Politik

Propaganda, Parolen, Party Die Jugend der Welt zu Gast in Nordkorea

imago50241987h.jpg

Die "antiimperialistische Jugend" der Welt, versammelt in Pjöngjang.

(Foto: imago/PEMAX)

Kein Land der Welt ist so isoliert wie Nordkorea. Reisen sind sehr reglementiert, nur wenige ausländische Besucher kommen. Im Juli 1989 war das anders: 10.000 Menschen aus 177 Nationen waren bei den Weltfestspielen in Pjöngjang. Eine gigantische Party beim "großen Führer" Kim Il-sung.

Junge Leute aus aller Welt zu Tausenden in Nordkorea? In dem sonst so abgeschotteten, isolierten Land, in das auch nur wenige ausländische Besucher und Touristen kommen? Als die nordkoreanische Beteiligung an den Olympischen Sommerspielen 1988 in der südkoreanischen Hauptstadt Seoul gescheitert war, boykottierte der Norden die Spiele und holte sich auch als Antwort darauf eine ähnlich große Veranstaltung ins Land: die "Weltfestspiele der Jugend und Studenten".

imago54829242h.jpg

Bei den 1. Weltfestspielen 1947 in Prag: Einmarsch der Delegierten aus Ceylon (heute Sri Lanka) und Indien.

(Foto: imago stock&people)

Dieses internationale Treffen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg ins Leben gerufen - vom Weltbund der Demokratischen Jugend, der sich 1945 auf der Weltjugendkonferenz in London gegründet hatte. Nach dem verheerenden Krieg wollte die Jugend es besser machen - die Treffen sollten zur friedlichen Verständigung beitragen. Das erste fand 1947 in Prag statt, die folgenden erst alle zwei Jahre, dann seltener. Die teilnehmenden Organisationen kamen aus aller Welt, aus Ost und West, Nord und Süd, waren politisch aber vorwiegend links ausgerichtet. Vielen ehemaligen DDR-Bürgern sind noch gut die Weltfestspiele 1973 in Ost-Berlin in Erinnerung, wegen der heiter-lockeren und ungewöhnlich offenen Atmosphäre sogar hier und da als "Woodstock des Ostens" tituliert. Ich war damals noch ein Kind, kann mich aber sehr gut an die vielen exotisch aussehenden und ungewöhnlich gekleideten Menschen erinnern, mit denen man auch einfach so ins Gespräch kommen konnte.

Eine Woche Nordkorea

imago50241990h.jpg

Gorbatschow lässt grüßen: Weltfestspiel-Teilnehmer in Pjöngjang mit "Glasnost"-T-Shirt.

(Foto: imago)

Und das sollte nun in Nordkorea auch möglich sein? Für die erste Juliwoche 1989 lud der "große Führer Genosse Kim Il-sung", wie der Machthaber dort stets und ständig genannt wird, die Jugend und Studenten nach Pjöngjang, unter dem Motto "Für antiimperialistische Solidarität, Frieden und Freundschaft!" - und 10.000 Menschen aus 177 Ländern kamen, darunter 850 Delegierte der FDJ (Freie Deutsche Jugend) aus der DDR. Ich hatte das große Glück, dabei sein zu können - nicht als Delegierte, sondern als Teil einer Interflug-Besatzung, die per Charterflug Teilnehmer aus aller Welt hin und wieder zurückbrachte.

Eine knappe Woche Nordkorea - das war eine einmalige Gelegenheit. Die Erlebnisse dort haben tiefen Eindruck hinterlassen und sind auch nach 30 Jahren noch sehr präsent. Unzählige Bilder ploppen vor dem inneren Auge auf. Was ist vor allem im Gedächtnis geblieben? Alles war gigantisch und wimmelte vor Superlativen. Sehr breite Straßen - aber kaum Autos darauf. Riesige leere Plätze. Viele moderne, oft futuristisch wirkende Gebäude. Hochhäuser, die sichtbar unfertig waren, weil etwa den Balkonen die Fußböden fehlten. Das (bis heute unvollendete) Ryugyŏng-Hotel, das uns damals als "das zukünftig höchste Hotel der Welt" angekündigt wurde. Unzählige freundlich winkende Menschen am Straßenrand.

imago50669305h.jpg

Gigantisch: Schilder-Choreografie bei der Eröffnungsfeier der Weltfestspiele in Pjöngjang am 1. Juli 1989.

(Foto: imago)

Die Massenveranstaltungen im Stadion "1. Mai" - dort wurde das Jugendfestival am 1. Juli 1989 eröffnet und am 8. Juli auch beendet - und im Kim-il-Sung-Stadion, wo Hunderte, gar Tausende Kinder und Sportler uns ihr Können vorführten und auf den Rängen mit bunten Schildern riesige Schaubilder erzeugt wurden.

