Politik
Video
Sonntag, 15. April 2018

Blick von außen: "Deutschland ist cooler als du denkst"

Der britische "Economist" hat seine Titelgeschichte in dieser Woche Deutschland gewidmet: "Cool Germany". Berlin-Korrespondent Jeremy Cliffe erklärt, was an Deutschland cool ist und warum er dem Land eine gute Zukunft zutraut.

n-tv.de: Ihre Zeitschrift, der "Economist", nennt Deutschland auf seinem Titel in dieser Woche "Cool Germany". Was ist "cool" an Deutschland? Normalerweise finden wir uns eher nicht cool.

Der neue "Economist" enthält einen "Special Report" über Deutschland.
Der neue "Economist" enthält einen "Special Report" über Deutschland.(Foto: @HoffHenning)

Jeremy Cliffe: Das habe ich in meiner Zeit in Deutschland gemerkt - die Deutschen halten sich nicht für cool. Aber wenn man sich die langfristige Entwicklung dieses Landes anschaut, findet man viele Tendenzen, die zu einer coolen Gesellschaft gehören. Deutschland ist als kulturelle Marke durchaus stark - deutsche Fernsehexporte wie "Deutschland 83" oder "Babylon Berlin", deutscher Sport, Tourismus nach Deutschland, das ist alles sehr beliebt. Aber politisch gilt Deutschland überhaupt nicht als cool.

Wie meinen Sie das?

Für den linken Flügel der Politik in Ländern wie Großbritannien und den USA ist Deutschland das Land, das Südeuropa während der Eurokrise unterdrückt hat. Und es ist das Land, in dem eine Partei wie die AfD die dritte Kraft werden konnte. Aus rechter Perspektive gilt Deutschland als chaotisches Land, das aus reiner Sentimentalität gefährliche Einwanderer ins Land gelassen und dabei seine Stabilität und seinen Zusammenhalt verspielt hat.

Und diesen Menschen wollen Sie erklären, dass Deutschland ganz anders ist?

Wir sprechen auch ein deutsches Publikum an - wir haben hier Zehntausende Leser. Aber vor allem richten wir uns an unsere Hunderttausenden Leser anderswo in der Welt. Ihnen wollen wir sagen: Deutschland ist anders, als ihr glaubt. Das alte, autoritäre und konservative Deutschland, das viele Menschen weltweit noch im Kopf haben, hat sich gewandelt und ist noch immer im Wandel begriffen.

Und das ist ein positiver Wandel?

Die deutsche Gesellschaft wird aufgeschlossener, sie wird internationaler, moderner, selbstbewusster und pluraler. Der "Economist" steht sehr stark für offene Gesellschaften. Diese Tendenzen finden wir daher gut. Es gibt bestimmt Herausforderungen - pluralere Gesellschaften sind häufig gespaltene Gesellschaften. Aber die Tatsache, dass Deutschland diese Herausforderungen jetzt angehen muss, finden wir nicht schlecht.

Die deutsche Gesellschaft ist auch aggressiver geworden. Die Auseinandersetzung über die Flüchtlingspolitik wird hierzulande teilweise sehr heftig geführt.

Das stimmt, und das unterschätzen wir nicht. Aber die größere Gefahr ist, vor allem in den internationalen Medien, dass dieser Aspekt überschätzt wird. Das gilt nicht nur für Medien wie den US-Sender Fox News oder britische Boulevardzeitungen, sondern auch für die Qualitätspresse in Großbritannien: Deutschland wird häufig so dargestellt, als herrsche infolge der Flüchtlingskrise im Alltag reines Chaos. Bestimmt gibt es ein "Unbehagen", wie die Kanzlerin es genannt hat. Aber Chaos, Verbrechen, Terror und Gewalt? Ich habe ziemlich viel Zeit in der deutschen Provinz verbracht. Das ist einfach nicht der Fall. Es gibt ein großes Spektrum von Meinungen über die Flüchtlingspolitik und generell über die Öffnung der deutschen Gesellschaft. Viele Bürger sind sogar in sich gespalten. Aber das ändert nichts an der allgemeinen Analyse, dass Deutschland insgesamt in eine eher positive Richtung geht und, wichtiger noch: in eine viel positivere Richtung, als viele im Ausland denken.

