Politik

"Glücksspiel mit dem Leben" Immer mehr Afghanen flüchten vor Taliban

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Regelmäßig kommt es in Afghanistan zu Anschlägen mit zahlreichen Toten, die die radikalislamistischen Taliban für sich reklamieren.

(Foto: picture alliance/dpa/AP)

Weil die Taliban in Afghanistan erstarken, sehen viele Menschen keine andere Möglichkeit, als ihr Land zu verlassen. Die meisten wollen in die Türkei oder Nachbarländer. Sie wissen, dass die Tore Europas für Geflüchtete geschlossen sind.

Mit dem Vormarsch der militant-islamistischen Taliban könnte Afghanistan eine neue Phase der Vertreibung bevorstehen. Die Zahl der vor Gewalt fliehenden Menschen steigt Beobachtern zufolge wieder an. Gebildete versuchten, über Stipendien oder durch Investitionen in Nachbarländer oder in die Türkei zu gelangen, sagte Thomas Ruttig von der Kabuler Denkfabrik Afghanistan Analysts Network. Andere versuchten, sich in den Iran durchzuschlagen. In der Vergangenheit waren Millionen Afghanen vertrieben worden, etwa nach dem Einmarsch der Sowjetunion oder während des Bürgerkriegs in den 1990er-Jahren.

Zahlen, wie viele Menschen sich aktuell auf den Weg machen, gibt es nicht. "Keine Behörde hier kann das aufzeichnen, denn die Menschen fliehen illegal", sagte ein Sprecher des Flüchtlingsministeriums in Kabul. Es gebe aber keinen Zweifel daran, dass Menschen wieder vor dem Krieg fliehen würden. Und das nicht aus einer oder zwei, sondern aus allen Provinzen des Landes.

Das UN-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) warnte vor einer humanitären Krise. Rund 270.000 Afghanen seien seit Anfang des Jahres zusätzlich im eigenen Land vertrieben worden. Insgesamt seien damit mehr als 3,5 Millionen Menschen im Land auf der Flucht. Angesichts dieser Entwicklung spielen sich in afghanischen Familien wieder altbekannte Szenen ab: Mütter und Väter brechen in Tränen aus, während sie mit ihren Kindern Erspartes zählen und besprechen, wohin sich diese am besten absetzen sollen. "Wer will schon sein Kind wegschicken?", fragt eine gebrechliche Mutter mit den tiefen Falten, während sie sich mit einem schwarzen Tuch die Wangen trocknet. "Aber ich kann doch auch nicht zusehen, wie sie meinem Sohn den Kopf abschneiden."

Taliban erstarken nach Truppenabzug

Mit "sie" meint sie die militant-islamistischen Taliban, die in den vergangenen Wochen einen alarmierenden Vormarsch in Afghanistan hingelegt haben. Mehr als ein Viertel der Bezirke haben die Islamisten seit Beginn des Abzugs der internationalen Truppen neu eingenommen. In mehrere Provinzhauptstädte sind sie eingesickert oder kontrollieren bereits Teile davon. Die Sicherheitskräfte der Regierung versuchen dagegenzuhalten, aber ihre Moral ist seit dem Beginn des Abzugs der US- und NATO-Truppen schwer angeschlagen. Ihnen springen nun private Milizen bei - und lösen so noch mehr Sorgen aus, dass das Land in einen Bürgerkrieg abdriften könnte.

Die meisten Afghanen mit Plänen für eine Flucht ins Ausland nennen den Iran, Tadschikistan und die Türkei als Ziele, manche auch Pakistan. Von Deutschland, Österreich oder Schweden träumen zwar alle, aber mittlerweile hat sich herumgesprochen, dass die Tore Europas geschlossen sind. Es ist bekannt, dass es äußerst schwierig geworden ist, ohne Papiere in diese Länder zu gelangen.

Fraglich ist angesichts strenger Grenzkontrollen, wie weit Afghanen überhaupt kommen. Pakistan stellt in diesen Tagen einen 2640 Kilometer langen Grenzzaun zu Afghanistan fertig. Der pakistanische Innenminister sagte kürzlich, Islamabad werde Flüchtlingslager auf der afghanischen Seite der Grenze errichten. Am Montag erklärte der pakistanische Informationsminister, es werde anders als in der Vergangenheit keinen unkontrollierten Zustrom geben.

Türkei: Mehr als 1000 Migranten täglich

Der Iran hatte nach der sowjetischen Invasion in Afghanistan 1979 über drei Millionen afghanische Flüchtlinge einreisen lassen. Wegen der Corona-Pandemie und der Wirtschaftskrise gilt es als eher unwahrscheinlich, dass die Regierung in Teheran dies erneut erlaubt. Es sind weder genügend Mittel noch Arbeitsmöglichkeiten für Flüchtlinge vorhanden. Unklar ist jedoch, wie der Iran ohne Gewaltanwendung illegale Grenzübertritte von Flüchtlingen verhindern kann.

Türkische Medien veröffentlichten in den vergangenen Tagen immer wieder Bilder von Migranten, die über den Iran ins Land kommen. Berichte, wonach geschätzt mehr als 1000 Migranten täglich die Grenze passieren, könne er bestätigen, sagt der Chef des Menschenrechtsvereins IHD der Grenzprovinz Van, Mehmet Karatas. Die meisten davon seien Afghanen.

Für Fulya Memisoglu, Politikwissenschaftlerin mit dem Schwerpunkt Migration an der Yildiz-Universität in Istanbul, ist das keine Überraschung. "Wir haben diese Situation erwartet", sagt sie. "Bereits seit 2019 kommt vermehrt eine große Anzahl von Migranten aus Afghanistan an." Oft seien die Menschen schon mehrfach vertrieben, erschöpft und wollten sich endlich niederlassen. Nach den rund 3,6 Millionen Flüchtlingen aus Syrien seien die geschätzt zwischen 300.000 und 500.000 Afghanen die größte Migrantengruppe in der Türkei.

"Schlepper erzählen nur Lügen"

Schwaib Baghlani hat in den vergangenen eineinhalb Monaten versucht, über den Iran in die Türkei zu kommen. Er kehrte mit vielen Wunden an Körper und Seele und einem leeren Geldbeutel nach Kabul zurück. "Es ist ein Glücksspiel mit dem Leben", sagt der Betriebswirt. "Die Schlepper erzählen nur Lügen." An der Grenze würde die iranischen oder türkischen Sicherheitskräfte nicht in die Luft schießen, sondern auf die Menschen. Sobald man erwischt werde, setze es Prügel. Seinem Cousin sei durch einen Schlag mit einer Kalaschnikow das Fußgelenk gebrochen worden. Die Schlepper würden immer wieder auch Leute aus den Gruppen festhalten und von den Familien zuhause Lösegeld fordern, berichtete Baghlani.

Er müsse sich jetzt erstmal erholen. Lange könne er aber nicht bleiben, denn die Taliban hätten eine Rechnung mit ihm offen, seit er Taliban-nahe Kommilitonen an den Geheimdienst verpfiffen habe. Er wolle bald versuchen, sich nach Usbekistan durchzuschlagen. An einen Friedensschluss glaube er nicht.

Quelle: ntv.de, Veronika Eschbacher und Mirjam Schmitt, dpa

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