Politik

Reisners Blick auf die Front"Der Angriff in Leipzig war erst der Anfang"

17.08.2026, 19:01 Uhr UnbenanntEin Interview von Frauke Niemeyer
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Einsatzkräfte der Polizei und des BKA suchen am Flughafen Leipzig/Halle nach Spuren. Nach dem Drohnenvorfall in der Nacht zum 05. August laufen die Ermittlungen. Eine für einen Angriff ausgerüstete Drohne war nahe einer ukrainischen Transportmaschine sichergestellt worden. (Foto: picture alliance/dpa)

Kreml-Außenminister Lawrow deutet an, was DNA-Spuren nahelegen: Russland steckt sehr wahrscheinlich hinter dem Leipziger Drohnenangriff. Oberst Reisner erklärt ntv.de, was das für den Krieg und für Deutschland bedeutet.

ntv.de: Herr Reisner, Russlands Außenminister Sergej Lawrow kündigt an: "Wir werden unsere eigenen Maßnahmen deutlich verschärfen, um alles zu zerstören, was die Militärmaschine Kiews aus dem Westen antreibt. Und das tun wir bereits. Sie fangen schon an zu jammern." Das ist keine Bekenner-Botschaft, aber dennoch bemerkenswert mit Blick auf den Anschlag von Leipzig, oder? 

Markus Reisner: Im Zusammenhang mit den vermehrten Sabotage-Vorfällen in Deutschland, aber auch in anderen Ländern, haben es die staatlichen Sicherheitsbehörden schwer, sie einem staatlichen Akteur zuzuordnen. Auch wenn die DNA-Spuren im Fall von Leipzig bereits auf den DHL-Anschlag vom Juli 2024 hindeuten, dessen Spuren wiederum zu einer russischen Beteiligung führen. Und dies stimmt übrigens auch mit der Beurteilung der US-Geheimdienste überein. Lawrow gibt uns nun selbst die Antwort. Er spielt ganz konkret auf die Unterstützung des Westens bei der Produktion von Langstreckendrohnen für die Ukraine an. Von Motoren über Drohnen-Bauteile oder ganze Fluggeräte stellen nicht wenige Firmen in Europa Produkte her, die in der Ukraine zusammengebaut und gegen Russland eingesetzt werden. Erst letzte Woche hat die Ukraine Russland mit Drohnen angegriffen, die mit aktiver Unterstützung Großbritanniens gebaut worden waren. Lawrow will seinen Landsleuten versichern, dass der Kreml daran arbeitet, diese Unterstützung zu unterbinden. Er sagt, "das tun wir bereits". Aus meiner Sicht gesteht Lawrow klar sichtbar: Wir stecken hinter den hybriden Angriffen. 

Von Wladimir Putin hört man solche Aussagen aber nicht? 

Bei seinem kürzlichen Besuch auf der Inselgruppe der Kurilen trat der russische Präsident in Marineuniform auf und sagte, wenn russische Schiffe auf offener See aufgebracht würden, behalte sich Russland vor, zurückzuschlagen. Und zwar nicht an erwartbaren Stellen. Auch das ist nach meinem Dafürhalten ein klares Eingeständnis, dass Russland hinter diesen hybriden Angriffen auf den Westen steckt, sowie eine Ankündigung, dass man diese noch steigern wird. Dies müssen wir ernst nehmen und ich versuche daher, Ihnen zu erklären, wie die Russen die Lage betrachten und was dies für Europa bedeutet. Auch wenn dies unangenehm ist. 

Kurz zu den russischen Schiffen: Welche Dimension hat das derzeit? 

Über das Potenzial der russischen Schattenflotte haben wir eine recht gute Übersicht. Das sind bis zu 800 Schiffe, die unter verschiedensten Flaggen Öl und Gas in Abnehmerländer transportieren. Teilweise wird auch auf offenem Meer auf nicht sanktionierte Tanker umgeladen, um Öl oder Gas auch nach Europa zu liefern. Im ersten Halbjahr dieses Jahres sind knapp 170 mit Gas beladene Schiffe in EU-Häfen angelandet. Doch in letzter Zeit werden diese Schiffe immer häufiger gestoppt. Vorreiter waren die USA, aber auch europäische Länder werden zunehmend aktiv, stoppen und beschlagnahmen Schiffe. Diese werden zurückgegeben oder einfach verkauft, wie es die Amerikaner machen. Putin kündigt nun an: Wir lassen uns das nicht gefallen. 

