Politik

Dortmund, Leipzig und Duisburg sind Spitzenreiter Der Ruhrpott ist am ärmsten dran

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Eine Schrebergartenanlage vor der Industriekulisse der August-Thyssen-Hütte in Duisburg-Hamborn.

(Foto: picture alliance / dpa)

Der Westen ist reich, der Osten arm - jahrelang galt dies als Faustformel. Doch 2013 ergibt sich ein differenzierteres Bild. Die Armutsregion Nummer eins liegt ausgerechnet im einstigen "Kohlenpott" der Republik.

Mit dem Timing ist das so eine Sache. Fünf Tage vor Weihnachten erklimmt Nikolaus Schneider, der Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, die Stufen zur Bundespressekonferenz. Gute Nachrichten hat er, der als so etwas wie das soziales Gewissen des Landes gilt, nicht im Gepäck. "Traurigerweise hat Deutschland einen neuen Armutsrekord zu verzeichnen", wird Schneider wenige Minuten später verkünden.

Die Länder und ihre Armutsquoten

1. Baden-Württemberg 11,1% (2011:11,2)
2. Bayern 11,2 (11,3)
3. Hessen 13,2 (12,7)
4. Schleswig-Holstein 14 (13,8)
5. Rheinland-Pfalz 14,6 (15,1)
6. Hamburg 14,8 (14,7)
7. Saarland 15,8 (15,6)
8. Niedersachsen 16 (15,7)
9. Nordrhein-Westfalen 16,6 (16,6)
10. Thüringen 16,9 (16,7)
11. Brandenburg 18,3 (16,9)
12. Sachsen 18,9 (19,6)
13. Sachsen-Anhalt 20,9 (20,5)
14. Berlin 21,2 (21,1)
15. Mecklenburg-Vorpommern 22,9 (22,2)
16. Bremen 23,1 (22,3)

Quelle: Statistische Ämter des Bundes und der Länder

Der Armutsbericht, den Schneiders Verband gemeinsam mit der Nationalen Armutskonferenz jährlich veröffentlicht, nimmt keine Rücksicht, weder auf politische Befindlichkeiten noch auf die von Zimtsternen und Lebkuchen geprägte weihnachtliche Idylle der Republik. Denn Schneider zeichnet ein nüchternes Bild einer Republik, deren sozialer Schiefstand immer dramatischer wird.

Der inzwischen dritte Bericht speist sich aus den Daten des Mikrozensus der Jahre 2005 bis 2012. Als arm gilt hier, wer weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens zur Verfügung hat. Bei einem Singlehaushalt sind das derzeit 869 Euro, bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern 1826 Euro. Obwohl sich Wirtschaft und Arbeitsmarkt erholen, lebt jeder siebte Deutsche an oder unter der Armutsgrenze - mehr als jemals zuvor. Die Armutsquote von 15,2 Prozent sei "kein Ausrutscher", betont Schneider. Seit 2006, als sie noch bei 14 Prozent lag, habe die Armut kontinuierlich zugenommen. "Man muss inzwischen von einem Trend sprechen", sagt er, "das besorgt uns".

Eindeutig widerlegt sieht Schneider damit den Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, der im Frühjahr veröffentlich worden war. Union und FDP kamen in ihrer Untersuchung zu dem Urteil, dass die Armutsentwicklung konstant sei und sich die soziale Schere sogar schließe. Der Bericht stand damals in der Kritik, weil Wirtschaftsminister Philipp Rösler mehrere Passagen streichen ließ. Auch der Wohlfahrtsverband erhob den Vorwurf der Schönfärberei. Schneider verweist darauf, dass die Bundesregierung sich an den verhältnismäßig guten Zahlen von 2010 orientiert habe.

