Politik

Üble Gewalt gegen UkrainerIn Polen spielen sich erschütternde Szenen ab

17.08.2026, 15:32 Uhr
imageVon Robin Grützmacher
00:00 / 06:28
Ukrainegewalt
Eine Frau holt zum Schlag gegen einen ukrainischen Flüchtling in Posen aus. (Foto: X)

Immer wieder tauchen Videos von heftigen Attacken auf ukrainische Flüchtlinge in Polen auf. In diesem Jahr gibt es deutlich mehr Angriffe - auch auf Kinder. Besonders das nationalistische Lager heizt die Stimmung auf.

In Polen und der Ukraine ist in den vergangenen Tagen ein Video viral gegangen, das einen Angriff auf ukrainische Flüchtlinge in der polnischen Stadt Posen zeigt. Vor allem eine Frau geht darin aggressiv gegen zwei Männer vor. Sie beschimpft die beiden und bespuckt einen von ihnen. Als er zurück spuckt, stößt sie einen Sonnenschirm auf die Männer und schlägt einem mit voller Wucht in den Nacken. Daraufhin kommt es zu weiteren Beschimpfungen und Handgreiflichkeiten. Der Grund für den Angriff soll gewesen sein, dass die Männer Ukrainisch sprachen.

Vergleichbare Videos haben in den vergangenen Monaten regelmäßig ihren Weg in die sozialen Netzwerke gefunden. Der Eindruck verstärkt sich, dass die Hemmschwelle für solche Taten deutlich gesunken ist. Sogar Übergriffe auf Kinder gibt es immer wieder.

Kürzlich berichtete das ukrainische Generalkonsulat in Danzig von einem Mann und einer Frau, die in der Stadt Bydgoszcz ein 14-jähriges ukrainisches Mädchen und ihren 12-jährigen Bruder aus "nationalistisch motivierter Intoleranz" beschimpft und körperlich angegriffen haben sollen. Einem der Kinder sei der Arm verdreht worden, zudem hätten die Täter eine Spielzeugdrohne zerbrochen und Teile davon auf den Jungen geworfen.

Große Aufmerksamkeit bis in die Politik hinein erfuhr ein Fall Mitte Juli, als ein 54-Jähriger in einem Bus Bielsko-Biala im Südosten Polens ukrainische Mädchen im Alter von elf Jahren aufgrund ihrer Herkunft unter anderem als " Huren" beschimpfte und sie bedrängte. Eines der Opfer filmte das Ganze mit ihrem Smartphone.

Ebenfalls viel Beachtung bekam der Angriff dreier polnischer Männer auf ein ukrainisches Pärchen in Breslau. Die Auseinandersetzung folgte auf einen Streit in einem Laden. Auch als die beiden Opfer am Boden lagen, sollen die Männer noch auf sie eingetreten haben. Außerdem wurde ein Schlagring eingesetzt. Die Polizei sprach von einem "nationalistisch motivierten Aggressionsmotiv".

Laut Behördenangaben sind die Angriffe auf Ukrainer in Polen in der ersten Hälfte dieses Jahres um 30 Prozent gestiegen. Bei den auf Video festgehaltenen Vorfällen wurden die Täter in der Regel innerhalb kurzer Zeit festgenommen. "Null Toleranz gegenüber Aggression und Hass", hieß es von Polens Innenminister Marcin Kierwinski.

polenukraine
Diese Aufnahme einer der festgenommenen Frauen von dem Angriff in Posen teilte der polnische Innenminister. (Foto: X / Marcin Kierwiński)

Spannungen wegen des Gedenkens an Nationalisten

Es gibt aber auch Politiker, vorwiegend aus dem nationalistischen Lager, die Stimmung gegen die Ukraine machen. Andreas Umland vom Europäischen Politik Institut in Kiew sagte ntv.de im Juni, Präsident Karol Nawrocki sei dabei das "Hauptproblem". Er ist seit 2025 im Amt und fordert eine deutlich härtere Linie gegenüber ukrainischen Flüchtlingen.

In den vergangenen Monaten hatten sich die Spannungen auch auf höchster politischer Ebene zwischen Warschau und Kiew verschärft. Grund ist das ukrainische Gedenken an einstige Nationalisten, insbesondere der Unabhängigkeitskämpfer von der UPA. Die Organisation verübte zwischen 1943 und 1945 in der Region Wolhynien Massaker an polnischen Zivilisten mit Zehntausenden Toten.

Laut Umland bedauern die Ukrainer, was in Wolhynien geschehen ist - und das wisse man auch in Polen. Kiews Staatschef Wolodymyr Selenskyj ist in der Vergangenheit zu Gedenkveranstaltungen ins Nachbarland gereist. Andererseits benannte er im Mai aber auch eine Militäreinheit nach der UPA. Sein Bürochef Kyrylo Budanow begab sich anschließend sofort zu Gesprächen ins verärgerte Nachbarland. "Für das polnische Volk ist die UPA vor allem das Symbol für Verbrechen, die an wehrlosen Zivilisten begangen wurden", hatte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz zuvor gesagt. Regierungschef Donald Tusk sprach von einer "Verletzung unserer historischen Sensibilität".

Der Streit wurde durch den Budanow-Besuch nicht beigelegt, sondern gipfelte in Selenskyjs Aberkennung des 2023 von Polen verliehenen Weißer-Adler-Ordens. Präsident Nawrocki sagte dazu: "Ich möchte betonen, dass diese Entscheidung nicht gegen das ukrainische Volk gerichtet ist. Sie ändert nichts an der strategischen Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik. Wir haben die Ukraine unterstützt und tun dies auch weiterhin."

"Die Ukraine schreibt keinem anderen Volk vor, wie es seine Geschichte zu lehren oder zu bewerten hat. Daher behalten auch wir uns das legitime Recht auf unsere eigene nationale Erinnerung und Würde vor", hieß es von Budanow auf Telegram. Er sprach von einem unfreundlichen Akt Nawrockis.

Leichte Annäherung

Polen hat mittlerweile die Errichtung eines Denkmals in Warschau für die UPA-Opfer von Wolhynien angekündigt. Die Ukraine wiederum will einen "Pantheon" in Kiew bauen, um die "herausragendsten Vertreter der ukrainischen Nation zu ehren". In der Grabstätte könnten auch einstige Nationalisten beherbergt werden.

Zudem hatte die Ukraine mitgeteilt, Untersuchungen zu den Massakern ausweiten und Geheimdienstarchive öffnen. Der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski und sein ukrainische Amtskollege Andrij Sybiha waren sich nach einem Treffen im vergangenen Monat laut einer Mitteilung aus Warschau einig, dass "Wahrheit, Respekt und das Gedenken an die Opfer weiterhin zentrale Elemente der bilateralen Beziehungen sind".

Polen hat seit dem russischen Angriffskrieg rund eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und viele wichtige Waffensysteme und finanzielle Mittel für die Verteidigung gegen die russische Invasion geliefert. Besonders fernab des polnischen nationalistischen Lagers wurden die Ukrainer in der Regel mit offenen Armen empfangen.

Quelle: ntv.de

Angriff auf die UkraineZuwanderungKriege und KonflikteMigrationPolenUkraine