100 Verletzte, 100 FestnahmenGewaltsame Proteste in Albanien breiten sich aus
Schlechte Studienbedingungen, schlechte Perspektiven - die Studierenden in Albanien gehen in der Hauptstadt Tirana seit Tagen auf die Straße. Dabei kommt es immer wieder zu Gewalt, Verletzten und Festnahmen. Der umstrittene Präsident Rama unterstellt den Demonstranten ganz andere Motive.
In Albanien gehen die gewaltsamen Proteste junger Menschen gegen Missstände im Hochschulwesen und gegen die Regierung in den dritten Tag in Folge. Nach ersten Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstrierenden in der Hauptstadt Tirana weiteten sich die Ausschreitungen auf drei weitere Städte in dem EU-Kandidatenland aus. Das Parlament in Tirana vertagte wegen der Gewalt auf den Straßen vorsichtshalber eine geplante Plenarsitzung auf die kommende Woche.
Ministerpräsident Edi Rama bezeichnete die Proteste als Werk der Opposition, die verhindern wolle, dass Albanien ein Beitritt in die EU gelinge. Sie versuche mit "Feuern und Eisen", Albanien in den Abgrund zurückzubringen, aus dem alle das Land herausgezogen hätten, erklärte der Sozialist, wie Medien in Tirana berichteten - und von dem aus man den "historischen Gipfel" erklimme, den "Traum aller Albaner über Generationen hinweg - die EU".
In Tirana versuchten Demonstrierende erneut, sich dem Bildungsministerium zu nähern, worauf die Polizei mit Tränengas reagierte. In der Stadt Korca warfen die Protestierenden Medienberichten zufolge Steine und Molotowcocktails auf Schulen. Zu weiteren Protesten kam es in den Städten Durres und Lushnja. Während der vergangenen zwei Tage wurden in Tirana insgesamt fast 100 Polizisten verletzt und mehr als 100 mutmaßliche Randalierer festgenommen. Im Zentrum Tiranas hatten Randalierer unter anderem eine Bank und Räume einer Universität verwüstet.
Präsident regiert seit 13 Jahren
Der Zorn der Studierenden richtet sich gegen schlechte Studienbedingungen, hohe Ausbildungskosten und fehlende berufliche Perspektiven. Die Demonstranten forderten aber auch den Rücktritt des sozialistischen Ministerpräsidenten Rama, der seit 2013 in dem Balkanland regiert.
Der allgemeine Unmut gegen Rama und gegen die gesamte politische Führung hatte sich bereits vor Monaten verstärkt, als bekannt wurde, dass die Regierung ein Immobilien-Projekt in einem Naturschutzgebiet an der albanischen Adriaküste unterstützt, hinter dem Jared Kushner, der Schwiegersohn von US-Präsident Donald Trump, steht. Die seither täglich laufenden Protestdemonstrationen sind als "Flamingo-Revolution" bekannt, weil in dem Naturschutzgebiet auch Flamingos leben.
Albanien verhandelt inzwischen relativ fortgeschritten über einen EU-Betritt. Viele seiner Bürgerinnen und Bürger empfinden zugleich die politischen Eliten als gierig, korrupt und inkompetent.