Reisner
Markus Reisner ist Historiker und Rechtswissenschaftler, Oberst des Generalstabs im Österreichischen Bundesheer und Leiter des Institutes für Offiziersgrundausbildung an der Theresianischen Militärakademie. Wissenschaftlich arbeitet er u.a. zum Einsatz von Drohnen in der modernen Kriegsführung. Jeden Montag bewertet er für ntv.de die Lage an der Ukraine-Front.

Reagiert Russland auch hier bereits? 

Ja. Wir sehen zum Beispiel Schiffe, die von russischer Marine begleitet werden. Andere haben private Sicherheitsfirmen an Bord. Unternehmen, die in Russland registriert sind. Manche Schiffe haben Drohnenabwehr an Bord. Denn die Schattenflotte ist auch im Schwarzen Meer unterwegs, wo die Ukraine in den vergangenen Wochen ganz massiv Schiffe attackiert hat. Wenn Putin im Gegenzug zum Festsetzen russischer Tanker zivile Schiffe, die für Unternehmen westlicher Staaten unterwegs sind, als legitime Ziele betrachtet, dann betrifft das auch Deutschland. Der Ukraine-Krieg tritt damit in eine sehr gefährliche Phase ein.  

Das heißt? 

Der Kreml betrachtet Deutschland als Kriegspartei. Es ist irrelevant, was wir darüber denken oder ob wir die Beteiligung ablehnen. Russland hat das so entschieden, und darum werden hybride Angriffe gegen Europa zunehmen. Ich erwarte eine viel intensivere Phase hybrider Kriegsführung. Die Sabotageakte, die wir sehen, darunter auch der Angriff in Leipzig, waren erst der Anfang.      

Welchen Aufwand kostet es den Kreml, seine Ziele für den hybriden Krieg zu orten? 

Russland richtet seine Sabotageakte auch gegen kritische Infrastruktur - Pipelines, Unterseekabel und ähnliches, Cyberangriffe. Denken Sie an den kürzlich durchgeführten Anschlag auf die Transalpine-Pipeline. Mit einem Schneidbrenner hat man einen Stromversorgungsmasten der Pumpstation umgeschnitten. Mit einfachen Mitteln kann man maximalen Schaden anrichten. In Deutschland wie auch im Ausland hat der Kreml ein großes Netzwerk an Agenten, die Ziele aufklären, aber auch Schläferzellen für den Fall einer Eskalation. Dazu passiert vieles mittels "Wegwerf"-Agenten, angeworben über soziale Netzwerke, denen die Tragweite ihres Tuns oft gar nicht bewusst ist. Für 1000 Euro oder Krypto-Überweisungen lässt dann jemand seine Drohne über einen Flugplatz fliegen und versteht nicht, was er damit auslöst. Leipzig war spektakulär und stach heraus. Aber auch davor gab es schon Attacken, die man Russland nachweisen konnte, etwa die Schweineköpfe vor den Moscheen in Frankreich. 

Was wäre eine kluge Strategie, um sich auf vermehrte hybride Angriffe vorzubereiten? 

Zunächst einmal Ruhe bewahren. Panik ist nicht angebracht und würde die Menschen verunsichern - eines der Hauptziele solcher Angriffe, um die Unterstützung für die Ukraine zu schwächen. Man muss die Verursacher feststellen und versuchen, die Infrastruktur besser zu schützen und Angriffe solcher Art unmöglich zu machen. In Leipzig eine ukrainische Frachtmaschine zu orten, ist allerdings überhaupt kein Aufwand. Die ukrainische Armee hat dort einen sehr wichtigen Verteilerhub eingerichtet. In Leipzig sind Antonovs stationiert, die zuvor in der Ukraine standen. Sie sind ziemlich groß, auffällig lackiert, fliegen schwer beladen nach Polen oder direkt in die Ukraine. Das fällt natürlich auf. 

Die lassen sich nicht "unterm Radar" fliegen? 

