Irisch-Republikanischen Armee (IRA). Die paramilitärische Untergrundorganisation soll für den Tod von etwa 1700 Menschen verantwortlich sein. Insgesamt sterben in den "Troubles" mehr als 3000 Menschen. Bis heute steht Adams im Verdacht, zeitweise Teil des IRA-Führungsstabs gewesen zu sein.

Doch der bärtige Mann mit dem markanten Zähnefletschen bestreitet dies vehement, auch noch wenige Tage vor seinem Rückzug als Sinn-Féin-Chef. Auf die Frage, warum er niemals der IRA beigetreten sei, erwidert er in einem BBC-Interview: "Ich war bei Sinn Féin aktiv, als die IRA in den 1960ern nicht existierte." Mit dem Verweis auf sein Ziel, den republikanischen Weg mit politischen Mitteln zu gehen, betont er, "dass ich kein Mitglied der IRA war". All die Dementis mögen angesichts der belastenden Aussagen von Ex-IRA-Aktivisten, Terroropfern und britischen Geheimdienstlern unglaubwürdig erscheinen. In einer Umfrage der irischen Rundfunkanstalt RTÉ von 2015 gaben 89 Prozent der Befragten an, Adams nicht zu glauben. Allein, zweifelsfrei bewiesen ist seine IRA-Aktivität bis heute nicht.

Republikanische Doppelstrategie

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Gemeinsam mit Martin McGuinness formte Gerry Adams den nordirischen Teil der Sinn Féin zu einer erfolgreichen Partei. McGuinnes war unter anderem Stabschef der IRA, die in Nordirland offiziell Provisional IRA hieß.

(Foto: REUTERS)

Unbestritten ist, dass Adams als republikanischer Vordenker eine erfolgreiche politische Strategie verfolgt. Während die IRA das Land mit Terror überzieht, prangert Sinn Féin öffentlichkeitswirksam die Diskriminierung der katholischen Minderheit an. Insbesondere durch die Hungerstreiks politischer Gefangener von 1981 rückt der Kampf der irischen Republikaner ins weltweite Bewusstsein - und die unnachgiebige britische Premierministerin Margaret Thatcher in ein schlechtes Licht.

Bei den irischen Katholiken kommt die Adams'sche Strategie gut an. 1983 setzt er sich an die Spitze der Sinn Féin. Gemeinsam mit dem damaligen IRA-Stabschef Martin McGuinness führt er die Partei zu respektablen Wahlergebnissen im Norden sowie in der Republik - obwohl die Partei als politischer Arm der republikanischen Paramilitärs gebrandmarkt ist. 1988 verbietet Thatcher britischen Rundfunkanstalten, Aussagen von Adams zu senden.

Meilensteine im Friedensprozess

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Der ehemalige US-Präsident Bill Clinton (r.) war einer der ersten internationalen Politiker, die Gerry Adams als Verhandlungspartner anerkannten.

Ungeachtet dessen bemüht sich Adams um eine Anerkennung Sinn Féins als politischer Verhandlungspartner im immer noch vom Bürgerkrieg zerrütteten Land. Längst gilt er als Gesicht der republikanischen Bewegung und somit als Pendant zum Unionisten und protestantischen Hassprediger Ian Paisley. Adams verurteilt nun öffentlich den bewaffneten Kampf und trifft sich ab 1988 mit dem Vorsitzenden der moderaten nationalistischen Partei SDLP, John Hume, um die Isolierung von Sinn Féin zu durchbrechen. Die sogenannten Hume-Adams-Talks stellen Weichen für den Friedensprozess.

Adams gewinnt international an Ansehen und folgt 1994 einer Einladung des US-Präsidenten Bill Clinton zu einer Friedenskonferenz in den USA. Wenig später überredet er gemeinsam mit dem späteren Friedensnobelpreisträger Hume die IRA zum Waffenstillstand. Trotz zeitweiser Brüche einigen sich die Parteien 1998 im festgefahren geglaubten Konflikt schließlich auf das Karfreitagsabkommen. Dass Sinn Féin damals mit am Verhandlungstisch sitzt und der Friedensschluss ermöglicht wird, ist zu großen Teilen Adams' Verdienst.

Umstrittene Galionsfigur

Auch zwei Jahrzehnte später feiern Republikaner wie Nationalisten Adams immer noch als Friedensstifter. Vielen Protestanten hingegen gilt er als Wendehals, der jahrelang den tödlichen Bombenterror billigte, wenn nicht sogar verantwortete. 2007 überzeugt er die Sinn-Féin-Mitglieder mit Blick auf das Fernziel Irische Einheit davon, eine Jahrzehnte lang undenkbare Koalition mit der pro-britischen DUP einzugehen. Im nordirischen Parlament hat Sinn Féin heute mit 27 Sitzen nur einen Sitz weniger als die DUP.

Mit 35 Jahren als Vorsitzender der Sinn Féin ist Adams einer der weltweit am längsten amtierenden politischen Spitzenpolitiker. Nun tritt die Galionsfigur im jüngeren Kampf um ein vereinigtes Irland von der politischen Bühne ab. Er freue sich auf den Parteitag, an dessen Ende er lediglich eines von dreizehntausend Parteimitgliedern sein werde, schreibt der Vater eines Sohnes in seinem Blog. Diese Worte klingen versöhnlich. Zum Schluss versichert er seinen Lesern: "Unsere besten Jahre kommen erst noch." Vom Handeln der IRA distanziert er sich bis heute nicht.

Quelle: n-tv.de

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