Kim Il-sung überall, überlebensgroß

Der unglaubliche Personenkult um Kim Il-sung, der nie nur beim Namen genannt wurde, immer mindestens mit dem Zusatz "der große Führer" - sein Bildnis hing wirklich überall, sogar in meinem Hotelzimmer über dem Bett! Auch in den U-Bahnwaggons über den Türen, ganz zu schweigen von den meterhohen Wandbildern an den Stirnseiten der U-Bahnhöfe, auf denen Kim Il-sung den Feldarbeitern die Feldarbeit und den Fabrikarbeitern die Fabrikarbeit erklärt. Die vielen Monumente und Gedenkstätten, sein Geburtsort mit Steintafeln, auf denen unter anderem so etwas steht wie "Hier saß Kim Il-sung im Alter von 9 Jahren und entwickelte seine revolutionären Ideen." Mein prustendes Lachen als Reaktion darauf wurde von der Übersetzerin, sonst der Ausbund an lächelnder Freundlichkeit, mit einem strengen, missbilligenden Blick bedacht.

1561218935549-0cda1545-aec6-4b5d-a545-fde5233789c9.jpg

Abbildung aus dem Prospekt zum "Changgwang-Kindergarten", die Bildunterschrift lautet: "In a room for learning from Marshal Kim il-sung".

(Foto: Andrea Beu)

Wir, die Interflug-Piloten und -Stewardessen, waren ja als DDR-Bürger einiges gewöhnt an Propaganda und Parolen, aber was uns hier präsentiert wurde - das hatte eine andere Dimension, war einfach nicht zu fassen und oft wirklich gruselig. Am krassesten war wohl der Kindergarten "Changgwang", in dem geschminkte Kinder mit maskenhaftem Lächeln ihre Kunststücke vorführten - tanzen, musizieren, Handarbeit … Und als bizarrer Höhepunkt war eine Miniaturwelt der Lebensstationen des "großen Führers" Kim Il-sung aufgebaut, Kinder sprangen einzeln nacheinander auf, zeigten mit straff ausgestrecktem Arm auf eine der Stationen und sangen die dazugehörige Strophe. Wir klatschten höflich und als wir gingen, kam hinter uns schon die nächste Gruppe, in dem Fall Portugiesen. Die Vorführung begann von vorn.

Straffes, unvermeidliches Programm

Das offizielle Programm für unsere Tage in Pjöngjang war straff und unumgänglich, Ausflüge auf eigene Faust waren nicht vorgesehen - schon wenn wir die kurze Zeit zwischen der Ankunft im Hotel nach einer Besichtigung und dem Abendessen für einen Spaziergang nutzen wollten, wurden die für uns Verantwortlichen unruhig. Die Orientierung war allerdings auch stark erschwert durch die Tatsache, dass alle Straßenschilder ausschließlich auf Koreanisch verfasst waren - und Einheimische nach dem Weg fragen aus ähnlichem Grund zwecklos: Die Sprachbarriere war einfach zu hoch. Da blieb nur ein geschärfter Orientierungssinn und immer das Hotel im Auge behalten. So gelang uns wenigstens der Besuch in einem Kaufhaus in Sichtweite - in dem die Verkäuferinnen alles stehen und liegen ließen, sobald wir in ihren Bereich kamen, auch die Kunden, die sie gerade bedienten, und uns auf Schritt und Tritt folgten. Alle freundlich abwehrenden Gesten, die besagen sollten "Ich schaue mich nur um!" halfen nichts. Also ein paar Essstäbchen (aus Metall!) gekauft und weiter.

AP_9008221146.jpg

Wegweisend: Statue von Kim Il-sung im "Großmonument Mansudae" - ursprünglich vergoldet, auch mit dem Material gespendeter Eheringe.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Unsere nordkoreanischen Betreuer hatten sich viel für uns vorgenommen, gleich nach dem immer sehr üppigen Frühstück mit weitgehend unbekannten Speisen ging es los. Nur an den Abenden wurde es lockerer und entspannter - in und vor den Kulturzentren der jeweiligen Länder gab es sie endlich, die Feierstimmung, das Treffen mit der Jugend der Welt bei Musik und einem kühlen Getränk. Aus der DDR unterhielt etwa die Band City die Menge oder das Clowns-Duo Salto Vitale.

Aber tagsüber wurden wir von einer nordkoreanischen Errungenschaft zur nächsten kutschiert. Neben dem Kindergarten durften oder besser: mussten wir den "Hain der Revolutionäre" besichtigen, es ging in einen großen, fast leeren Vergnügungspark, einen Zirkus, zum Großmonument Mansudae mit der etwa 20 Meter hohen Statue von Kim Il-sung (erst seit 2012 steht auch eine von Kim Jong-il, seinem Sohn und Nachfolger, dort), zum Triumphbogen. Es folgten der Pionierpalast mit "der längsten Lampe der Welt", die größte Volkshochschule, eine "Studienhalle" mit der größten Bibliothek und Sprachkabinetten, in denen alte Männer mit aufgesetzten Kopfhörern angeblich Fremdsprachen lernten, aber als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass einige von ihnen schliefen.

Tian'anmen - war da was?

AP_890304061.jpg

Weltfestspielplakate in Pjöngjang.

