Politik

Ökonomen: "Ende mit Schrecken" Griechen sagen Nein zum Kurs der Geldgeber

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Die Griechen feiern in dieser historischen Nacht. Kommt morgen der Kater?

(Foto: dpa)

Die Griechen haben ihre Meinung gesagt: Sie wollen keine weiteren Sparmaßnahmen. Führende deutsche Ökonomen sehen das Land bereits auf dem Weg aus dem Euro. Finanzminister Varoufakis sagt schon mal, wie die kommenden Tagen verlaufen könnten.

Die Griechen kehren dem Reformkurs ihrer Geldgeber den Rücken: In dem Referendum sprachen sich nach aktuellem Stand der Auszählung 61 Prozent gegen die Sparforderungen der Euro-Zone und des IWF aus. Damit stärkten die von Rezession und Rekordarbeitslosigkeit geplagten Griechen ihre Regierung, die seit Monaten mit den Gläubigern um die Auflagen für weitere Milliardenhilfen ringt.

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Varoufakis: Die Griechen haben das Ultimatum zurückgewiesen.

(Foto: REUTERS)

Der griechische Finanzminister Gianis Varoufakis kündigte am Abend an, umgehend mit den internationalen Geldgebern neu verhandeln zu wollen. "Ab morgen fangen wir an, unsere Wunden zu heilen", sagte Varoufakis im griechischen Fernsehen. Europa dürfe nicht mehr ein riesiger eiserner Käfig der Sparpolitik sein. Seine Regierung habe sich fünf Monate lang für gelockerte Sparvorgaben eingesetzt. Doch die Gläubiger hätten am 25. Juni ein Ultimatum gestellt, ihr Sparprogramm zu akzeptieren. "Sie haben unsere Banken geschlossen. Sie wollten uns erniedrigen", sagte Varoufakis. Nun habe das griechische Volk das Ultimatum zurückgewiesen.

Jetzt soll es schnell gehen

Unterdessen haben sich Kanzlerin Angela Merkel und der französische Präsident François Hollande für einen EU-Sondergipfel bereits an diesem Dienstag ausgesprochen. Das teilte ein Regierungssprecher in Berlin nach einem Telefonat der beiden Politiker mit. EU-Vertretern zufolge steht die Euro-Mitgliedschaft des Landes nun ernsthaft zur Diskussion.

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Hunderte Menschen strömen in die Athener Innenstadt und verfolgen die Auszählung der Wahlkreise live auf Leinwänden.

(Foto: imago/ZUMA Press)

Für die Regierung des linken Ministerpräsidenten Alexis Tsipras bedeutet das Votum einen Sieg. Formell hat das Referendum allerdings keine Bedeutung, weil die Bürger über ein Kompromissangebot der Gläubiger abgestimmt haben, das seit dem Auslaufen des zweiten Hilfsprogramms Ende Juni gar nicht mehr auf dem Tisch lag. Jedoch war die politische Bedeutung in dem Land enorm, wo mittlerweile jeder Vierte ohne Arbeit ist.

Von dem Wählervotum erhofft sich Tsipras Rückenwind für eine neue Verhandlungsrunde mit den Geldgebern. Regierungsvertreter erklärten, die Gespräche könnten sofort weitergehen, binnen 48 Stunden eine Einigung erzielt werden. Die anderen Euro-Länder hatten allerdings klar gemacht, dass sie am Prinzip, Hilfe nur im Gegenzug für Reformen zu leisten, nicht rütteln werden. Auch einen bedingungslosen Schuldenerlass lehnen sie ab. Für Montag waren jedenfalls zunächst keine neuen Gespräche geplant.

Athen geht das Geld aus

Ohne schnelle Einigung ist eine umfassende Staatspleite aber kaum noch zu verhindern. Schon Ende Juni konnte die Regierung in Athen einen Milliardenkredit an den IWF nicht zurückzahlen. In zwei Paketen wurden seit 2010 fast 240 Milliarden Euro nach Athen überwiesen. Deutschland bürgt direkt für 53 Milliarden Euro und indirekt für weitere Risiken von EZB und IWF. Außerdem könnte die Bundesbank wegen des Ausfalls griechischer Anleihen zur Vorsorge in ihrer Bilanz gezwungen werden, was wiederum ihre Ausschüttungen an den Bundeshaushalt deutlich schmälern könnte.

Kommt das Zurück zur Drachme?

Der Vorsitzende der Euro-Finanzminister und niederländische Ressortchef Jeroen Dijsselbloem hatte es im Vorfeld als "sehr fraglich" bezeichnet, ob bei einem "Nein" noch eine Basis für Griechenland in der Euro-Zone bestehe. EU-Parlamentspräsident Martin Schulz warnte im "Deutschlandfunk", die Regierung in Athen könnte gezwungen sein, eine andere Währung einzuführen, um Gehälter zu bezahlen.

Dagegen sagte der Chef-Unterhändler der Regierung in Athen, Euclid Tsakalotos: "Wir diskutieren nicht über eine Parallelwährung." Er zeigte sich im Sender "Star TV" gewiss: "Ich glaube nicht, dass sie uns rauswerfen."

Merkel will am Montagnachmittag mit Hollande beraten, mit dem sie sich in der Krise immer wieder eng abgestimmt hatte. Der SPD-Finanzexperte Carsten Schneider sagte der ARD, weitere Verhandlungen seien schwierig: "Ich weiß nicht, wie man noch gemeinsam Boden finden kann." Der Unions-Finanzexperte Hans Michelbach (CSU) sagte: "Man muss jetzt die Frage stellen, ob Griechenland außerhalb der Eurozone nicht besser aufgehoben ist."

Auch atmosphärisch dürften weitere Gespräche schwer werden. So hatte Tsipras' Finanzminister Yanis Varoufakis den Geldgebern "Terrorismus" und "Erpressung" vorgeworfen.

Eine "neue Drachme" würde Währungsexperten zufolge gegenüber dem Euro vermutlich um bis zu 80 Prozent abwerten. Damit wären alle in Euro gehaltenen Schulden noch viel schwieriger zu bedienen und auch die Importe würden sich schlagartig verteuern. Einige Ökonomen erwarten langfristig aber Vorteile, weil Griechenland dann Produkte im Ausland günstiger anbieten kann.

"Die Kuh ist eingebrochen"

"Es läuft auf einen 'Grexit" hinaus", sagte der Chefökonom der BayernLB, Jürgen Michels. Die Euro-Zone habe die Wahl, entweder das Gesicht zu verlieren und nachzugeben oder den

"Grexit" zu riskieren und unbekanntes Terrain zu betreten: "DieKuh ist eingebrochen. Sie ist zwar noch nicht untergegangen, sie steht aber mit einem der vier Füße im Wasser."

Eine entscheidende Bedeutung kommt nun der Europäischen Zentralbank (EZB) zu, die griechische Geldhäuser seit Monaten mit Notfallhilfen über Wasser hält. Diese sind intern aber heftig umstritten. Sobald die EZB den Stecker zieht, dürfte das Hellas-Bankensystem kollabieren. Die nächste Entscheidung der Währungshüter wird am Montag erwartet.

Deutschland bürgt direkt für Kredite von rund 53 Milliarden Euro und sichert indirekt weitere Risiken von IWF und EZB ab. Sollten die Griechen zahlungsunfähig werden, dürfte auch die Bilanz der Bundesbank leiden, was ihre Ausschüttungen an Schäuble schmälern könnte.

Quelle: ntv.de, ppo/dpa/rts

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