Politik

Selenskyj wird Orden entzogenDarum geht es beim gefährlichen Zoff zwischen der Ukraine und Polen

20.06.2026, 11:07 Uhr
imageVon Robin Grützmacher, Lwiw
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Der Friedhof Field of Mars in Lwiw, auf dem die bei der Verteidigung gegen die russische Invasion gefallenen Soldaten begraben sind. Die rot-schwarzen Fahnen erinnern an die ehemalige Ukrainische Aufständische Armee. (Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire)

Polen und die Ukraine sind enge Partner - eigentlich. Doch das Verhältnis hat sich wegen des Kiewer Gedenkens an einstige Nationalisten deutlich abgekühlt. Es ist ein komplexer Streit, in dem es wenig Aussicht auf einen gemeinsamen Nenner gibt. Ein Blick in die Westukraine hilft, die Geschichte dahinter zu verstehen.

Nach der Fahrt aus Polen über den Grenzübergang Korczowa in die Ukraine dauert es nicht lange, bis Autofahrern zahlreiche kleine Friedhöfe an der Landstraße ins Auge fallen. Auf Äckern liegen ukrainische Männer begraben, die ihr Leben für die Abwehr der russischen Invasion gegeben haben. Geschmückt sind die Erinnerungsstätten oft mit großen Fotos, Blumen und Flaggen. Vielen Flaggen. Die meisten in blau-gelb, einige auch in schwarz und rot - den Farben der Ende 1942 gegründeten Ukrainischen Aufständischen Armee (UPA) und der bereits vorher agierenden Bandera-Fraktion der Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B).

Beide Gruppen setzten sich einst für einen von Polen, der Sowjetunion und später auch Nazideutschland unabhängigen ukrainischen Staat ein. "Hauptziel der UPA war, das imperiale Joch abzuschütteln", sagt Andreas Umland vom Europäischen Politik Institut in Kiew zu ntv.de. Die Parallelen zur Moderne sind nicht zu übersehen: Seit 2014 verteidigen sich die Ukrainer gegen russische Besatzer, seit 2022 gegen die Vollinvasion der Kreml-Streitkräfte. Heute gibt es so etwas wie einen "Kult um die UPA", wie Umland es nennt.

Damit könnte die Geschichte auserzählt sein. Ukrainer, die ihr Land heute gegen russische Übernahmefantasien verteidigen, verweisen auf Nationalisten, die vor Jahrzehnten für einen unabhängigen Staat kämpften. Das wirkt logisch und unproblematisch.

Ist es aber beispielsweise aus polnischer Sicht nicht. Von der dortigen Regierung und vom rechtspopulistischen Präsidenten Karol Naworcki gab es in den vergangenen Wochen deutliche Kritik am ukrainischen Gedenken an die Nationalisten, an dem auch hochrangige Vertreter aus Kiew teilnahmen. Präsident Wolodymyr Selenskyj wurde kürzlich sogar die höchste Ehrung Polens entzogen, der Weißer-Adler-Orden. Um die schwerwiegenden Differenzen zu verstehen, braucht es einen Blick, der weiter zurückgeht.

Die Organisation Ukrainischer Nationalisten

Bereits seit Ende der 1920er Jahre war vor allem in den damals zu Polen gehörenden Regionen Galizien und Wolhynien (heute Westukraine) die radikale Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN) aktiv. Sie sah in Polen und Sowjets so etwas wie Kolonialmächte, die die ukrainische Bevölkerung unterdrücken. Letztere hatten zum Beispiel beim Holodomor Anfang der 30er Jahre rund vier Millionen Ukrainer verhungern lassen. Ein Völkermord.

1939 besetzte die Sowjetunion Galizien und Wolhynien im Rahmen des Hitler-Stalin-Pakts. Die ukrainischen Nationalisten spalteten sich ein Jahr später in die Melnyk-Fraktion (OUN-M) und die Bandera-Fraktion (OUN-B). Die UPA war später so etwas wie der militärische Arm der OUN-B, die laut Umland Anfang der 1940er weitergehende Ziele hatte, einen ethnokratischen ukrainischen Staat zu errichten - "eine im damaligen Europa weitverbreitete Ideologie".

