Politik

Strauß und Augstein "Eine politische Feindschaft"

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In der Bundesrepublik demonstrieren im Oktober 1962 Menschen gegen die "Spiegel"-Affäre und für die Pressefreiheit.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Oktober 1962 versucht die Bundesregierung, den "Spiegel" zum Schweigen zu bringen. Nach einem kritischen Artikel über die Bundeswehr verklagt die Bundesregierung das Nachrichtenmagazin wegen Landesverrats und besetzt die Redaktionsräume. Verleger Rudolf Augstein und mehr als zehn weitere Mitarbeiten müssen für bis zu vier Monate ins Gefängnis. Doch mangels Beweisen kommt es schließlich nicht zum Prozess. Die "Spiegel"-Affäre hat viele Gewinner und einen Verlierer. Verleger Rudolf Augstein und sein Nachrichtenmagazin verdoppeln ihre Auflage. Die Deutschen kämpfen erfolgreich für die Pressefreiheit. Verteidigungsminister Franz Josef Strauß hingegen muss zurücktreten. Franziska Augstein spricht im Interview mit n-tv.de über das besondere Verhältnis zwischen Strauß und ihrem Vater sowie über die Tage, in denen die Deutschen ihre Demokratie entdeckten.

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Franziska Augstein, 48 Jahre alt und Journalistin, ist Tochter des "Spiegel"-Gründers Rudolf Augstein.

(Foto: picture alliance / dpa)

n-tv.de: Frau Augstein, wie wichtig ist die "Spiegel"-Affäre für die Entwicklung der jungen Bundesrepublik?

Franziska Augstein: Die Affäre war der Katalysator dafür, dass die Bundesrepublik anfing, sich zu demokratisieren. Die Bevölkerung nahm plötzlich wahr, dass sie nicht bloß Untertan ist und dass Demonstrationen und Proteste helfen. Die Obrigkeit muss dem Willen der Bevölkerung folgen, so ist das eigentlich in der Demokratie gedacht. Aber bis dahin hatte man das in der Bundesrepublik noch nicht ausprobiert. Außerdem hat sich die Presse damals sehr vehement eingemischt. Erstaunlicherweise haben sich Zeitungen, Fernseh- und Radiosendungen durch fast alle politischen Schattierungen auf die Seite des "Spiegel" geschlagen. Damals entdeckten die Bundesbürger die Demokratie. Die Obrigkeiten merkten außerdem, dass sie mit den Medien rechnen mussten. Als "vierte Gewalt" werden sie seither respektiert.

Verhelfen die Ereignisse im Oktober 1962 dem "Spiegel" erst zu seiner heutigen Bedeutung?

1962 lag die Auflage noch unter 500.000, Ende der 60er schabte man an der Millionen-Grenze. Die Reputation des "Spiegel" stieg enorm.

Was hat Ihr Vater Rudolf Augstein Ihnen später über die "Spiegel"-Affäre erzählt?

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Augstein (l.) wollte verhindern, dass Strauß (r.) Kanzler wird.

(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Das sollte die Vernichtung des "Spiegel" werden, so hat er es gesehen. Mein Vater hat aber später nicht mehr so viel über die Affäre geredet. Er war von den 103 Tagen im Gefängnis nicht traumatisiert. Das war für ihn fürchterlich, aber kein Vergleich zu dem, was er im Zweiten Weltkrieg mitgemacht hatte. Wenn er über die "Spiegel"-Affäre sprach, dann mehr humorvoll mit einem Zwinkern in den Augen. Wie dankbar er sei, dass das so stattgefunden habe.

Ihr Vater und Franz Josef Strauß galten schon vor den Ereignissen im Oktober 1962 als Intimfeinde. Warum war das Verhältnis der beiden so schlecht?

