Politik

Großoffensive auf Mossul "Den IS kann man nicht militärisch besiegen"

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Die irakische Armee rückt täglich immer näher an die Großstadt Mossul heran.

(Foto: REUTERS)

Die irakische Armee rollt auf Mossul zu. Die Metropole gilt als letzte Hochburg der Terrormiliz IS im Irak. Die Großoffensive läutet jedoch noch lange nicht das Ende des "Kalifats" ein, meint Brigadegeneral a.D. Klaus Wittmann im Interview mit n-tv.de.

n-tv.de: Die militärische Großoffensive auf die irakische Metropole Mossul ist in vollem Gange. Rechnen Sie mit einer schnellen Rückeroberung?

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Brigadegeneral a.D. Dr. Klaus Wittmann doziert an der Uni Potsdam.

(Foto: Privat)

Klaus Wittmann: Noch weiß man nicht, wie blutig die Rückeroberung sein wird. Es könnte sein, dass die Kräfte des sogenannten Isis - man redet von 3000 bis 4500, die in der Stadt sind - ausweichen. Sie könnten mit Sprengfallen, Minen und Anschlägen möglichst viel Schaden anrichten und so das Vorrücken der irakischen Armee und ihrer Verbündeten behindern. Oder es gibt einen langwierigen Häuser- und Straßenkampf. Dann wird es sich hinziehen. Das kann man im Augenblick noch nicht absehen.

Mossul gilt als die letzte Hochburg des IS im Irak. Allem Anschein nach ist die Terrormiliz nicht mehr bereit, die Stadt um jeden Preis zu verteidigen. Steckt eine erkennbare Strategie dahinter?

Zur Person: Klaus Wittmann

Dr. Klaus Wittmann, Jahrgang 1946, ist Brigadegeneral im Ruhestand. Während seiner Laufbahn war er Bataillons- und Brigadekommandeur, promovierte zum Dr. phil. in Geschichte und Politikwissenschaft und leistete militärpolitische Arbeit im Verteidigungsministerium. Darüber hinaus war er Planungsstabsoffizier und Referatsleiter im Internationalen Militärstab im Nato-Hauptquartier in Brüssel. Anschließend leitete er dort die Abteilung Militärpolitik beim deutschen Nato-Botschafter. Nach Direktorenposten an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg sowie am Nato Defense College in Rom trat er 2008 nach 42 Jahren Dienst bei der Bundeswehr in den Ruhestand. Er ist Senior Fellow des Aspen Institut Deutschland und hat einen Lehrauftrag am Historischen Institut der Universität Potsdam.

Vermutlich wollen sich nicht alle Kämpfer total aufreiben. Und nicht jeder von ihnen ist ein Selbstmordkandidat. Die wollen ja auch am Leben und an der Macht bleiben und etwas erreichen. Andererseits ist Mossul von ganz großer sowohl symbolischer als auch militärischer Bedeutung. Das ist die letzte Bastion dieser Terrormiliz. Es ist der Ort, an dem Abu Bakr al-Baghdadi den IS ausgerufen und sich selbst zum Kalifen ernannt hat. Strategisch muss man an die Ölfelder denken, sowie an die wichtigen Routen, die zur syrischen Grenze zur Türkei führen. Wenn der sogenannte Islamische Staat Mossul verliert, ist er im Irak erledigt.

Wohin könnten sich die IS-Kämpfer zurückziehen?

Ich glaube, dass sie dann nach Syrien ausweichen werden. Von irakischer Seite hat man bereits gehört, dass man die Möglichkeit zum Ausweichen nach Westen offen lassen will, damit sie dorthin abfließen können.

Was halten Sie von der Aussage des EU-Kommissars Julian King, dass Europa im Falle einer IS-Niederlage im Irak ein neues Sicherheitsrisiko droht?

Ich glaube auch, dass es mehr Rückkehrer geben wird. Diese werden versuchen, mit Flüchtlingsströmen oder auf anderen Wegen nach Westeuropa zu gelangen, um dort möglicherweise erneute Terrorakte zu begehen. Deshalb muss der Kampf gegen Isis unbedingt auch in Syrien weitergehen. Rakka ist zum Beispiel eine Hochburg, die dann irgendwann fallen müsste.

Vor zwei Jahren hat sich die irakische Armee dem IS in Mossul ohne Gegenwehr ergeben. Hat sie nun aus ihren Fehlern gelernt?

