Reisners Blick auf die Front"Die Ukraine befindet sich in einer dramatischen Situation"
Interview: Sebastian Huld
Russland steigert Zahl und Intensität seiner Luftangriffe. Der Ukraine gehen die Abwehrraketen aus. Im Interview mit ntv.de zeichnet Oberst Reisner ein drastisches Bild der Lage - und ordnet Kiews Angaben zu den eigenen Verlusten an der Front ein.
ntv.de: Russland griff im Juli verstärkt die Ukraine aus der Luft an. In der Nacht zu Samstag konnte laut Präsident Wolodymyr Selenskyj nur eine von 27 ballistischen Raketen abgewehrt werden. Ist der ukrainische Vorrat an Abwehrraketen aufgebraucht?
Markus Reisner: Die Ukraine befindet sich in einer dramatischen Situation. Selenskyj hat deshalb während seines Besuchs beim US-Präsidenten versucht, Donald Trump von der Lieferung von 300 Patriot-Abwehrraketen zu überzeugen. Damit könnte die Ukraine den Zeitraum der nächsten Monate und des Winters überbrücken, bis das Land selbst Patriotraketen produziert.
Wie verhält es sich mit den von europäischen Ländern gelieferten Abwehrsystemen?
Man kann davon ausgehen, dass für diese Systeme überhaupt keine oder kaum Raketen mehr verfügbar sind. Deshalb hat Selenskyj nicht nur die USA, sondern auch die Europäer scharf kritisiert. Für das europäische System SAMP/T sind die Produktionszahlen auch im fünften Kriegsjahr nicht signifikant erhöht worden. Die USA stellen 650 Patriotraketen im Jahr her und haben Aufträge verteilt, um die Produktion in den kommenden Jahren zu verdreifachen.
Halten die USA denn eine signifikante Zahl an Patriots zurück?
Im Militär spricht man von einem Sperrbestand. Das sind Arsenale, die man nicht an andere abgibt, um im Falle eines Angriffs auf das eigene Land oder auf enge Verbündete auch mehrere Angriffe abwehren zu können. Dafür wird zumindest eine dreistellige Anzahl an Raketen zurückgehalten, auf die Selenskyj vermutlich angespielt hat. Das Institut CSIS geht davon aus, dass der US-Bestand an Patriotraketen seit Februar von rund 2300 auf etwa 800 geschrumpft ist. Das ist die Folge des Krieges zwischen den USA und dem Iran, der seit Monaten immer wieder die US-Basen in der Golfregion attackiert. Trotzdem könnten die USA noch Raketen an die Ukraine abgeben. Politisch ist das aber nicht gewollt.
Weil?
Trump will offenbar Selenskyj unter Druck setzen, indem er die Lieferung verweigert. Zugleich soll Moskau zu Verhandlungen bewegt werden, indem die USA weiter Ziel- und Aufklärungsdaten für die ukrainischen Angriffe auf Russland zur Verfügung stellen. Bemerkenswert ist ja auch, dass Selenskyj in den USA nicht Elon Musk treffen durfte, um mit ihm über eine Ausweitung der Nutzung der Starlink-Satelliten zu sprechen. Aus meiner Sicht will der US-Präsident beide Kriegsparteien zu einem Waffenstillstand bewegen, möglichst noch vor den Midterms, den Kongress-Zwischenwahlen am 3. November.
Könnte das gelingen?
Grundsätzlich ja, weil der Druck auf beide Seiten steigt. Russland kann die ständigen Angriffe der Ukraine auf lange Sicht nicht aushalten. Aber erst einmal kommt der Winter, und der wird für die Ukraine noch härter als der vorangegangene: Infolge der russischen Angriffe auf die Infrastruktur des Landes kann die Ukraine jetzt schon nicht mehr ausreichend Strom für die kalte Jahreszeit produzieren. Die ukrainische Seite ist auch deshalb längst von allen Maximalforderungen abgerückt. Um Rückeroberungen geht es gar nicht mehr. Selenskyj fordert nur noch einen Waffenstillstand, der durch belastbare Sicherheitsgarantien abgesichert wird. Doch auch darauf geht der russische Präsident Wladimir Putin bislang nicht ein.
