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Zivilisten in Ost-Ghuta "Die Menschen sterben lieber"

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Die Lage in Ost-Ghuta erinnert an die Belagerung der von Rebellen kontrollierten Stadtteile in Aleppo.

(Foto: picture alliance / Xinhua)

400.000 Menschen sind im belagerten syrischen Rebellengebiet Ost-Ghuta vor Damaskus seit Jahren eingeschlossen. Trotz Feuerpausen verlässt in dieser Woche niemand die Region - aus Angst vor dem Regime, sagen die einen. Aber es gibt auch andere Einschätzungen.

Seit Tagen kommt Doktor Abu Sahir kaum noch zum Schlafen. Manchmal könne er sich nachts gerade einmal zwei Stunden hinlegen, schreibt der Arzt über Textnachrichten aus dem belagerten syrischen Rebellengebiet Ost-Ghuta. Zu groß die Zahl der Opfer, die er und seine Kollegen jeden Tag versorgen müssen. An manchen Tagen seien es mehr als 80 Verletzte gewesen, berichtet Abu Sahir.

Ost-Ghuta vor den Toren der Hauptstadt Damaskus erlebt seit fast zwei Wochen eine der schlimmsten Angriffswellen der syrischen Armee. Aus der Luft und mit Artillerie greifen die Truppen von Präsident Baschar al-Assad die belagerte Region an wie zuvor nur wenige Gebiete in dem fast siebenjährigen Bürgerkrieg. Mehr als 600 Zivilisten sind seitdem getötet worden. Und ein Ende der Gewalt in einem der letzten verbliebenen Rebellengebiete Syriens zeichnet sich nicht ab.

Daran ändert auch die von Assads engem Verbündeten Russland angeordnete Feuerpause nichts. Täglich zwischen 9 und 14 Uhr Ortszeit sollen die Waffen ruhen, so befahl es Kremlchef Wladimir Putin am Montag. Eine Resolution des UN-Sicherheitsrates, in der das Gremium mit Zustimmung aus Moskau eine 30-tägige Waffenruhe für ganz Syrien fordert, war da schon weitestgehend wirkungslos geblieben.

Auch Putins Feuerpause zeigt nur begrenzt Erfolg. Zwar geht die Gewalt zeitweise zurück, doch landeten immer wieder auch während der Feuerpause Bomben in Ost-Ghuta, so wie am Freitag. Und außerhalb der Waffenruhe setzten Assads Truppen ihre Angriffe fort - sie wollen mit den Bombardierungen einer Bodenoffensive auf Ost-Ghuta den Weg bereiten, um die Region wieder unter Kontrolle zu bringen. Dabei hat Ost-Ghuta ohnehin schon viele Katastrophen erlebt. Im August 2013 einen Angriff mit Saringas, bei dem Hunderte starben. Und eine jahrelange Blockade der Regierungstruppen.

Waren in Ost-Ghuta sind knapp

Lange kamen über Schmugglertunnel Waren nach Ost-Ghuta, doch diese sind mittlerweile geschlossen. Im vergangenen Jahr unterband die Regierung zudem den Handel über einen Kontrollpunkt, mit dem Profiteure auf beiden Seiten Geld verdient hatten. Auch Hilfskonvois können seit Monaten kaum nach Ost-Ghuta, vor allem weil die Regierung keine Genehmigungen erteilt, wie der Syrien-Fachmann Aron Lund in einer Analyse schreibt.

Etwa 400.000 Menschen sind laut UN-Schätzungen in Ost-Ghuta eingeschlossen. Helfer berichten von einer dramatischen humanitären Lage. Es fehlt an Nahrung, Medikamenten und Kraftstoff zum Heizen. Strom fließt ohnehin seit Jahren nur aus Generatoren. "Die Menschen leben in Kellern unter der Erde", schreibt Abu Sahir. "Die Lage ist schwer. Es ist nass und kalt. Die Menschen werden krank." Viele Krankenhäuser wurden jedoch getroffen und sind außer Betrieb.

Auch in dieser Woche kam keine Hilfe von außen nach Ost-Ghuta, obwohl die tägliche fünfstündige Feuerpause den Weg dafür frei machen sollte. Ebenso wenig verließen Zivilisten das Gebiet über einen Korridor der Regierung. Die Konfliktparteien geben sich gegenseitig die Schuld. Reporter regierungstreuer Medien berichteten täglich, "Terroristen" hätten den Korridor beschossen und hinderten die Zivilisten daran, aus Ost-Ghuta zu fliehen. Aktivisten wiederum meldeten Angriffe der syrischen Truppen auch während der Feuerpause. Was ist Wahrheit? Was Lüge?

Kontrolliert wird das Gebiet vor allem von der radikalen Miliz Armee des Islams und der bewaffneten Gruppe Failak al-Rahman, die den islamistischen Muslimbrüdern nahesteht. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International schrieb 2015, die Armee des Islams halte Zivilisten in Ost-Ghuta fest. Auch ein von der UN unterstützter Bericht kam zu dem Schluss, "lokale bewaffnete Gruppen" verböten Frauen und Kindern, das Gebiet zu verlassen.

Die Menschen bleiben aus Angst

Doch der Arzt Abu Sahir widerspricht: "Wir sind keinerlei Druck (von Rebellen) ausgesetzt", schreibt er. "Im Gegenteil, die Zivilisten sind eine Last für die Kämpfer. Ein Abzug der Zivilisten ist in deren Interesse." Wie andere Aktivisten argumentiert auch Abu Sahir, die Menschen blieben vielmehr, weil sie Angst vor Verfolgung, Folter und Zwangsrekrutierung im Regierungsgebiet hätten. "Fast alle haben das Vertrauen verloren", erklärte Mohammed Chair Sammud von der Hilfsorganisation UOSSM in Ost-Ghuta. "Und sie haben gesehen, welche Folter und Obdachlosigkeit ihre vertriebenen Landsleute (in den Gebieten der Regierung) erlebt haben. Da sterben sie lieber."

Die Lage in Ost-Ghuta erinnert an die Belagerung der lange von Rebellen kontrollierten Stadtteile im Osten der Großstadt Aleppo. Im Jahr 2016 bombardierten Assads Truppen diese Gebiete ihrer Gegner über Wochen massiv, um eine Bodenoffensive vorzubereiten. Am Ende konnten sie Ost-Aleppo wieder unter ihre Kontrolle bringen. Zehntausende Kämpfer und Zivilisten zogen Richtung anderer Rebellengebiete ab.

In Ost-Ghuta könnten sich Kampf und Blockade allerdings deutlich länger hinziehen als damals. Die Rebellen in dem belagerten Gebiet sind besser organisiert als die Regierungsgegner in Aleppo. Anders als die Großstadt im Norden Syriens verfügt das ländliche Gebiet Ost-Ghuta zudem über große landwirtschaftliche Flächen, mit denen sich die Menschen versorgen und ausharren können. Die Einwohner erwarten sehnsüchtig wärmere Temperaturen und die erste Ernte. Abu Sahir jedenfalls glaubt nicht, dass viele Zivilisten Ost-Ghuta verlassen wollen. "Sie sind an ihre Heimat gebunden", schreibt er in einer seiner Nachrichten. Kurz darauf bricht er den Dialog am Donnerstagmorgen ab und schickt nur noch Bilder von drei verletzten Kindern. Sie seien gerade ins Krankenhaus gebracht worden.

Quelle: n-tv.de, Jan Kuhlmann, dpa

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