Eigener Großvater inhaftiertHape Kerkeling spricht mahnende Worte bei Buchenwald-Gedenken

Vor 81 Jahren befreien US-Soldaten das Konzentrationslager Buchenwald. Das Gedenken daran wird durch verschiedenartige Proteste bereits vorab erschwert. Vor Ort bewegt vor allem Hape Kerkeling, der an seinen inhaftierten Großvater erinnert. Ein anderer Redner wird gerügt.
Es gab gleich mehrere Kontroversen im Vorfeld - und war am Ende dann doch ein größtenteils stilles Gedenken: Ungestört von zuvor angekündigten propalästinensischen Protesten ist der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald bei Weimar vor 81 Jahren gedacht worden. Hauptredner Hape Kerkeling berichtete dabei in eindringlichen Worten über das Leid seines in Buchenwald inhaftierten Großvaters.
Erstmals seit Jahrzehnten sprach hingegen kein Überlebender bei dem Festakt. Hintergrund waren Einschränkungen des Flugverkehrs aus Israel. Laut wurde es bei der Rede von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer - der sich auch inhaltliche Kritik gefallen lassen musste.
Diese vier Punkte haben die Gedenkveranstaltung in diesem Jahr geprägt:
1. Hape Kerkeling und sein Großvater
Den Entertainer Hape Kerkeling trieb eine persönliche Geschichte nach Buchenwald: Sein Großvater Hermann hatte Flugblätter gegen Hitler verteilt und wurde 1942 dort inhaftiert. "Hier in Buchenwald wurde er gefoltert, gedemütigt und wurde Zeuge unzähliger Morde. Dass er diesen Wahnsinn überlebt hat, ist ein Wunder", sagte er. Sein Opa, ein Zimmermann, sei kein Mann der großen Worte, aber ein Mann der Tat gewesen. "Er war ein Mensch, der schlichtweg nicht bereit war, wegzusehen, als die Dunkelheit über Deutschland hereinbrach."
Kerkeling mahnte, die Erinnerung und die Verantwortung aufrecht zu halten. "Immer lauter und dreister werden die Stimmen, die nach einem Ende der Erinnerungskultur rufen! Ein Schlussstrich unter die Erinnerung wäre der Schlussstrich unter unsere Demokratie", sagte er. Artikel eins des Grundgesetzes - "Die Würde des Menschen ist unantastbar" - sei eine in Stein gemeißelte Antwort auf Buchenwald. "Wer diese wertvolle Erinnerung ausblenden will, wer diese Zeit zu einem 'Vogelschiss' herabwürdigen will, der greift unser Fundament an." Der AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland hatte vor einigen Jahren die NS-Diktatur als einen "Vogelschiss in über 1000 Jahren erfolgreicher deutscher Geschichte" bezeichnet.
"So etwas wie eine Gnade der späten Geburt gibt es nicht", sagte Kerkeling über die heutige Verantwortung für die Geschichte. "Wer heute behauptet, die Geschichte des Faschismus in Deutschland sei ein abgeschlossenes Kapitel, der hat nicht verstanden, dass die bösen Geister von damals nicht in den Ruinen von Buchenwald geblieben sind", fuhr er fort. "Sie warten darauf, in verunglimpfender Sprache, bösartiger Hetze, im dumpfen Ressentiment und in der alltäglichen Gleichgültigkeit wieder geweckt zu werden."
2. Bei Wolfram Weimer wird es laut
Vor der Veranstaltung hatten sich zwei Buchenwald-Verbände gegen einen Auftritt von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ausgesprochen und ihm mangelndes Verständnis für KZ-Überlebende vorgeworfen. Und auch bei der Veranstaltung erfuhr er Gegenwind. Mehrere Menschen riefen linke Parolen. Außerdem sangen sie während seiner Rede das Buchenwald-Lied, das 1938 von Häftlingen geschrieben wurde.