Das unablässige Streben der OUN nach Unabhängigkeit von Polen und den Sowjets hatte seine Schattenseiten. Die Organisation beging zur Durchsetzung ihrer Ziele Verbrechen an Zivilisten. Zudem kooperierte sie mit den deutschen Nationalsozialisten, bis es zum Bruch kam.

Osteuropa-Experte Kai Struve von der Ludwig-Maximilians-Universität München sagt ntv.de, Teil des Vorhabens der Staatsgründung sei die Einrichtung ukrainischer lokaler Verwaltungen und Milizen in den Gebieten gewesen, aus denen sich die sowjetischen Truppen nach dem deutschen Überfall im Juni 1941 zurückzogen. In der Westukraine hätten sich zu der Zeit lokale Milizen weitgehend aus den Untergrundstrukturen der OUN-B rekrutiert. "Sie begannen eigenständige 'Abrechnungen' mit denjenigen, die sie für Unterstützer und Nutznießer der vorhergehenden sowjetischen Herrschaft hielten. Vor dem Hintergrund einer in dieser Zeit weitverbreiteten stereotypen, antisemitischen Gleichsetzung von Juden mit den Trägern des sowjetischen Regimes traf dies vor allem Juden. Aber auch Ukrainer und Polen fielen hier an vielen Orten Gewalttaten zum Opfer", sagt Struve.

Besonders in Orten, in denen es im Juni 1941 im Zuge des Rückzugs zu sowjetischen Massenmorden an Gefängnisinsassen gekommen war, seien bei der Bergung der Leichen pogromartige Ausschreitungen gegen Juden entstanden, an denen die Milizen, aber auch Einwohner beteiligt gewesen seien. "Oft wurden sie von anwesenden deutschen SS- und Polizeieinheiten gefördert", so Struve. Nach der zweiten Jahreshälfte 1941 habe es aber keine wirkliche Zusammenarbeit zwischen der OUN und den Nationalsozialisten mehr gegeben.

Umland sagt, natürlich habe es unter den ukrainischen Nationalisten auch Antisemiten gegeben. Aber es sei vor allem ein Befreiungs-Nationalismus gewesen. "Ukraine über alles" habe einen anderen Kontext als "Deutschland über alles". Letztere sahen sich als Herrenrasse und wollten ihr Imperium ausweiten, erstere frei von sowjetischem, polnischem und deutschem Einfluss leben.

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Flaggen der Ukraine und der UPA/OUN. (Foto: picture alliance / Sipa USA)

Mit Blick auf die heutige ukrainische Bevölkerung sagt der Experte ntv.de: "Die meisten wissen von der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten, aber kontextualisieren das so, dass das situationsbedingt war." Ziel sei nicht gewesen, die Nazis zu unterstützen, sondern die ukrainische Unabhängigkeit zu erlangen. "Den Teufel mit dem Beelzebub austreiben" - ein Übel mit der Hilfe eines anderen Übels bekämpfen.

Die Rolle Banderas in der Westukraine

Auf dem Soldatenfriedhof Field of Mars in Lwiw sind schwarz-rote Fahnen heute sehr präsent. Die ukrainische Großstadt hat eine bewegende Geschichte. Sie liegt im historischen Galizien ganz im Westen der Ukraine und gehörte nach dem Ersten Weltkrieg zu Polen und dann ab 1939 zur Sowjetunion. 1941 folgten die deutschen Besatzer. Ab 1945 lag sie in der Sowjetrepublik Ukrainische SSR. Erst seit Ende 1991 ist die Ukraine unabhängig.

Lwiw ist heute der einzige Ort in der Ukraine, an dem es ein riesiges Denkmal für Stepan Bandera gibt. Wird da ein Antisemit aufgrund der Taten der von ihm angeführten OUN-B geehrt? Das ist bis heute Gegenstand von Diskussionen. "Es gibt wenig tatsächlich belegte oder schriftliche Äußerungen von Bandera. Soweit ich dies überblicke, sind hier keine antisemitischen Äußerungen belegt", sagt Struve. In den anderen Landesteilen der Ukraine, fernab des Westens, erhält Bandera deutlich weniger Beachtung oder auch Ablehnung.