Warum schauen Sie mit so viel Optimismus auf Deutschland?

Jeremy Cliffe ist Deutschland-Korrespondent des "Economist". Er hat den aktuellen "Special Report" der Zeitschrift geschrieben.
Jeremy Cliffe ist Deutschland-Korrespondent des "Economist". Er hat den aktuellen "Special Report" der Zeitschrift geschrieben.(Foto: @JeremyCliffe)

Nun, auch wenn man die allgemeinen Tendenzen für positiv hält, kann man über die Politik dieses Landes deprimiert sein. Ich war sehr deprimiert während des Wahlkampfes. Das TV-Duell war das langweiligste Fernsehereignis, das ich je erlebt habe. Viele wichtige Debatten, die Deutschland in dieser Übergangsperiode führen müsste, fanden dort nicht statt. Das Ausland wurde nicht erwähnt, Europa wurde nicht erwähnt, über Deutschlands Verteidigungsverantwortung wurde kaum gesprochen. Es ging viel um Einwanderung, aber Debatten über die Identität Deutschlands gab es nicht. Man kann viel Gutes über die Kanzlerin sagen. Aber dass sie so konfliktscheu ist, dass sie so sehr auf Konsens setzt und sich nur ungern in echte Debatten begibt, das passt nicht zu dem historischen Moment, in dem Deutschland sich befindet.

Woher nehmen Sie dann Ihre Zuversicht?

Der Optimismus hat mit den Veränderungen der letzten Monate zu tun. Auf einmal gibt es große Debatten über die Identität und die Zukunft des Landes. Auch wenn wir als "Economist" nicht immer einer Meinung mit den Protagonisten sind, finden wir diese Debatten gut. Deutschland braucht eine Wiederbelebung der Politik. John Kornblum, der frühere US-Botschafter in Berlin, hat mich auf einen interessanten Rahmen der deutschen Nachkriegsgeschichte hingewiesen: Alle 25 oder 30 Jahre macht dieses Land einen Wandel durch. Die Adenauer-Zeit war geprägt von einer Restauration. Es folgte die Zäsur von 1968, dann die Deutsche Einheit und die Herausforderungen der 1990er Jahre. Jetzt, dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung und zwanzig Jahre nach dem Ende der Kohl-Periode, befindet Deutschland sich in einem neuen Übergang. Dass sich so viel in Deutschland verändert, birgt Risiken und Herausforderungen, aber auch Möglichkeiten - und über die wird in Deutschland zu wenig gesprochen.

Ist Angela Merkel die richtige Kanzlerin, um eine solche Debatte zu führen und anzuführen?

Als Engländer sollte ich anderen Ländern schlechte politische Führung grundsätzlich nicht vorwerfen. Und ich würde die positiven Eigenschaften der Kanzlerin nie unterschätzen. Aber ich glaube, sie passt eher zu der Periode, die gerade zu Ende geht - eine Zeit, in der die großen Veränderungen der 90er Jahre und der rot-grünen Regierungszeit gefestigt werden mussten. Für eine Periode der Konsolidierung war Frau Merkel die perfekte Kanzlerin: unpolitisch und konfliktscheu, sie hat die Wähler beruhigt. Aber sie erklärt nicht und gibt keine Richtung vor. Aber jetzt ändert sich die Lage. Kaum jemand glaubt, dass die Kanzlerin noch einmal antreten wird. Ob sie schon in einem oder in zwei Jahren oder erst 2021 ihr Amt abgibt, das wissen wir nicht, aber wir können davon ausgehen, dass die Merkel-Ära endet.

Wie geht es nach Merkel weiter?

