Politik

Bibberwinter als Extremtest Deutschland hat genug Strom

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Der Energieengpass in Frankreich ist hausgemacht: Schlechte Heizungen, schlecht isolierte Gebäude und ein attraktiver Handel an der Strombörse.

(Foto: dpa)

In Deutschland wird so viel Strom aus erneuerbaren Energieträgern produziert, dass auch bei der extremen Kälte der vergangenen Tage die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Daran ändert auch die Stilllegung von acht AKW nichts. Die vielzitierten Stromimporte aus Österreich basieren nicht auf Strommangel in Deutschland, sondern auf "Problemen im Management".

Wegen der extremen Winterkälte hat Serbien Stromsperren für große Unternehmen eingeführt. Firmen, die viel Strom verbrauchten und keine strategische Bedeutung hätten, müssten mit weniger Elektrizität auskommen, heißt es in einem Regierungsbeschluss. Damit solle verhindert werden, dass die Stromversorgung des Landes zusammenbreche. Zudem hatte Staatspräsident Boris Tadic vorgeschlagen, Bedürftigen die Stromrechnung für den Monat Februar zu erlassen. Auch die Gasvorräte des Landes gehen zu Neige. Es seien noch Vorräte für 20 Tage vorhanden, sagte der Direktor der staatlichen Gasfirma, Dusan Bajatovic.

Deutschland ist von solchen Horrormeldungen weit entfernt. Auch wenn SPD, Grüne und Linke die Bundesregierung bei der Energiewende auf einem "katastrophalen Weg" sehen, zeigt für Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) gerade jetzt bei klirrender Kälte, dass das Stromnetz "stabil und die Versorgungssicherheit gewährleistet" ist.

Deutschland exportiert sogar derzeit täglich netto 150.000 bis 170.000 Megawatt-Stunden Strom. Hauptabnehmer ist Frankreich, gefolgt von Tschechien und Polen.

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Windkraft ist der wichtigste grüne Energieträger in Deutschland.

(Foto: picture alliance / dpa)

Die Panikmache in den vergangenen Tagen beruhte laut Röttgen vor allem auf dem Unwissen der Kritiker. Der starke Anteil der Ökostroms bedeutet zwar eine hohe Energiereserve, die Stromumwege aufgrund fehlender "Netzautobahnen" von Nord nach Süd tragen an manchen Tagen aber dazu bei, dass Strom von Österreich nach Süddeutschland geschickt werden muss, um dort das energieintensive Netz des Betreibers Tennet zu stützen.

Stromautobahn unbedingt notwendig

Neben alten deutschen Kohle- und Gaskraftwerken gehören auch österreichische Kraftwerke zu der sogenannten Kaltreserve, die im Bedarfsfall zur Überbrückung von Engpässen dienen soll. Ein Teil des an jenen extrem windstarken Tagen im Norden reichlich vorhandenen Stroms strömte über die Nachbarländer nach Italien und Österreich. Zugleich aber forderte Tennet Stromhilfe aus Österreich an, da im Süden laut Tennet Strom fehlte, um das Netz stabil zu halten.

"Das ist ein einziges Gewürge", sagte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier am Mittwoch in einer Aktuellen Stunde des Bundestags. "Die Energiewende ist an die Wand gefahren, bevor sie überhaupt begonnen hat." So tue sich fast nichts bei den Themen Netzausbau, Stromspeicher und Energiesparen. Röttgen will dies nicht gelten lassen.

Auch die Energieökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin hält die Kaltreserve für den deutschen Bedarf für "absolut ausreichend". "Wir müssen ja auch sehen: Wir haben ausreichend Kapazitäten, selbst wenn es Probleme geben sollte bei den erneuerbaren Energien", sagte Kemfert bei n-tv. Deutschland verfüge über genügend Kraftwerke. Die Energie-Expertin sieht darin kein Problem für Deutschland – "zumindest in diesem Winter nicht".

Stromversorgung steht

Matthias Kurth von der Bundesnetzagentur stellte bei n-tv klar, dass es nicht zu den befürchteten Blackouts in Deutschland kommen werde, "obgleich das Netz sicherlich unter einer Stressbelastung steht". Es sei bekannt, dass Deutschland nicht gerade über ein ideales Netz verfüge. Dies werde in den nächsten Jahren auch gerade wegen der Erneuerbaren Energie gewaltig ausbaut. Das geht nicht über Nacht, aber mit Maßnahmen, die eigentlich nur für Notfälle gedacht waren, können die Netzbetreiber das Netz stabil halten." Dies werde schon von langer Hand im Sommer geplant. Dann würden solche Situationen simuliert und durchgespielt.

Auch die Deutsche Umwelthilfe spricht von "Stimmungsmache gegen die Energiewende" und der "Österreich-Legende". Der Strom sei gar nicht nötig gewesen. Nicht Knappheit sei der Grund gewesen, sondern Betriebswirtschaft. So hätte auch Strom aus deutschen Kraftwerken abgerufen werden können. Das mag stimmen, aber zugleich war die Reserve aus Österreich von Anfang an Teil des Kaltreserve-Konzepts, wie die Bundesnetzagentur betont. Aus Sicht von Tennet ist dies an manchen Tagen die einfachste Möglichkeit, um die Lastflüsse stabil zu halten.

Einig ist man sich nur in einem Punkt: Die Lage ist fragil. Ohne den raschen Neubau von Stromtrassen dürfte daher der Druck derer zunehmen, die die ganze Energiewende für Harakiri halten.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa

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