Positive Nachrichten? Fehlanzeige

Mit Hilfe der zwei Jahre aktuelleren Daten macht Schneider folgende Trends aus: Zwischen urbanen und ländlichen Regionen sieht er eine wachsende Kluft. Dass die Armutsquote zum Vorjahr nur um 0,1 Prozentpunkte stieg, habe vor allem den Grund, dass sie in den bevölkerungsreichsten Ländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg gestoppt wurde oder sogar gesunken sei. Nichtsdestotrotz nimmt die Ungleichheit zu. Baden-Württemberg (11,1 Prozent) und Bremen (23,1), die Länder mit der niedrigsten und der höchsten Quote, trennen inzwischen 12 Prozent. Im Vorjahr war es noch ein Prozentpunkt weniger.

Armutsquote ausgewählter Großstädte

1. München 11,4 Prozent (2005:10,9)
2. Stuttgart 13,4 (13)
3. Hamburg 14,8 (15,7)
4. Frankfurt am Main 15,2 (13,7)
5. Nürnberg 17,5 (18,1)
...
11. Bremen 22,3 (21,4)
12. Hannover 22,4 (21)
13. Duisburg 25,1 (17)
14. Leipzig 25,9 (23,9)
15. Dortmund 26,4 (18,6)

Positive Nachrichten kann Schneider in diesem Jahr kaum vermelden. Wenn überhaupt, dann solche: In Berlin und NRW stieg die Quote entweder nur geringfügig oder sie stagniert. Vielversprechende Trends der Vorjahre setzten sich nicht fort. So stieg die Armut in Thüringen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg, nachdem sie in den Vorjahren meist gesunken war.

"Die Problemregion Nummer eins", wie Schneider es nennt, "ist und bleibt" das Ruhrgebiet. Nirgends kletterte die Armut so sehr wie im größten deutschen Ballungsraum. Exemplarisch und besonders gravierend ist die Entwicklung der Stadt Dortmund, in der die Armut seit 2005 um mehr als 40 Prozent zugenommen hat. Keine Großstadt in Deutschland steht derzeit schlechter da. Auf Dortmund, das auf 26,4 Prozent kommt, folgen Leipzig (25,9) und Duisburg (25,1). "Regionale Zerrissenheit", "soziale Verödung", "Abwärtsspirale" und "Teufelskreis" - Schneiders Urteil ist drastisch.

Der Geburtsfehler der Großen Koalition

Nur - was tun gegen Armut? "Wer in Armut aufwächst, hat schlechtere Bildungschancen, größere gesundheitliche Probleme und wird dauerhaft abgehängt. Einmal arm, immer arm", sagt Joachim Speicher, Sprecher des Nationalen Armutskonferenz. Gemeinsam mit dem Paritätischen Wohlfahrtsverband stellt er Forderungen an die Politik. Verschuldete Kommunen müssten demnach gezielt unterstützt werden. Dazu könne etwa ein Solidarfonds beitragen.

Wenig zufrieden sind die Sozialverbände mit der neuen Bundesregierung. Die geplante Einführung des Mindestlohns und die Einschränkung der Leiharbeit werten Speicher und Schneider zwar positiv, doch lässt der Koalitionsvertrag aus ihrer Sicht zu viele Fragen offen. Zum Beispiel die Verbesserung der Ganztagsbetreuung und die Erhöhung des Bafögs sowie Sozialprogramme für die 450.000 Langzeitarbeitslosen. "Einige dieser Punkte standen anfangs mal im Koalitionsvertrag drin, wurden aber wieder rausgekippt", stellt Schneider fest.

Das größte Versäumnis sieht er jedoch in einem anderen Punkt. "Wer Armut bekämpfen will, kommt um Steuererhöhungen nicht herum." Dass eben diese jedoch gleich zu Beginn der Koalitionsverhandlungen zum Tabu erklärt worden seien, hält Schneider für den "Geburtsfehler der neuen Bundesregierung". Das wirksamste Instrument gegen Armut sei die stärkere Besteuerung der Reichen. Denn denen tue das "am wenigsten weh".

Quelle: ntv.de

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