Politik

"Viele verloren den Anschluss"Gauck erklärt Spaltung im Osten mit der Geschichte

11.09.2026, 16:56 Uhr
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Joachim Gauck, früherer Bundespräsident, spricht bei einer Konferenz der Gewerkschaft Verdi in Rostock. (Foto: picture alliance/dpa)

Die Erfolge der AfD in Ostdeutschland erklärt Alt-Bundespräsident Gauck auch mit Erfahrungen nach der Wiedervereinigung, die viele verunsichert haben. Rechtsaußenparteien hätten aber kein "tragendes Zukunftsmodell".

Der frühere Bundespräsident Joachim Gauck sieht eine tiefe Spaltung innerhalb der Bevölkerung im Osten Deutschlands. "Zwischen den aufgebrochenen und positiv denkenden Menschen und denen, die es schwer haben, die irgendwie fremdeln mit dieser offenen Gesellschaft", sagte der 86-Jährige in Rostock bei einer Konferenz der Gewerkschaft Verdi mit Vertrauensleuten der Deutschen Post.

Nach der Wende habe die Mehrheit der Ostdeutschen "Ja" gesagt zum Wandel, neuen Möglichkeiten und den damit verbundenen Herausforderungen. Sie hätten sich beispielsweise engagiert als Unternehmer, in der Politik oder als Gewerkschafter.

Es habe aber auch riesige Gruppen völlig desorientierter Menschen gegeben. "Viele, die den Anschluss verloren haben und ein grundsätzliches Misstrauen gegenüber einer Gesellschaft, in der man selber Verantwortung übernehmen muss. Und das muss man ja lernen, dieses "Ja" zur Verantwortung."

Gauck stellte eine Verbindung zum Ergebnis der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt her: "Das haben wir bei der letzten Wahl gesehen, in Sachsen-Anhalt. Das sortiert sich dann auch."

Gauck: "Wir im Osten sind total gespalten"

Die Wiedervereinigung habe viele Menschen verunsichert, etwa weil Betriebe geschlossen wurden, Menschen ihre Positionen verloren hätten und Verständnis und Anerkennung für ihre Biografien fehlte. "Das ist so eine Sache, die immer noch in den ostdeutschen Bevölkerungsteilen steckt. Wir im Osten sind total gespalten", erklärte Gauck.

Rechtsaußenparteien überall auf der Welt seien erfolgreich, weil sie versprächen, es könne wieder so werden wie früher. "Also nicht so viel Fremde, nicht so viel Veränderung, nicht so viel kulturelle Vielfalt." Teils hätten Politiker nicht verstanden, dass man Migration steuern müsse. Dann hätten Rechtsaußenvertreter mitunter einen Punkt. "Was sie nicht haben, ist ein tragendes Zukunftsmodell."

Der in Rostock geborene Gauck war unter anderem Pastor, DDR-Bürgerrechtler und Chef der Stasi-Unterlagenbehörde. Gauck betonte die Errungenschaften in Deutschland - auch im Vergleich zur DDR. Er verwies unter anderem auf freie Wahlen, Meinungs- und Redefreiheit sowie die unabhängige Rechtsprechung und den Frieden mit den direkten Nachbarstaaten. Probleme und Mängel sollten zu diesen Errungenschaften ins Verhältnis gesetzt werden. "Darum haben wir etwas zu verteidigen. Diese offene, freiheitliche Gesellschaft und dieser Rechtsstaat ist nicht irgendetwas, was wir eintauschen möchten", sagte Gauck.

Quelle: ntv.de, uzh/dpa

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