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Israel im Interessenkonflikt In Berg-Karabach droht ein Stellvertreterkrieg

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In Ganja suchen aserbaidschanische Soldaten und Rettungskräfte der Feuerwehr nach Überlebenden in einem Wohngebiet nach dem Raketenbeschuss durch armenische Streitkräfte.

(Foto: dpa)

Die Lage in Berg-Karabach droht zu eskalieren. Regionale Mächte, aber auch Israel könnten in den Konflikt hineingezogen werden. Bei dem Machtpoker geht es nicht nur um die Vorherrschaft im Kaukasus, sondern auch um Öl.

Während der Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan weiter eskaliert, werden die Kämpfe um die Region Berg-Karabach aufmerksam im Nahen Osten beobachtet. Seit Jahrhunderten sind dort viele Völker nicht nur wegen der großen Diasporagemeinden beider Erzfeinde mit dem Kaukasus verbunden. Auch durch die hegemonialen Bestrebungen Irans, das an beide Kriegsparteien angrenzt, ist die Gegend für die Staaten Vorderasiens von geostrategischem Interesse. So unterhält Israel - um sich vor den atomaren Drohgebärden Teherans zu schützen - beste militärische Beziehungen zu Aserbaidschan. Da auch Russland und vor allem die Türkei in dem Konflikt eine potenzielle Rolle spielen, droht ein Stellvertreterkrieg.

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"Die israelischen Waffenlieferungen an Aserbaidschan haben uns verärgert," schimpft Keren Gasparijan, TV- Journalistin aus Jerusalem. Sie gehört zu den 10.000 Armeniern im jüdischen Staat, die schon seit Generationen im Land leben. Ein Großteil ihrer Familie war unter den 1,5 Millionen Opfern des türkischen Völkermords zum Ende des Ersten Weltkriegs. Nur wenige von ihnen flohen nach Jerusalem, wo sie sich im armenischen Viertel der Altstadt niederließen.

"Natürlich erkennen wir den strategischen Wert der Beziehungen Israels zu Aserbaidschan," erklärt sie. "Im aktuellen Konflikt hätten wir aber ein bisschen Solidarität, Empathie für die armenische Geschichte und weniger Waffenverkäufe erwartet." Zuletzt flogen mehrere Frachtflugzeuge mit Rüstungsgütern vom Militärflugplatz Ovda in Südisrael nach Baku. Als Konsequenz wurde die erst kürzlich in Tel Aviv eröffnete armenische Botschaft wieder geschlossen und ihr Botschafter abberufen.

Israel brauchte Öl und Gas aus Aserbaidschan

Die umkämpfte Region Berg-Karabach gehört zu Aserbaidschan, hat aber eine überwiegend armenische Mehrheit. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und jahrelangem Unabhängigkeitskrieg der Separatisten riefen die Armenier 1991 die Republik Arzach aus. Dieser einseitige Schritt, der international nicht anerkannt wurde - auch nicht von Armenien - löste umfassend Gefechte aus, die Zehntausende Todesopfer forderten und Tausende Menschen auf beiden Seiten vertrieb. Seit Mitte der neunziger Jahre herrscht dort ein brüchiger Waffenstillstand. Alle paar Jahre kommt es zu tödlichen Zusammenstößen.

"Israel unterhält wichtige Beziehungen zu beiden Nationen", sagt Ran Gilboa ehemaliger Kampfpilot der israelischen Luftwaffe. "Mit Aserbaidschan haben wir aber nicht nur aufgrund der iranischen Bedrohung gemeinsame geostrategische Interessen. Sie sind auch ein wichtiger Gas- und Ölversorger."

Das Land der Azeris - ein schiitisches Turkvolk - knüpfte 1991 nach seiner Unabhängigkeit von der UdSSR Beziehungen zum Judenstaat. Als sich die Türkei vor über einem Jahrzehnt immer mehr von Israel distanzierte und der Ton des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan feindseliger wurde, kamen sich Baku und Jerusalem näher. Beide Länder schlossen ein strategisches Bündnis, das sich auf ihre gegenseitigen Feindseligkeiten gegenüber dem Iran konzentrierte.