Auf Apps wie Flight Tracker sind Flüge heutzutage sichtbar. Auch wenn militärische Maschinen ihre Transponder ausschalten, können Sie ihren Weg nachverfolgen - schon mittels der sogenannten "Planespotter"-Szene, die sich an jedem Flughafen findet. Das sind Luftfahrtbegeisterte, die dort im Liegestuhl stundenlang Flugzeuge beobachten, fotografieren und mitnotieren. Manche nutzen auch Drohnen. Nun kann natürlich auch eine Person als Planespotter auftreten, mit einem Fernglas Flugzeuge beobachten, die Bewegungen aber verdeckt melden. Eine weitere Zelle kann dann passend aktiviert werden, um gemäß dem Flugplan einen Angriff durchzuführen. Den Luftverkehr vor solcher Art Aufklärung zu schützen, ist wirklich schwer. Problematisch ist aber auch, wie viel Wert darauf gelegt wird, der eigenen Bevölkerung gegenüber transparent zu sein.  

Das kollidiert mit der Notwendigkeit, Institutionen und kritische Infrastruktur zu schützen? 

Ja, nicht jeder Bürger muss den Standort zentraler Verteilerpunkte der kritischen Infrastruktur kennen. Wenn die technische Infrastruktur der Bahn oder des Öffentlichen Nahverkehrs im Internet offen einsehbar ist, lässt sich leicht erkennen, welche Kabel man durchschneiden und an welcher Stelle man Feuer legen muss, um massive Ausfälle zu verursachen. Langsam entsteht ein Bewusstsein für diese Gefahren, aber viele solcher Knotenpunkte sind noch nicht gut überwacht und geschützt. Und Russland passt sich an. Als die Ukrainer wegen der ständigen Angriffe russischer Drohnen und Marschflugkörper einen Teil ihrer Drohnenproduktion nach Europa verlegen wollten, hat Dänemark angeboten, Teile der Rüstungsproduktion der Ukrainer auf ihrem Territorium zu ermöglichen. Überraschung: Plötzlich tauchen im dänischen Luftraum Drohnen auf, die sich nicht zuordnen lassen. Wenn Lawrow sagt, "Wir tun das bereits", ist das nicht überraschend, darf aber auch nicht unkommentiert bleiben. 

Zugleich führt die Ukraine den Luftkrieg gegen Russland immer intensiver. 

Man geht davon aus, dass die Ukrainer allein in den letzten drei Tagen mit etwa 2000 Drohnen angegriffen haben. Eine hohe Zahl davon konnten die Russen abschießen, aber noch immer finden Drohnen ins Ziel. Von 21 größeren Standorten des Onlinehändlers Wildberry sind mindestens elf getroffen und außer Betrieb. Wenn ganze Lagerhallen abbrennen, entstehen spektakuläre Bilder. Dazu kommen die getroffenen Raffinerien. Die Ukraine ist also erfolgreich, ich erwarte für sie dennoch einen besonders schlimmen Winter. 

Woran machen Sie das fest? 

Russland setzt immer mehr ballistische Raketen ein, weil die Ukraine kaum noch Munition für Patriot-Systeme hat und sich deshalb kaum dagegen wehren kann. Eine eingesetzte ballistische Rakete trifft also in der Regel ihr Ziel, und das sind neben zivilen Objekten auch Anlagen der kritischen Infrastruktur oder militärisch relevante Objekte. Zugleich reduzieren die Russen ihre Drohnenangriffe deutlich - da sie ihre Drohnenproduktion gerade auf einen neuen Typ umstellen: Von Geran 2 und 3 auf Geran 4 und Geran 5. Die neuen Typen fliegen mit Jet-Triebwerken und erreichen Geschwindigkeiten von 500 Stundenkilometern. Unerreichbar für viele ukrainische Abfangdrohnen. Diese müssen nachgerüstet werden.  

Wie weit ist man mit der Umstellung? 

Laut Berichten werden in Russland etwa 3000 Stück des neuen Typs im Monat produziert und zum Teil aufgespart. Wir müssen also im Herbst und Winter mit massiven Angriffswellen dieser neuen Drohnen auf die kritische Infrastruktur der Ukraine rechnen. Zudem hat Nordkorea offenbar sechs Raketenabschussrampen mit Munition nach Westrussland verlegt. Die ersten Raketen haben wir bereits im Einsatz gesehen, man schießt sich also gerade ein - so makaber das klingt. Ohne Munition für Patriot hat die Ukraine darauf keine Antwort, ebenso nicht gegen russische Iskander- oder Hyperschallraketen. Der letzte Winter war für die Ukraine eigentlich schon nicht mehr erträglich. Der kommende droht, noch schwieriger zu werden. 

Mit Markus Reisner sprach Frauke Niemeyer

Quelle: ntv.de

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