Dabei wird in Russland über die nächste Mobilisierungswelle spekuliert. Steht auch Putin unter Druck?
Russland mobilisiert permanent. Aber ja, auch die Ukraine befürchtet, dass Moskau nach der Dumawahl bis zu 300.000 Männer zusätzlich zum Kriegsdienst einberufen könnte. Die müsste die russische Armee zwar erst einmal ausbilden und ausstatten, andererseits legt man dort bekanntlich keinen allzu großen Wert auf das Überleben der eigenen Leute an der Front. Zugleich wird Russland auch mit signifikant mehr Soldaten den ukrainischen Drohnenwall nicht überwinden können. Für die Ukraine bleibt es dennoch ein riesiges Problem, dass sie selbst nicht genügend Soldaten an die Front bringen kann.
Selenskyj hat jüngst Zahlen genannt: 50.000 getötete ukrainische Soldaten, 700.000 getötete Russen. Ist das glaubhaft?
Nein, ich halte diese Zahlen nicht für realistisch. Das Entscheidende ist: Auf der ukrainischen Seite gibt es viele Zehntausend Vermisste. Darüber wird in der Ukraine auch berichtet und es gibt sogar Proteste. Angehörige von Vermissten bekommen nämlich nicht die gleiche Versorgung wie Soldaten-Hinterbliebene mit einem offiziellen Totenschein. Die Zahl der getöteten und vermissten ukrainischen Soldaten geht in Wahrheit in die Hunderttausende, auch wenn die Zahl getöteter Russen nochmals deutlich höher ist.
Kleiner Themenwechsel: Am Wochenende hat es einen Anschlag in Moskau gegeben. Was steckt dahinter?
Auch wenn sein Tod nicht offiziell bestätigt ist, galt das Attentat offenbar dem Chef der russischen Luft- und Raumfahrtstreitkräfte, Alexander Chaiko. In der Vergangenheit haben die Spezialkräfte und Geheimdienste der Ukraine wiederholt Personen in Russland getötet. Schlüsselfiguren der russischen Streitkräfte auszuschalten, soll die Führungsfähigkeiten des Militärs einschränken. Zudem befördern solche Anschläge Misstrauen und Angst unter den Führungskadern. Und es handelt sich um einen Anschlag, der sich erneut mitten in Moskau ereignet hat. Das macht etwas mit der russischen Seite. Misstrauen und Angst steigen.
Zurück zur Front: In Saporischschja hat eine russische Gleitbombe ein Wohnhaus getroffen, mindestens eine Bewohnerin getötet und mehr als 30 verletzt. Rückt die Großstadt mit Hunderttausenden Einwohnern in die sogenannte Todeszone und wird zur Frontstadt?
Die dramatischen Auswirkungen der von russischen Flugzeugen abgefeuerten Gleitbomben werden zu meinem Erstaunen immer wieder in der allgemeinen Berichterstattung übersehen. Die Russen feuern die Gleitbomben aus einer sicheren Distanz von bis zu 170 Kilometern ab, auch wenn die Masse dieser Angriffe aus etwa 60 Kilometern Entfernung passiert. Die Ukraine findet dazu einfach kein Gegenmittel und spricht deswegen auch ungern darüber. Auch hier bräuchte es Patriots um die russischen Su-34 und Su-35 Kampfflugzeuge abzuschießen. Russland setzt die Gleitbomben sowohl ein, um in Städten wie Saporischschja, Sumy und Cherson die Zivilbevölkerung zu terrorisieren, als auch um Stellungen der ukrainischen Streitkräfte zu zerstören.
Wo ist das derzeit vor allem zu beobachten?