Türkei hat eigenes Interesse an Aserbaidschan

"Die Beziehungen gehen noch tiefer," erklärt Gilboa. "Nachdem der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanjahu mit dem aserbaidschanischen Präsidenten Ilham Aliyev 2016 einen Waffendeal vereinbarte, wurde gleichzeitig ein Abkommen unterzeichnet, wonach israelische Jets aserbaidschanische Flughäfen nutzen können, von wo sie im Falle eines Kriegs iranische Nuklearanlagen angreifen dürfen." Auch der israelische Auslandsgeheimdienst Mossad soll dort eine Station besitzen, die als Augen und Ohren für die Überwachung des Iran dient.

"Der Konflikt im Kaukasus ist durch die Interessen geopolitischer Rivalen - wie dem Iran und der Türkei - um regionale Hegemonie vor den Augen Russlands weitaus komplexer", sagt Gallia Lindenstrauss, Expertin für Vorder- und Zentralasien am Institut für nationale Sicherheitsstudien in Tel Aviv. "Die Türken, die eine kulturelle und sprachliche Verwandtschaft mit den Azeris teilen, wollen diese Krise nutzen, um mithilfe von Drohnen ihre Überlegenheit gegenüber der israelischen Technologie zu demonstrieren. Auf diese Weise versuchen sie, die Militärpartnerschaft zwischen Baku und Jerusalem zu zerstören."

Nach Ansicht von Lindenstrauss plant Erdogan, eine neue Front des türkischen Expansionismus zu eröffnen. "Mit dem Engagement zur Unterstützung Aserbaidschans erweitert er sein rücksichtsloses Streben zur Kontrolle von Ölvorkommen und betreibt eine aggressive Außenpolitik, um der Türkei Energie zu günstigen Preisen zu sichern." Das israelische Friedensabkommen mit Bahrain und den Vereinigten Arabischen Emiraten sieht sie als Wendepunkt. "Israel ist dadurch nicht mehr allein auf aserbaidschanisches Öl angewiesen und wird höchstwahrscheinlich Luftwaffenstützpunkte in beiden Golfstaaten errichten."

"Russland hat kein Interesse an Lösung des Konflikts"

Die armenischen Regierung bezichtigte Ankara erst kürzlich, Aserbaidschan nicht nur mit Waffen und Militärberatern zu versorgen, sondern auch mit der Stationierung 4000 syrischer Söldner in der Region. "Die Türkei will ihre Waffenverkäufe steigern und nutzt jetzt ihre Chance," so Lindenstrauss.

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Indes wird das christliche Armenien von der regionalen Großmacht Iran unterstützt. Der schiitische Gottesstaat, dessen Bevölkerung zu einem Drittel Azeri-Wurzeln hat - einschließlich seines "Obersten Führers" Ali Khamenei, hat eine schwierige Beziehung zu Aserbaidschan und fürchtet, dass seine größte Minderheit nach Autonomie streben könnte. "Russland, das eine Militärbasis in Armenien unterhält, versucht als Vermittler beide Seiten zu befrieden, was Moskaus Beziehung zu Ankara belastet," so die Expertin. "In Wirklichkeit aber hat der Kreml kein Interesse an einer Lösung des Konflikts, sonst würden sie die Kontrolle über die ehemalige Region der UdSSR verlieren."

Schon in der Vergangenheit stießen die regionalen Großmächte im Kaukasus zusammen. Ähnlich wie Russland wollen auch der Iran und die Türkei ihre Präsenz in der Gegend stärken. "In einer Welt, in der sich die USA als 'Weltpolizei' zurückzieht, wächst der Einfluss neuer Staaten im Ringen nach Hegemonie wie im aktuellen Kaukasus-Krieg," sagt Keren Gasparijan. "Eine Ausweitung des Konflikts würde die großen internationalen Akteure vor politische Herausforderungen stellen und könnte sich daher auf die Machtinteressen im Nahen Osten auswirken."

Quelle: ntv.de