Das Verhältnis war ursprünglich gar nicht so schlecht in den 50er Jahren. Man sah in Strauß zunächst einen fähigen Politiker, der gut argumentieren konnte. 1957 gab es dann ein Abendessen im damaligen Haus meines Vaters, wo Strauß auf einmal zeigte, dass er nicht gewillt war, sich dem Rechtsstaat zu unterstellen. Der Abend war lang geworden und Strauß war kurz davor, seinen Zug zu verpassen. Also ließ er seinen Fahrer zum Bahnhof fahren. Er solle dem Lokomotivführer bestellen, der Zug möge warten, bis Strauß ankomme. Es gab viele solcher Episoden, so dass die anwesenden "Spiegel"-Leute den Eindruck hatten, Strauß hält sich mehr für einen Autokraten als für einen Demokraten. Die Leichtigkeit und Selbstgerechtigkeit, mit der er auch in späteren Jahren über rechtsstaatliche Dinge hinweg gefahren ist, machte ihnen Sorgen.

Gibt es noch mehr Beispiele?

In Bonn hat Strauß einmal ein Rotlicht überfahren. Ein Polizist hat ihn daraufhin aufgeschrieben und darauf hingewiesen, dass Ampeln für alle Bundesbürger zählen. Strauß hat daraufhin beantragt, diesen Polizisten von seinem Posten zu entfernen. Hinzu kamen die Affären nach 1957. In Hamburg war man zunehmend der Meinung, Strauß habe ein Monopol auf Korruption, wobei das Wort "Korruption" in Bayern, wie Rudolf Augstein ironisch sagte, gar nicht bekannt sei.

Ihr Vater soll über Strauß gesagt haben: "Dieser Mann darf niemals Kanzler werden".

Richtig. Strauß war politisch sehr flexibel, aber in einem war er völlig festgelegt. Er war ein ganz großer Anti-Kommunist. Jeder wurde als Kommunist oder Halb-Kommunist diffamiert, der etwas anderes wollte als er. Damit hat er das Niveau der sauberen politischen Argumentation verlassen und ist eingeschwenkt auf die Art, wie die Unionsfraktion damals Wahlkämpfe gemacht hat.

Wann und wie haben Sie als Kind gemerkt, dass das Verhältnis Augstein/Strauß ein ganz Besonderes ist?

Das ist ein bisschen hochstilisiert worden. Es war natürlich eine stark politische Feindschaft. Aber mein Vater hatte keine wirklich persönliche Feindschaft gegen Strauß. Er meinte, dieser Mann dürfe nicht Kanzler werden. Das hat er mit den Mitteln, die ihm zu Gebote standen, betrieben. Deswegen hat sich der "Spiegel" auch sehr engagiert, als Strauß sich 1980 als Kanzlerkandidat aufstellen ließ. Das galt es zu verhindern. Aber es gab keine besondere persönliche Männerbeziehung. Wenn sie einander sahen, dann haben sie sich auch unterhalten. Beide waren ironiebegabt und gebildet. Beide konnten miteinander auch gut reden, weil sie der Ansicht waren, dass Politiker wie Kurt-Georg Kiesinger, Rainer Barzel und Helmut Kohl unmöglich waren.

Strauß kostet die Affäre das Amt. Wurde er deswegen nie Kanzler der Bundesrepublik?

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Polizisten besetzen die Redaktionsräume des "Spiegel".

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wenn er sich danach anders verhalten hätte, dann wären seine Affären in Vergessenheit geraten. Aber Strauß hat auch nach 1962 noch jede Menge getan, um sich zu diskreditieren. So hat er Chile während der Pinochet-Diktatur auf einem guten demokratischen Weg gesehen. Strauß hat auch Ian Smith, den weißen Apartheidsregenten in Südafrika, besucht, der vor der schwarzen Revolution in Rhodesien herrschte. Nach Francos Tod, als Spanien in den 70ern den Weg zur Demokratie fand, hat er Manuel Fraga, den letzten mächtigen Franquisten, im Wahlkampf finanziell unterstützt. Strauß forderte damals auch, es müsse in der spanischen Verfassung vorgesehen werden, dass man sicherheitshalber wieder zu einer Diktatur zurückkehren könne. Das sind alles Dinge, die kamen einfach nicht gut an. Nicht nur beim "Spiegel", sondern auch bei den Bundesbürgern.

