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Fünfjährige verdursten lassen? Deutsche IS-Rückkehrerin steht vor Gericht

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Jennifer W. wurde im Juni 2018 in Bayern festgenommen, als sie nach Syrien ausreisen wollte. Nun startete der Prozess am Oberlandesgericht München.

(Foto: picture alliance/dpa)

Sie soll sich im Irak dem IS angeschlossen haben und am qualvollen Tod eines Mädchens beteiligt gewesen sein. Dafür muss sich Jennifer W. nun vor einem Gericht in München verantworten. Der Prozess beleuchtet auch den Völkermord an den Jesiden.

Vor dem Oberlandesgericht München hat der Prozess gegen eine IS-Rückkehrerin begonnen. Jennifer W. ist die erste Rückkehrerin, gegen die nach ihrer Heimkehr nach Deutschland ein Haftbefehl erwirkt werden konnte. Die aus Niedersachsen stammende Angeklagte muss sich wegen Mitgliedschaft in einer ausländischen Terrorvereinigung und des Kriegsverbrechens einer Kindstötung verantworten.

Die Generalbundesanwaltschaft wirft Jennifer W. unter anderem vor, im Sommer 2015 mit ihrem Mann ein jesidisches Mädchen aus einer Gruppe von Kriegsgefangenen gekauft und versklavt zu haben. Als das fünfjährige Kind krank wurde und deswegen ins Bett machte, kettete der Mann das Mädchen nach Angaben der Karlsruher Behörde draußen an und ließ es unter sengender Sonne qualvoll verdursten. Die Angeklagte ließ ihren Mann demnach gewähren und unternahm nichts zur Rettung des Mädchens.

Die Mutter der fünfjährigen Jesidin tritt in dem Verfahren als Nebenklägerin auf. Sie wird unter anderem von der Menschenrechtsanwältin Amal Clooney vertreten. Ob die Ehefrau von Schauspieler George Clooney persönlich vor dem Gericht erscheinen wird, konnte ein Gerichtssprecher nicht sagen.

Sittenpolizistin war schwer bewaffnet

Jennifer W. soll Deutschland 2014 verlassen haben, um sich im Irak der Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) anzuschließen. Dort soll sie als Sittenpolizistin nachts gegen Bezahlung in den Parks der irakischen Städte Falludscha und Mossul patrouilliert haben. Sie sollte überwachen, dass andere Frauen die von der Terrororganisation aufgestellten Verhaltens- und Bekleidungsvorschriften einhielten. Zur Einschüchterung soll sie ein Sturmgewehr, eine Pistole und eine Sprengstoffweste dabeigehabt haben.

Sie wurde 2016 in der Türkei festgenommen, wo sie in der deutschen Botschaft ihre Ausweispapiere verlängern lassen wollte. Die Türkei schob sie nach Deutschland ab, daraufhin lebte sie im niedersächsischen Vechta. Nach Angaben der Ermittler wollte die damals 27-Jährige Ende Juni 2018 nach Syrien ausreisen. Sie wurde aufgrund gesammelter Beweise jedoch noch in Bayern festgenommen.

Erste Anklage wegen IS-Straftaten gegen Jesiden

Nach Angaben der Organisation Yazda, die sich für die Interessen der religiösen Minderheit der Jesiden einsetzt, ist es die weltweit erste Anklage wegen internationaler Straftaten, die von IS-Mitgliedern gegen Jesiden begangen wurden. Die Vereinten Nationen prüfen derzeit, ob die Massaker an den Jesiden einen Völkermord darstellen. In dem Prozess sind bis Ende September 23 Verhandlungstage angesetzt.

In einer zum Prozessauftakt veröffentlichten Erklärung bewertete Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad, selbst Überlebende von Versklavung und Folter durch IS-Mitglieder, den Prozess "als wichtiges Verfahren für alle jesidischen Überlebenden." Jeder Überlebende, mit dem sie gesprochen habe, warte darauf, dass die Täter für ihre Taten gegen die Jesiden, insbesondere gegen Frauen und Kinder, verfolgt und vor Gericht gestellt würden. "Deshalb ist dies ein großer Moment für mich und die gesamte jesidische Gemeinschaft", erklärte Murad.

Quelle: n-tv.de, lri/dpa

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