Politik

Der Fall Samuel Paty Enthauptet, weil er seinen Job machte

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Ein Demonstrant trägt ein Schild mit dem Foto von Samuel Paty.

(Foto: AP)

Der Mord an einem Geschichtslehrer trifft Frankreich ins Mark - denn er zeigt, dass Grundfreiheiten selbst im Klassenzimmer unter Beschuss stehen. Während der Staat um die richtige Strategie gegen Islamisten ringt, rufen die Lehrer nach mehr Schutz.

Wie konnte es so weit kommen? Auf diese Frage sucht Frankreich nach dem Mord an Samuel Paty eine Antwort. Dass ein Lehrer auf offener Straße enthauptet wird, weil er seinen Schülern die Werte einer freien Gesellschaft vermitteln wollte, hinterlässt Entsetzen und Fassungslosigkeit - selbst in einer Gesellschaft, die schon seit Jahren permanent mit islamistischem Terror konfrontiert ist. Längst hat die Tat auch Zweifel geweckt, ob der Kampf gegen den Extremismus im Land fünf Jahre nach der Terrorserie von Paris tatsächlich so effektiv geführt wird wie nötig. Immerhin konnte Patys Mörder, ein 18-jähriger Russe mit tschetschenischen Wurzeln, seinem Opfer ungehindert auf dem Heimweg auflauern - und das, obwohl Lehrer und Schule bereits massiven Drohungen ausgesetzt waren.

"Monsieur Paty" lebte gemeinsam mit seinem fünfjährigen Sohn in einem Apartment im Quartier Le Grillon in Eragny. Er hatte sich gerade getrennt, spielte gern Tennis, ging jeden Morgen zum gleichen Bäcker. Dass der 47-Jährige, ein einfacher Lehrer für Geschichte und Geografie zum Opfer einer islamistischen Fatwa - so nannte es der Innenminister - werden konnte, ist einer regelrechten Hasskampagne in sozialen Medien geschuldet. Angeheizt wurde sie durch den Vater eines Schülers, der Paty Islamophobie und Rassismus vorwarf, weil er im Unterricht die Mohammed-Karikaturen aus der Satirezeitschrift "Charlie Hebdo" gezeigt hatte.

Das Magazin hatte die Zeichnungen anlässlich des Prozessauftakts gegen die Helfer der beiden Attentäter vom 7. Januar 2015 noch einmal publiziert - wieder unter dem Protest von Tausenden Muslimen weltweit. Paty nahm die Bilder zum Anlass, um mit seinen Schülern über Meinungsfreiheit zu sprechen. Eine solche Debatte muss erlaubt sein in einer Demokratie. Doch in Frankreich - auch das zeigt der Fall Paty - sind bestimmte Grundfreiheiten nicht mehr überall gesellschaftlicher Konsens.

Ein Täter - mehrere Schuldige

Radikalislamische Ansichten sind tief verwurzelt in einigen Milieus. Sie sind keine Ausnahme mehr. Der Pariser Islamwissenschaftler Bernard Rougier attestierte Frankreich in seinem Anfang des Jahres erschienenen, viel diskutierten Buch "Les territoires conquis de l'islamisme" - zu Deutsch: Die eroberten Gebiete des Islamismus - ein massives Problem mit salafistischen Netzwerken, die in muslimisch geprägten Stadtvierteln französischer Metropolen die Kontrolle übernommen hätten. Unter ihrem Einfluss seien in sich geschlossene religiöse Ökosysteme entstanden, in denen nicht mehr der Staat das Zentrum bildet, sondern die Moschee. Und was dort gepredigt werde, stehe "oftmals in völligem Konflikt mit der Gesellschaft".

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Zwei Tage nach dem Mord an Samuel Paty verurteilt Prediger Abdelhakim Sefrioui die Tat in einem Video.