(Foto: AP)

Wozu sollten sie auch Fremdsprachen lernen - die Möglichkeit, sie anzuwenden, war kaum gegeben. Nur wenige Touristen kamen ins Land und die Menschen selber konnten nicht reisen. Noch nicht mal ins nächste Dorf ohne Antrag und Genehmigung (was wir damals noch nicht wussten). Das Thema Reisefreiheit interessierte mich aber damals schon sehr als diesbezüglich sehr eingeschränkte DDR-Bürgerin, also fragte ich unseren uns zugeteilten Führer, ob er reisen könne. Seine Antwort: Ich bin Student, ich habe keine Zeit zu reisen! Thema beendet.

Nordkorea_Pjöngjang_Turm der Chuche-Ideologie.jpg

Die Autorin auf dem Monument der Chuch'e-Ideologie - im Hintergrund erkennt man das Stadion "1. Mai", in dem die Eröffnungszeremonie stattfand.

(Foto: Andrea Beu)

Eine ähnliche ausweichende Antwort kam auf meine Frage, was er von den Vorfällen auf dem Platz des Himmlischen Friedens (Tian'anmen) in Peking und in China halte: Davon wüsste er nichts. Meine - wirklich entsetzte - Reaktion und Nachfrage - "aber es ist ihr Nachbarland und die ganze Welt spricht darüber!" - bügelte er ab mit: "Das geht uns nichts an, was in China passiert, ist Chinas Angelegenheit." Basta. Ganz im Sinne der von Kim Il-sung entwickelten Chuch'e-Ideologie (auch Juche geschrieben, gesprochen Dschutsche) der politischen Souveränität, wirtschaftlichen Selbstversorgung und militärischen Eigenständigkeit. Paragraf eins, jeder macht seins.

Diese Ideologie - mit der Nordkorea unter anderem seine Isolierung begründet - fand auch in anderen Teilen der Welt ihre Anhänger, in der östlichen wie in der westlichen Welt. Unter anderem sichtbar an den vielen Plaketten der Chuch'e-Gesellschaften verschiedenster Länder am Fuß des Monuments der Chuch'e-Ideologie, das mit seinen 170 Metern aus der Skyline Pjöngjangs weit sichtbar hervorragt. Das auffälligste Gebäude der Stadt neben dem "Stadion 1. Mai" und dem Ryugyŏng-Hotel.

AP_8907011566.jpg

Kim Jong-il und Robert Mugabe bei der Eröffnungsveranstaltung.

(Foto: AP)

Ihren Platz-des-Himmlischen-Friedens-Moment hatte das Festival aber zumindest bei der großen Eröffnungszeremonie am Abend des 1. Juli im Stadion "1. Mai": Genosse Kim Il-sung hielt seine Begrüßungsrede, dann Robert Mugabe, damals Vorsitzender der Bewegung der blockfreien Staaten und Präsident von Simbabwe; die Delegierten aller vertretenen 177 Länder marschierten ein, die Norweger trugen karierte Hemden - nach ein paar Schritten auf der Bahn zogen sie die aus, darunter kamen T-Shirts mit der Aufschrift "Tian'anmen" zum Vorschein. Diese Aktion wurde zumindest von Teilen des Stadions bejubelt.

Menschliche Kontakte

imago74280030h.jpg

Wandbild in einer U-Bahn-Station in Pjöngjang - der große Führer schreitet wie immer voran.

(Foto: imago/Danita Delimont)

Ermüdet von den vielen Besichtigungen und dem heißen Sommerwetter, konnten wir wenigstens durchsetzen, einmal ans nicht so weit entfernte Gelbe Meer zu fahren. (Vorher mussten wir uns allerdings noch einen - natürlich gigantischen - Staudamm ansehen. Und gebührend bewundern.) Und einen Abstecher zur berühmten U-Bahn von Pjöngjang zu machen. Obwohl wir nur eine Station fahren durften, um dann wieder in unseren Kleinbus zu steigen, ein eindrückliches Erlebnis: die blitzsauberen Bahnhöfe, die überdimensionalen Wandbilder mit dem stets forsch voranschreitenden oder sonstwie wegweisenden Kim Il-sung, seine Bildnisse in den Waggons neben den Lautsprechern, aus denen Radio die Passagiere beschallte.

Das Ende des Ostblocks

Die Jahre 1989 und 1990 stehen für den politischen Umbruch in Osteuropa. Wichtige Ergebnisse sind das Ende des Kalten Krieges sowie der Teilung Deutschlands und Europas. In einer losen Reihe beleuchtet n-tv.de die Ereignisse von vor 30 Jahren.

Die freundlichen Nordkoreaner sprangen sofort auf und machten uns ihre Sitzplätze frei - auch hier half alles gestikulierende "Bleiben Sie sitzen, wir steigen gleich wieder aus!" nichts, auch alte Mütterchen blieben eisern stehen. Also hingesetzt, alles andere wäre unhöflich gewesen. Bis ich einen Finger im Ohr spürte - ein hinter mir sitzendes Kind hatte mich, die blonde fremdartig aussehende Frau, neugierig beäugt und musste dann auch mal anfassen. Der ganze Waggon lachte. Auf einmal war die Sprachbarriere ohne Bedeutung.

Quelle: n-tv.de