Politik

Experte über die Spezialtruppe"Hitlers Fallschirmjäger sahen sich politisch wie militärisch als Elite"

29.01.2026, 16:53 Uhr
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Adolf Hitler mit Fallschirmjägern, die zu Beginn des Westfeldzugs 1940 das Fort Eben Emael eingenommen haben. Die Fallschirmjäger tragen ihre für diesen Einsatz verliehenen Ritterkreuze. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Am 29. Januar 1936 befahl Luftwaffenchef Hermann Göring den Aufbau einer Fallschirmjägertruppe. Die neue Waffengattung wurde im NS-Staat als Elite gefeiert. Historiker Magnus Pahl spricht mit ntv.de über die Entstehung der Truppe, ihren Einsatz im Zweiten Weltkrieg und ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen.

ntv.de: Herr Pahl, wie kam es überhaupt zum Aufbau der Fallschirmtruppe während der NS-Zeit?

Magnus Pahl: Schon im Ersten Weltkrieg gab es aufseiten der Westmächte Überlegungen, Soldaten aus der Luft einzusetzen. In den 1930er Jahren griffen verschiedene Staaten diese Ideen auf. Die Rote Armee war die erste Militärmacht, die Luftlandekräfte in Dienst stellte. Eine Anekdote besagt, dass Adolf Hitler Presseberichte über sowjetische Luftlandemanöver mit Interesse verfolgte und daraufhin Hermann Göring beauftragte, die Fallschirmtruppe als Teil der Luftwaffe aufzubauen.

Mit welchen Aufgaben wurde die neue Waffengattung betraut?

Die Fallschirmjäger sollten hinter feindlichen Linien Schlüsselobjekte wie Brücken oder Flugplätze sichern, um den Vormarsch der eigenen Bodentruppen zu erleichtern. In diesem Sinne spielten sie eine wichtige Rolle im Blitzkrieg-Konzept der Wehrmacht. Zudem wurden auch Kommandoaktionen trainiert, um gegnerische Regierungssitze handstreichartig einzunehmen.

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Magnus Pahl ist Historiker am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Er war Kurator der Sonderausstellung "Hitlers Elitetruppe? Mythos Fallschirmjäger" im Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. (Foto: Andrea Ulke / MHMBw 2020)

Woher kam das Personal?

Die Fallschirmtruppe verstand sich von Beginn an als elitärer Freiwilligenverband. Das Personal stellten überwiegend überzeugte Nationalsozialisten zweier Wachtruppen: Das waren zum einen Offiziere des Regiments "General Göring", das dem Luftwaffenchef treu ergeben war, und zum anderen die SA-Standarte "Feldherrnhalle". Später wurden auch verstärkt junge Männer zur Fallschirmtruppe versetzt, die sich freiwillig als Piloten gemeldet hatten, für die es bei den Fliegern aber keine Verwendung gab.

Was lässt sich über das Selbstverständnis der Truppe sagen?

Die Fallschirmjäger sahen sich politisch wie militärisch als Elite. Der Anspruch war, eine kriegsentscheidende Rolle zu spielen. Man bezeichnete sich selbst als "des Führers kühnste Elitetruppe", die nur die schwierigsten Aufträge erhielt. Bis Kriegsende wurden bei den Musterungen hohe körperliche Anforderungen an die 17- bis 18-jährigen Freiwilligen gestellt. Man wollte nur die Besten der Besten.

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Ausbildung von Fallschirmjägern an der Fallschirmschule in Stendal, 1938. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Auch die von Heinrich Himmler geführte Waffen-SS verstand sich als Elite des NS-Regimes. In welchem Verhältnis standen Fallschirmjäger und Waffen-SS zueinander?

Göring und Himmler waren politische Rivalen, die um Einfluss und Ressourcen stritten. Beide buhlten um die Gunst Hitlers. In diesem Sinne standen auch Görings Fallschirmtruppe und Himmlers Waffen-SS in einem Konkurrenzverhältnis. Hitler war sich dessen bewusst und förderte den Wettbewerb sogar. Somit konnte er auf gleich zwei Prätorianergarden setzen.

Welche Rolle spielten die Fallschirmjäger für die NS-Propaganda?

Die Fallschirmjäger eigneten sich hervorragend für propagandistische Zwecke der Nazis. Sie verkörperten Modernität, Opferbereitschaft und Elitebewusstsein und wurden daher entsprechend herausgestellt. Ihre Einsätze wurden medial stark überhöht. Ähnlich wie bei der Waffen-SS verfügten die Fallschirmjäger in ihren Reihen über eigene Propagandisten, die Fotos, Filme und Texte anfertigten. Dabei war die Berichterstattung auch Mittel der psychologischen Kriegsführung. Hinzu kam, dass Propagandaminister Joseph Goebbels eine persönliche Affinität zu den Fallschirmjägern hatte.

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Fallschirmjäger sammeln sich hinter einem abgeschossenen US-Panzer, Westfront 1944. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Inwiefern?

