Politik
Bei der Bekanntgabe des WM-Kaders wird auch ein Bild von Mesut Özil gezeigt, der (wie Ilkay Gündogan) mit nach Russland fährt.
Bei der Bekanntgabe des WM-Kaders wird auch ein Bild von Mesut Özil gezeigt, der (wie Ilkay Gündogan) mit nach Russland fährt.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 15. Mai 2018

Interview zu Özil und Gündogan: "Die beiden haben viel Sympathie verspielt"

Die türkischstämmige CDU-Politikerin Serap Güler wirbt um Verständnis für die Zerrissenheit von Menschen mit Migrationsgeschichte. Als Entschuldigung für die Nationalspieler Özil und Gündogan lässt sie das allerdings nicht gelten.

n-tv.de: Frau Güler, Sie stammen wie Özil und Gündogan aus dem Ruhrgebiet. Wie finden Sie es, dass die beiden sich in London mit dem türkischen Präsidenten getroffen haben?

Serap Güler ist nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Integration und Mitglied im Bundesvorstand der CDU.
Serap Güler ist nordrhein-westfälische Staatssekretärin für Integration und Mitglied im Bundesvorstand der CDU.(Foto: picture alliance / Rolf Vennenbe)

Serap Güler: Ich finde das Foto sehr befremdlich und kann die Aufregung darüber mehr als nachvollziehen. Da haben sich die beiden was geleistet, das mit dem Argument, es sei eine "Geste der Höflichkeit", nicht abgetan ist.

Gündogan hat Erdogan ein Trikot mit der Widmung "für meinen verehrten Präsidenten" überreicht.

Auch das ist mehr als irritierend. Der Präsident eines deutschen Nationalspielers heißt Frank-Walter Steinmeier, nicht Recep Tayyip Erdogan. Gündogan sollte sich darüber im Klaren sein, dass er als Nationalspieler nicht nur auf dem Feld eine Vorbildfunktion hat.

Ist es ein Zeichen für gescheiterte Integration, wenn ein deutscher Staatsbürger Erdogan als seinen Präsidenten bezeichnet?

Nein, das ist kein Zeichen für eine gescheiterte Integration, das ist eher ein Zeichen für politische Naivität und eine Art jugendlichen Leichtsinns. Solche Fälle mit gescheiterter Integration zu erklären, das ist mir zu kurz gegriffen und macht es den Integrationsgegnern auch zu einfach. Es ist vielleicht ein Zeichen von innerer Zerrissenheit, die bei Menschen mit Migrationsgeschichte nicht selten ist. Aber trotzdem: Als Nationalspieler muss man mit solchen Gesten und Loyalitätsbekundungen besonders sensibel sein.

Sie sind ja selbst als türkische Staatsbürgerin in Deutschland aufgewachsen. Wie erleben Sie das Gefühl der inneren Zerrissenheit?

Die türkische Regierungspartei AKP veröffentlichte dieses Bild in sozialen Netzwerken. In der Türkei ist derzeit Wahlkampf.
Die türkische Regierungspartei AKP veröffentlichte dieses Bild in sozialen Netzwerken. In der Türkei ist derzeit Wahlkampf.(Foto: picture alliance / Uncredited/Po)

Für eine Politikerin ist das etwas anderes. Wenn man ein politisches Mandat hat, kann man nicht zwei Ländern dienen, schon gar nicht zwei Ländern, die sich so grundlegend unterscheiden wie Deutschland und die Türkei - insbesondere bei der Haltung zum Rechtsstaat und dem Verständnis von Demokratie. Bei Menschen, die keine Politiker sind, sollte man da, glaube ich, etwas Nachsicht haben. Ich weiß, dass das für Menschen, die selbst keine Migrationsgeschichte haben, oft schwer nachzuvollziehen ist. Aber für viele Türkeistämmige ist die Türkei das Land, wo die Eltern oder die Großeltern herkommen. Diesem Land einfach den Rücken zu kehren, ist so einfach nicht. Man hat Verwandte dort, Freunde, Familie, vielleicht die Großeltern - davon kann man sich nicht einfach lösen. Nichtsdestotrotz darf man nicht blauäugig damit umgehen, dass die Türkei sich zunehmend von der Demokratie entfernt. Und genau das haben Özil und Gündogan getan.

Steht dahinter vielleicht auch das Gefühl, von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nicht wirklich als Deutscher akzeptiert zu werden?

Die beiden haben es bis in die deutsche Nationalmannschaft geschafft, was soll denn noch an Akzeptanz erfolgen? Natürlich müssen auch sie sich immer wieder Kommentare anhören, sie seien keine "echten Deutschen".

Die AfD hat Özil und Gündogan "Passdeutsche" genannt.

Das ist absoluter Quatsch. Die weitaus meisten Deutschen sind stolz auf ihr buntes Nationalteam. Insofern: Bei vielen anderen jungen Leuten würde ich das Argument gelten lassen, dass sie sich nicht akzeptiert fühlen. Aber bei diesen beiden sicher nicht.

Die AfD fordert, dass Gündogan und Özil nicht mit zur WM nach Russland fahren sollen, auch aus den anderen Parteien kam scharfe Kritik an der Aktion, etwa vom Grünen Cem Özdemir oder von der Linken-Politikerin Sevim Dagdelen. Sollte es Konsequenzen für die Spieler geben?

Es gibt ja schon Konsequenzen: Die beiden haben viel Sympathie verspielt. Der DFB sollte mit den beiden ein sehr offenes, sehr hartes Wort sprechen, auch das muss als Konsequenz folgen. Aber ein Ausschluss von der WM? Diesen Gefallen würde ich den Rassisten von der AfD nicht tun. Ich würde diesen Gefallen auch der AKP nicht tun, die das Foto ja ebenfalls für Wahlkampfzwecke missbraucht. Die werden sagen: So geht Deutschland, das die Meinungsfreiheit doch angeblich so hoch hält, mit Fußballspielern um, die sich mit Erdogan haben fotografieren lassen! Das war eine dumme Aktion, ganz klar. Aber ob sie mit zur WM fahren, entscheidet der Bundestrainer.

Würden Sie sich von Gündogan und Özil ein Signal an ihre türkischstämmigen Fans in Deutschland wünschen?

Ja, natürlich. Gerade bei den beiden hatte ich immer den Eindruck, dass ihnen bewusst ist, was für eine Verantwortung sie haben. Wahrscheinlich weiß das gar nicht jeder: Mesut Özil und Ilkay Gündogan sind sozial sehr engagiert, gerade auch in ihrer Heimatstadt. Auch deshalb waren sie Vorbilder und gerade deshalb war ihre Aktion so eine Enttäuschung. Jetzt müssen sie klarstellen, dass sie Mist gemacht haben.

Mit Serap Güler sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de