Eine Rednerin kritisierte Weimer direkt. "Wenn Buchhandlungen ohne weitere Erklärung diskreditiert werden, dann gerät etwas ins Wanken", sagte die Präsidentin des Internationalen Komitees Buchenwald-Dora und Kommandos (IKBD), Lena Sarah Carlebach, unter starkem Applaus. Es seien subtile Verschiebungen, wenn Kultur unter Verdacht gerate. Hintergrund ist die Absage des Deutschen Buchhandlungspreises, nachdem Weimer drei linke Läden von der Preisträgerliste hatte streichen lassen, mit allgemeinem Verweis auf "verfassungsschutzrelevante Erkenntnisse" über sie.
Weimer selbst wollte auf Nachfrage nicht weiter auf die Zwischenrufe eingehen. "Es war ein Tag der Würde, und es ist ein Tag der Erinnerung an die Befreiung", sagte er. Das habe im Vordergrund gestanden. Es erfülle ihn "mit Wut", dass in Deutschland zunehmend rechtsextreme Angriffe auf KZ-Gedenkstätten verübt würden und antisemitische Schmierereien in Gästebüchern zu finden seien, sagte er in seiner Rede. "Genauso fassungslos bin ich, dass neuerdings propalästinensische Aktivisten Buchenwald für ihren Israelhass instrumentalisieren."
3. Die propalästinensische "Kufiya"-Kampagne und Gegendemo
Ausgerechnet zum Jahrestag hatten linksradikale und propalästinensische Aktivisten der Gruppe "Kufiyas in Buchenwald" zu einem Protest vor der Gedenkstätte aufgerufen. Hintergrund war, dass vergangenes Jahr einer Frau mit Palästinensertuch (Kufiya) der Zutritt zur Gedenkfeier verwehrt wurde. Das Verwaltungsgericht Weimar untersagte jedoch die Kundgebung direkt am Gelände.
Stattdessen demonstrierten mehrere Aktivisten nach eigenen Angaben bereits am Samstag auf dem Gedenkstättengelände und verbreiteten ein Video davon. Ein Sprecher der Gedenkstättenstiftung sagte: "Sie haben genau das getan, weswegen ihnen untersagt wurde, aufs Gelände zu kommen - nämlich Buchenwald mit Gaza verglichen."
Bei der Gedenkfeier selbst gab es jedoch keine Zwischenfälle, eine Mahnwache am Theaterplatz in Weimar wurde abgesagt. Lediglich am Bahnhof versammelten sich laut Polizei etwas mehr als ein Dutzend Menschen aus dem propalästinensischen Lager. Außerdem gab es eine proisraelische Demonstration in der Stadt.
4. Die Überlebenden
Seit mindestens Mitte der 1990er Jahre ergriff immer einer der Überlebenden das Wort beim offiziellen Gedenken. In diesem Jahr war das nicht möglich. Dennoch spielten die Geschichten von Überlebenden nicht nur in der Rede Kerkelings eine zentrale Rolle. Zwei ehemalige Insassen waren immerhin vor Ort, meldeten sich aber nicht zu Wort: der 98 Jahre alte Alojzy Maciak aus Polen und der 99-jährige Andrej Moiseenko aus Belarus.
Insgesamt hielten die Nazis in Buchenwald zwischen 1937 und 1945 mehr als eine Viertelmillion Menschen gefangen. Etwa 56.000 von ihnen starben während der Haft an den katastrophalen Bedingungen im Lager oder wurden von der SS getötet. Am 11. April 1945 hatten US-Truppen das Lager erreicht.
Teile davon wurden ab August 1945 von der sowjetischen Besatzungsmacht als Speziallager genutzt. Sie inhaftierte dort lokale Funktionsträger der NSDAP, aber auch Jugendliche, Denunzierte und teils willkürlich Festgenommene, die keinerlei Verantwortung für den Nationalsozialismus trugen.