Auslöser der "Spiegel"-Affäre war der 16-seitige Artikel "Bedingt abwehrbereit". Wie brisant war er nach heutigen Maßstäben?

Der Text war damals schon nicht brisant. Er war nicht neu, alles was darin stand, war schon woanders publiziert worden. Nicht zuletzt in der "Deutschen Zeitung", einer rechtsgerichteten bundesdeutschen Zeitung. Doch die galt als regierungsnah, deswegen hatte niemand etwas dagegen einzuwenden. Als der "Spiegel" das dann etwas umfänglicher darstellte, war es plötzlich Landesverrat. Deswegen sind sie in der "Spiegel"-Redaktion auch aus allen Wolken gefallen

Ist es heute noch vorstellbar, dass ein Zeitungsartikel so etwas auslöst?

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Beim Großen Zapfenstreich im Dezember 1962 wurde Strauß als Minister offiziell verabschiedet. Links neben Strauß Bundeskanzler Adenauer.

(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das kann man nicht voraussagen. Das hängt davon ab, was da drin steht. Heute ist die Verbreitung von Informationen dichter, nicht zuletzt wegen des Internets. Aber wenn irgendeine Zeitung herausfinden sollte, dass ein Bundeskanzler von China bestochen wird, wäre das eine richtig gute Geschichte. Im Kleinen haben wir heute diesen NSU-Skandal, wo sich jetzt rausstellt, dass Verfassungsorgane die Dinge eher verschlimmert haben, als zu verbessern. Nur: Weil die Bundesrepublik jetzt als Demokratie besser gefestigt ist, gibt es heute weder eine Staatskrise noch eine Pressekrise, wenn sich herausstellt, wie miserabel die Dienste arbeiten.

Was hat sich noch verändert?

Medien werden anerkannt von den Regierenden. Die Regierenden können gar nicht anders, als sich bei den Medien beliebt zu machen. Die Regierenden selber sind auch demokratischer. Wir haben es nicht mehr mit der Generation von Leuten zu tun, die echte, mitlaufende und vom Nationalsozialismus profitierende Nazis waren. Bei den Menschen hat sich seit den 60ern nicht so viel verändert. Nur, dass sie inzwischen stärker in der Demokratie angekommen sind. Dadurch ist es jetzt nicht mehr so notwendig, dass die Bevölkerung auf die Straße geht und sagt: So nicht!

Ist es denn heute auch denkbar, dass ein Verleger den Aufstieg eines Politikers so vehement bekämpft?

Ich kann es mir schon vorstellen. Aber vielen Verlagshäusern ist es sicher völlig schnuppe, wer Kanzler ist. Hauptsache, sie machen guten Profit. So viele starke Verleger gibt es ja nicht mehr. Deswegen ist es vermutlich nicht mehr so üblich wie damals.

Das Charisma und das Polarisierende von Politikern wie zum Beispiel Strauß, fehlt das heute in der Politik? Befördert es die Abkehr der Menschen?

Auf das Charisma, das Strauß hatte, können wir gut verzichten. Die Leute kehren sich nicht von der Politik ab, weil sie da keinen Franz Josef Strauß oder Herbert Wehner mehr haben. Sie fühlen sich verladen, weil Versprechungen gemacht werden, die zurückgenommen werden oder sich als Mogelpackungen herausstellen. Wenn die Diskrepanz zwischen dem, was Politiker sagen und durchsetzen zu groß ist, sind Leute desinteressiert. Dann fragen sie sich: Wozu noch wählen gehen?

Mit Franziska Augstein sprach Christian Rothenberg

Quelle: ntv.de

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