Als Gauleiter von Berlin hatte Goebbels schon vor 1933 enge Kontakte zu nationalsozialistisch eingestellten Polizisten und SA-Männern, die später zu den Fallschirmjägern wechselten. Später ging sein Stiefsohn Harald Quandt nicht etwa zur Waffen-SS, sondern zu den Fallschirmjägern. Als junger Offizier kämpfte er unter anderem auf der griechischen Insel Kreta und in den Schlachten um den Monte Cassino in Italien.

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Welche Rolle spielten die Fallschirmjäger in den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs?

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs kamen die Fallschirmjäger mehrfach erfolgreich zum Einsatz. Die Truppe spielte 1940 eine wichtige Rolle bei der Besetzung Dänemarks und Norwegens sowie zu Beginn des Westfeldzugs in den Niederlanden und Belgien. Höhepunkt war zweifellos die Eroberung von Kreta 1941. In der bis dahin größten Luftlandeschlacht der Geschichte offenbarten die Fallschirmjäger aber taktische Schwächen, weil sie für den Kampf in großen Verbänden nicht ausgebildet waren. Hinzu kam ein hoher Blutzoll: Von rund 10.000 eingesetzten Fallschirmjägern starben mehr als 3000.

Nach Kreta soll Hitler gesagt haben, die Zeit der Fallschirmtruppe sei vorbei. Was ist an dieser Aussage dran?

Die angebliche Äußerung Hitlers überlieferte General Kurt Student, der ranghöchste Offizier der Fallschirmtruppe. Ob Hitler die Aussage so getätigt hat, ist unklar. Fakt ist: Der Überraschungseffekt, den die Fallschirmjäger noch zu Kriegsbeginn hatten, war nach Kreta verflogen. Mehr und mehr Länder begannen, die deutschen Einsätze zu analysieren und Gegenmaßnahmen zu entwickeln. Hitler löste die Fallschirmjäger nach Kreta aber nicht auf oder überführte sie ins Heer. Offenbar schätzte er die Truppe nach wie vor als wichtig ein.

Die Schlacht um Kreta war dennoch ein Wendepunkt?

Absolut. Nach Kreta wurden die Fallschirmjäger hauptsächlich als normale Infanterie eingesetzt, obwohl sie als Spezialwaffe andere Aufgaben hatten. Hintergrund war, dass die Deutschen die Lufthoheit über Europa allmählich verloren. Während der Kämpfe an der Ostfront und in Italien lernten die Fallschirmjäger im Erdkampf kontinuierlich dazu. 1943 kam es noch einmal zu zwei spektakulären Luftlandeeinsätzen: Im Juli auf Sizilien und im September bei der Befreiung des italienischen Diktators Benito Mussolini. In diesem Zeitraum befahl Hitler auch die Vergrößerung der Truppe. Gegen Kriegsende gab es eine Fallschirmarmee mit mehr als zehn Divisionen.

Was weiß man heute über ihre Beteiligung an Kriegsverbrechen?

Das in der Nachkriegszeit entworfene Bild von den Fallschirmjägern als "saubere Truppe" ist ein Zerrbild. Bereits auf Kreta kam es zu zahlreichen Kriegsverbrechen. Das Bekannteste ist das Massaker von Kondomari, bei dem Fallschirmjäger unbewaffnete Zivilisten erschossen. In Rom halfen Fallschirmjäger 1943 bei der Deportation von Juden nach Auschwitz. Berüchtigt ist vor allem die Fallschirm-Panzerdivision "Hermann Göring", die im Vergleich zu anderen deutschen Verbänden überdurchschnittlich an Kriegsverbrechen beteiligt war.

In den besetzten Gebieten fielen Fallschirmjäger häufig durch Raub und Diebstähle auf. Neben der politischen Indoktrinierung lässt sich das Verhalten auch mit den Einsatzgrundsätzen erklären. Die Truppe war darauf trainiert, sich Waffen, Munition und Verpflegung vom Feind zu "organisieren". In Italien und Frankreich machten die Soldaten dann auch vor der Zivilbevölkerung nicht halt.

Nach Kriegsende wurden 1956 die Fallschirmjäger der Bundeswehr gegründet. Welche Rolle spielte dabei das Erbe der Wehrmacht?

In den frühen Jahren spielten kriegsgediente Offiziere eine wichtige Rolle beim Aufbau der neuen Fallschirmjägertruppe. Überzeugte Nationalsozialisten siebte die Bundeswehr aber aus. Durch einige Veteranen wirkten allerdings Traditionen und Selbstbilder aus der Zeit der Wehrmacht, wie die Verherrlichung der Schlacht um Kreta, nach. Dies führte mitunter zu Konflikten. Mit ihren Traditionserlässen machte die Bundeswehr aber klar, dass die Wehrmacht als Institution nicht traditionswürdig ist.

Mit Magnus Pahl sprach Janis Peitsch

Quelle: ntv.de

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