Datenschutz

Es sieht so aus, als komme jetzt eine neue Generation von Politikern nach vorne, die stärker zu politischen Auseinandersetzungen bereit ist. Das gilt sowohl für den rechten Flügel der Politik - für Jens Spahn, Julia Klöckner, sogar für Annegret Kramp-Karrenbauer. Unter den potenziellen Merkel-Nachfolgerinnen ist sie der Kanzlerin am ähnlichsten, aber auch sie hat mehr Kampfbereitschaft als Frau Merkel. Und auch auf dem linken Flügel der Politik nimmt die Bereitschaft zur Debatte zu. Ich war in Bonn, als Andrea Nahles versprochen hat, mit der Union zu verhandeln, "bis es quietscht". Dann gibt es interessante Figuren wie Robert Habeck bei den Grünen. Nach meinem Eindruck braucht der linke Flügel der deutschen Politik einen neuen Joschka Fischer. Er selbst sagte mir übrigens, er glaube, Habeck habe die besten Aussichten, ein neuer Joschka Fischer zu werden. Kurzum: Es gibt Politiker, die das Zeug haben, die wichtigen Debatten zu führen und die Bürger mitzureißen. Solche Führungsfiguren braucht Deutschland jetzt - Politiker wie Joschka Fischer oder Gerhard Schröder.

Wollen die Deutschen wirklich solche Politiker? Sind wir konfliktbereit genug, um einen zweiten Schröder zu vertragen?

Natürlich ist Deutschland noch immer stärker am Konsens orientiert als alle anderen Länder des Westens. Aber die Bürger haben einen neuen Bundestag gewählt, der viel Konfliktpotential hat. Der gemeinsame Wille der deutschen Bevölkerung ist es, dass jetzt sieben Parteien im Parlament sind. Aber auch, wenn die Bürger keinen Streit wollen: Manchmal müssen die Impulse von der Politik kommen. Die Hartz-IV-Reformen waren nicht beliebt, sie haben das Land polarisiert. Aber es war die richtige Entscheidung für das Land. Das erkennen viele Menschen - wenn auch nicht alle - erst jetzt.

Die SPD hat sich bis heute nicht von Schröders Hartz-Reformen erholt.

Das stimmt. Schwierige Entscheidungen können politische Kosten haben. Aber in der Politik geht es nicht nur darum, politisches Kapital anzuhäufen - das ist ein sehr typisch deutsches Verhalten: sparen ohne zu investieren. Es ist wie beim Geld: Politisches Kapital, das nicht eingesetzt wird, ist nutzlos. Schröder hat sein politisches Kapital für Hartz IV ausgegeben, aber auch für gesellschaftliche Reformen. Oder Joschka Fischer und seine Kosovo-Rede auf dem Bielefelder Parteitag 1999. Beliebt hat er sich damit nicht gemacht, aber es war eine moralisch richtige Entscheidung.

Merkel ist nach der Präsidentschaftswahl in den USA als neue "Führerin der freien Welt" bezeichnet worden, aber sie schafft es nicht einmal, sich mit Emmanuel Macron auf eine Reform der EU zu einigen. Ist nicht wenigstens das Grund zu Pessimismus?

Da sind wir wahrscheinlich am pessimistischsten. Was wir zutiefst bedauern ist, dass "der neue Aufbruch für Europa", wie Union und SPD ihren Koalitionsvertrag genannt haben, verloren geht. Besser als Macron wird es in Europa nicht werden. Macron hat eine Art Vertrag mit der französischen Bevölkerung: Wenn Frankreich sich auf schwierige wirtschaftliche Reformen einlässt, dann kauft das Land damit Glaubwürdigkeit in Berlin, um zusammen mit Deutschland ein nachhaltigeres Europa zu schaffen. Das wird von zu wenigen deutschen Politikern erkannt. Wenn jetzt keine Taten folgen, dann wird ein großer Moment in der europäischen Geschichte vergeudet.

Was sagen Sie einem Freund in Großbritannien, der Sie beim Bier oder beim Tee fragt, wie die Deutschen eigentlich so sind?

Das ist genau die Frage, die wir mit unserer Titelseite beantworten wollen.

Sie sagen dann: "Cool"?

Ja. Okay, vielleicht sage ich auch: "Cooler als du denkst." Deutschland ist viel bunter und entspannter, als man im Ausland annimmt. Die vorherrschenden Klischees über Deutschland sind immer noch die aus der Zeit von Helmut Kohl: Bratwurst, Lederhose, formelle Umgangsformen, sozial konservativ, ethnisch homogen, wenig Integration, viele Regeln. Und das stimmt einfach nicht mehr.

Mit Jeremy Cliffe sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de