Die irakische Armee hat vor zwei Jahren keinen sehr mutigen und professionellen Eindruck gemacht. Ich glaube schon, dass sie sich inzwischen konsolidiert hat. Die Amerikaner haben im Irak Spezialkräfte ausgebildet. Zudem unterstützen sie die irakische Armee mit eigenen Spezialkräften. Das kann man als konzertierte Aktion bezeichnen. Und wenn man sieht, dass sie in einzelne Dörfer rund um Mossul einmarschieren und dort erst einmal verharren – also das Erreichte sichern und konsolidieren: Das klingt schon recht professionell.

Wie bewerten Sie die konzertierte Aktion des Anti-IS-Bündnisses?

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An der Großoffensive auf Mossul sind auch zahlreiche kurdische Peschmerga beteiligt.

(Foto: AP)

Dieses Bündnis hat einen diffusen Charakter. Das Problem an der Aktion ist, dass sie nicht nur von der irakischen Armee durchgeführt wird. So wirken die kurdischen Peschmerga sowie die PKK mit. Zudem ist die Türkei, die gegen den Willen der irakischen Zentralregierung 2000 Soldaten im nordirakischen Kurdengebiet stationiert hat, mit von der Partie. Gleichzeitig bekämpft sie aber auch die PKK. Auch schiitische Milizen wollen "mitmischen", was die irakische Regierung ablehnt. Und dann gibt es Unterstützung aus der Luft von der internationalen Koalition, die ja auch in Syrien gegen den IS vorgeht. Es ist nicht wie aus dem Lehrbuch, sondern recht komplex. Ich würde nicht so weit gehen, und sagen, dass das im Chaos enden wird. Aber es ist keine Allianz, bei der alle in eine Richtung marschieren.

Was bedeutet eine Niederlage des IS im Irak?

Auf jeden Fall wäre es das Ende des "Kalifats" im Irak. Bisher wird der "Islamische Staat" immer Isis genannt. Das heißt "Islamischer Staat im Irak und in Syrien". Im Irak wäre das dann wohl das Ende. In Syrien hingegen könnte es wegen der zuströmenden IS-Kämpfer zu noch mehr Problemen führen. Deshalb muss die Bekämpfung weitergehen. Die grundsätzliche Frage ist, ob man den IS militärisch besiegen kann. Dazu sage ich, dass es für überhaupt kein sicherheitspolitisches Problem militärische "Lösungen" gibt. Das Militär ist immer nur Mittel zum politischen Zweck. Dem IS endgültig das Wasser abzugraben, dazu gehört mehr.

Was gehört dazu?

Im Irak bedarf es einer inklusiven Politik, die auch Sunniten Recht und Stimme gibt. Die Öl- und Finanzströme sowie andere Mittel, mit denen sich der IS finanziert, müssen abgeschnitten werden. Wichtig ist zudem, dass die Rekrutierung von neuen IS-Kämpfern behindert wird.

Ist die aktuelle Großoffensive auf Mossul der Anfang vom Ende des IS?

Nachdem sich der IS so lange entwickeln und ausbreiten konnte, blieb mal wieder nichts anderes übrig, als die militärische "Notbremse" zu ziehen. Aber man muss das differenziert sehen: Den IS kann man nicht endgültig militärisch besiegen. Man kann ihn zwar militärisch stoppen und dezimieren. Aber es muss eine ganze Reihe von flankierenden Dingen geschehen, damit er wirklich als besiegt und ausgeschaltet gelten kann. Und man muss, wie Außenminister Steinmeier angemahnt hat, in Mossul und in anderen Gebieten, die man zurückerobert, sofort für die Zeit danach planen. Wenn es wirklich in Mossul zu den länger andauernden, blutigen Kämpfen kommen sollte, dann haben wir wahrscheinlich wieder massenhafte Fluchtbewegungen. Deshalb sind Pläne für die Zeit danach, konkrete Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen sowie bei den Kämpfen Rücksichtnahme auf die Zivilbevölkerung entscheidend. Dass aber zu deren Schonung ausgerechnet Russlands Präsident Putin die Mossul-Rückeroberer mahnte, kann man nur als den Gipfel der Heuchelei betrachten.

Mit Dr. Klaus Wittmann sprach Christoph Rieke.

Quelle: ntv.de