(Foto: Youtube)

Zwar ist der Pariser Vorort Conflans-Sainte-Honorine, in dem Samuel Paty seit fünf Jahren an einer Mittelschule lehrte, nicht vergleichbar mit berüchtigten Banlieues wie Aubervilliers oder Mantes-la-Jolie, doch auf Facebook und Youtube fand die Hetze gegen den Geschichtslehrer große Resonanz - auch von dem umstrittenen Prediger Abdelhakim Sefrioui. Er begleitete den entrüsteten Vater nicht nur zur Schulleitung, um die Entlassung Patys zu fordern, sondern verbreitete auch ein Video, in dem er Paty Hass gegen Muslime vorwarf - seiner Ansicht nach als Folge eines anti-muslimischen Aufrufs von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Berichten zufolge soll in den Kommentaren unter diesem Clip der volle Name Patys sowie die Adresse der Schule geteilt worden sein.

Ob sich der 18-jährige Täter durch das Video angestachelt fühlte, ist Spekulation. Weder der Vater des Schülers noch Sefrioui sollen direkten Kontakt zu ihm gehabt haben. Doch die Twitterbotschaft, die der Mörder kurz nach der Tat absetzte und in der ein Bild von Samuel Patys abgetrenntem Kopf zur Schau stellte, legt zumindest nahe, dass er den Clip kannte. "Im Namen Allahs, des Gnädigsten, des Barmherzigen", schrieb er, "an Macron, den Anführer der Ungläubigen: Ich habe einen Ihrer Höllenhunde hingerichtet, der es wagte, Mohammed zu erniedrigen." Sefrioui wurde zwischenzeitlich zwar festgenommen und verhört, doch ob ihm die Ermittler eine Mitschuld an dem Mord nachweisen können, ist völlig offen. Ähnlich verhält es sich bei dem Vater des Schülers.

Kampf gegen den Staat im Staat

So mischt sich drei Tage nach dem Mord auch Wut unter die Trauer - darüber, dass der Staat es trotz eines rigiden Anti-Terror-Gesetzes, das den Ausnahmezustand in Teilen zur Normalität gemacht hat, nicht schafft, seine Lehrer zu beschützen. Dem "Journal du Dimanche" sagte Premier Jean Castex zwar, die Regierung arbeite an einer entsprechenden Strategie und wolle, "dass die Lehrer wissen, dass nach dieser gemeinen Tat das ganze Land hinter ihnen steht". Doch wie die Schutzmaßnahmen konkret aussehen sollen, sagte er nicht.

Stattdessen demonstriert die Regierung Entschlossenheit an anderer Stelle. Offiziell laufen seit dem Morgen zahlreiche Polizeieinsätze gegen Islamisten, inoffiziell soll es Pläne zur Ausweisung Hunderter weiterer Extremisten geben. Weil das Problem damit aber nicht vom Tisch ist, will Macron nun auch soziale Medien stärker kontrollieren. Der Präsident steht unter Druck. Vergangenes Wochenende forderten Zehntausende Franzosen in Städten wie Paris, Toulouse, Bordeaux oder Lille Gerechtigkeit für Paty und seine Angehörigen. "Je suis Prof" stand auf vielen Schildern in Anlehnung an die berühmte Parole "Je suis Charlie" - oder "Ich bin Lehrer/Zielscheibe".

Paty ist zum Symbol geworden für das, was der französische Islam-Experte Gilles Kepel als Kulturkampf beschrieben hat zwischen denen, die Frankreichs Muslime "mit ihrer salafistischen Vision in Geiselhaft nehmen - und jenen, die daran glauben, dass es in der Gesellschaft für alle Menschen, unabhängig von ihrem Glauben, den gleichen Platz gibt". Frankreichs Lehrer anzugreifen, bedeute, "uns alle" anzugreifen, schrieb die französische Autorin Caroline Fourest im Magazin "Marianne". "Journalisten können warnen, Polizisten können verhaften - aber wir werden diesen Albtraum nie überwinden, wenn unsere Lehrer die kommende Generation nicht mehr gegen die Propaganda immunisieren können, die uns alle zerreißt."

Quelle: ntv.de