Politik

"Moralischer Kompass verloren" Deutschland lässt afghanische Helfer im Stich

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Die letzten Bundeswehr-Soldaten verlassen Ende Juni Afghanistan. Ihre Helfer dürfen nicht mitfliegen.

(Foto: picture alliance/dpa/Bundeswehr)

Mit jeder eroberten Provinzhauptstadt vergrößert sich die Angst der afghanischen Bundeswehrhelfer von den anrückenden Taliban. Doch die versprochene Fluchthilfe der Bundesregierung bleibt aus. Statt Charterflüge zu besteigen, kämpfen die Ortskräfte mit der deutschen Bürokratie.

Angesichts des Vormarsches der radikalislamischen Taliban wächst die Kritik am Umgang Deutschlands mit den afghanischen Helfern der Bundeswehr. Nach dem Fall mehrerer Provinzhauptstädte fürchten die sogenannten Ortskräfte um ihr Leben und das ihrer Angehörigen. Laut einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung" wirft der Vorsitzende des Patenschaftsnetzwerkes Afghanischer Ortskräfte; Marcus Grotian der Bundesregierung vor, ihr sei der "moralische Kompass völlig verloren gegangen".

Vor zweieinhalb Wochen hatte Kanzlerin Angela Merkel mehr Unterstützung für die Ortskräfte in Aussicht gestellt und unter anderem Charterflüge ins Gespräch gebracht, um Helfer mit ihren Familien auszufliegen. Bislang hat es keinen solchen Flug gegeben. Auch die Verfahren für die Ausreise ziehen sich nach Angaben Grotians weiter in die Länge, schrieb die Zeitung. Betroffene berichten der SZ von einem "Katz und Maus"-Spiel, das sie erlebten, wenn sie ihre Ausreise angehen wollen. Diese müssen sie weiterhin in der Regel selbst organisieren. Unterdessen verschlechtert sich die Sicherheitslage immer weiter.

Ende Juli hatten nach Angaben des Innenministeriums 471 Ortskräfte mit ihren Angehörigen, insgesamt 2851 Personen, fertige Reisedokumente. Hunderte weitere Personen warten darauf. Mit Stand vom vergangenen Donnerstag sind 1796 Personen nach Deutschland gekommen, davon waren 296 ehemalige Ortskräfte, hieß es in dem Bericht.

Geheimverhandlungen mit Taliban

Am Freitag hatten ZDF und "Bild"-Zeitung aufgedeckt, dass die Bundesregierung in der vergangenen Woche Geheimgespräche mit Vertretern der radikalislamischen Taliban geführt hatte. Diese hätten in Katars Hauptstadt Doha stattgefunden, hieß es. Die Taliban hätten dabei versichert, sie wollten sich für den Schutz früherer Ortskräfte der Deutschen in Afghanistan einsetzen, berichtete das ZDF. Die Auswärtige Amt bestätigte das Treffen.

Kritik am Umgang mit den Bundeswehrhelfern kommt mittlerweile auch aus den Reihen der Regierungsfraktionen. Der SPD-Politiker Wolfgang Hellmich, Vorsitzender des Verteidigungsausschusses im Bundestag, sagte der SZ: "Was ist denn das für eine irrwitzige Vorstellung, dass sich die Familien auf den Weg machen, das Verfahren bewältigen und sich selbst die Flüge buchen? Wenn ich auf die Karte schaue, sehe ich, wie die Taliban die Städte einkesseln." Das gesamte Verfahren sei zu bürokratisch.

Quelle: ntv.de, mau

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