Das Schwergewicht der russischen Angriffe richtet sich weiter gegen den Mittelabschnitt der Front. Es geht darum, den ukrainischen Festungsgürtel im Donbas zu überwinden - über Kostjantyniwka im Norden und über Lyman im Süden. Im Südabschnitt versucht sich Russland vor allem am Dnepr entlang Saporischschja zu nähern, damit die Stadt näher in Reichweite der russischen Gleitbomben, Artillerie und Drohnen rückt. Das konnten die Ukrainer bislang verhindern. Im Norden stehen Sumy und Charkiw unter Dauerbeschuss.
Auch die Ukraine greift weiter Russland an. Von mehreren Hundert Drohnen konnten die Russen am Wochenende offenbar die meisten abfangen. Sehen wir die Angriffe auf die Logistikzentren des russischen Internethändlers Wildberries auch deshalb, weil diese Lagerhallen das schlechter geschützte Ziel sind?
Die Ukraine greift auch weiter erfolgreich russische Raffinerien an, am vergangenen Wochenende etwa in Saratow. Weil Russland infolge des Irankriegs aber auf dem Weltmarkt mehr Geld pro Barrel Öl bekommt, federt das die Einbrüche bei den Deviseneinnahmen durch die geringere Produktion ab. Hinzu kommt eine Dezentralisierung der Produktion. Die Angriffe auf Wildberries treffen zahlreiche mittelständische Unternehmen Russlands, die dort ihre Produkte sowie die Produkte von Zulieferern gelagert haben. Da werden Vermögenswerte vernichtet. So versucht Kiew, den wirtschaftlichen und politischen Druck auf Moskau zu steigern.
In den vergangenen Wochen schien Russland vor allem durch die Angriffe auf die Ölversorgung und die übrige Logistik für die Krim und die besetzten Gebiete im Süden unter Druck zu geraten. Wird die Ukraine in Cherson eine Offensive wagen, um andernorts Entlastung zu besorgen?
Ich kann mir das momentan nicht vorstellen. Dafür müsste die Ukraine Soldaten aus anderen Einheiten abziehen, die aber selbst unterversorgt sind. Der neue ukrainische Chef der Streitkräfte, Mychajlo Drapartyi, möchte genau dies verhindern. Die Ukraine hat in den vergangenen Jahren zwar immer wieder mit Offensiven an unerwarteter Stelle überrascht. Sie hat dafür aber auch oft mit hohen Verlusten bezahlt. Es bleibt absehbar bei einem Abnutzungskrieg, in dem beide Seiten darauf setzen, länger durchhalten zu können als der Gegner.
Was folgt daraus?
Die Russen werden sich auf den nächsten Winter vorbereiten und wieder versuchen, die Ukrainer in ein Leben ohne Strom und Heizung zu bomben. Und das kann ihnen auch gelingen, wenn die Ukraine dann weiter keine ausreichend große Zahl an Luftabwehrsystemen mit ausreichend Munition hat. Doch schon die jetzige Situation, in der die Ukraine mit leeren Händen dasteht, war genauso absehbar. Dennoch ist nichts oder zu wenig geschehen. Ebenso wenig überraschend ist übrigens der Umstand, dass Russland eine Antwort darauf gefunden hat, dass es an der Front nicht mehr auf Elon Musks Starlink-Satelliten zurückgreifen kann.
Was macht Russland stattdessen?
Die Russen haben ein eigenes Satellitenkommunikationssystem namens Rassvet gestartet, das die Ukrainer nur sehr schwer stören können. Alle drei bis sechs Monate passt sich eine Seite technologisch an die Fähigkeiten der anderen Seite an - und Russland greift in diesem Wettlauf immer wieder auf die Fähigkeiten und das Wissen der Chinesen zurück. Mit diesen findet alle drei Monate ein reger Austausch statt. Man hat einen gemeinsamen Feind, die USA und den Westen.
Mit Markus Reisner sprach Sebastian Huld