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Das Bandera-Monument in Lwiw. (Foto: Robin Grützmacher)

Dass die OUN-B 1941, nur wenige Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, in Lwiw einen ukrainischen Staat ausrief, missfiel den Nationalsozialisten zutiefst und beendete die Zusammenarbeit. Denn die Deutschen sahen das Land als ihren Lebensraum an. Bandera wurde festgenommen und als Ehrenhäftling mit besseren Haftbedingungen ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht. "Obwohl er nicht völlig isoliert gewesen zu sein scheint, hatte er praktisch keinen Einfluss auf die UPA", so Struve.

1959 wurde Bandera in München vom sowjetischen Geheimdienst KGB erschossen. Dessen Vorgänger, der NKWD, war in der Nachkriegszeit der Hauptfeind der UPA. Zwei Brüder Banderas ermordeten die Deutschen 1942 in Auschwitz.

UPA-Massaker in Wolhynien

Die Historie der UPA ist ebenfalls nicht unbefleckt, auch wenn es bei ihrer Gründung 1942 längst zum Bruch mit den Deutschen gekommen war und diese bekämpft wurden. In der UPA waren zum Beispiel Männer organisiert, die einst von den Nazis in den Bataillonen Nachtigall und Roland ausgebildet wurden und mit ihnen in den Krieg gegen die Sowjetunion zogen.

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Der tote Stepan Bandera 1959. (Foto: picture alliance / SZ Photo)

Nachdem sich UPA und Nazis Gefechte geliefert hatten, gab es im Frühjahr 1944 laut Struve in manchen Gebieten eine Art Waffenstillstand und auch den Austausch von Informationen, als sich die sowjetische Armee näherte. "Es gab eine weitgehende antisowjetische Interessengleichheit, jedoch nur eine beschränkte Ideenkongruenz und keine stabile Kollaboration zwischen den Nazis und der UPA", sagt Umland.

"Das größte Verbrechen der UPA sind die Massenmorde an der polnischen Bevölkerung in Wolhynien im Jahr 1943, vor allem im Sommer 1943. Befehle dafür scheinen von einem regionalen Kommandeur der UPA ausgegangen zu sein", erklärt Struve. Den Massakern seien vermutlich 40.000 bis 60.000 Polen zum Opfer gefallen.

Weitere Gewalttaten an Polen habe es in Galizien gegeben. "Sie fanden auf Anweisung der Führung der UPA statt. Das Ziel war hier, Angst und Schrecken zu verbreiten, um die polnische Bevölkerung aus den gemischten ukrainisch-polnischen Territorien zu vertreiben." Die Zahl der Opfer werde auf 20.000 bis 25.000 geschätzt, so Struve.

UPA-Benennung erbost Polen

Dass die ukrainischen Nationalisten größtenteils zum Gegner der deutschen Nationalsozialisten wurden, macht ihre Schattenseiten nicht vergessen. Besonders in Polen will man über diese nicht hinwegsehen und warnt Kiew - Unabhängigkeitskampf hin oder her. Gleichzeitig sind in der Ukraine viele Menschen nicht gewillt, sich in ihr Gedenken für das damalige Freiheitsstreben hineinreden zu lassen. Eine umfassende, nachhaltige Aussöhnung macht das äußerst schwierig.

Der ukrainische Präsident Selenskyj, selbst jüdischer Abstammung, hatte zuletzt eine Militäreinheit nach der UPA benannt. Sein Bürochef Kyrylo Budanow reiste anschließend sofort zu Gesprächen ins verärgerte Nachbarland. "Für das polnische Volk ist die UPA vor allem das Symbol für Verbrechen, die an wehrlosen Zivilisten begangen wurden", hatte Polens Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz zuvor gesagt. Regierungschef Donald Tusk sprach von einer "Verletzung unserer historischen Sensibilität".

Der Streit wurde durch den Budanow-Besuch nicht beigelegt, sondern gipfelte in Selenskyjs Aberkennung des 2023 verliehenen Weißer-Adler-Ordens. Polens Präsident Nawrocki sagte dazu: "Ich möchte betonen, dass diese Entscheidung nicht gegen das ukrainische Volk gerichtet ist. Sie ändert nichts an der strategischen Ausrichtung der polnischen Sicherheitspolitik. Wir haben die Ukraine unterstützt und tun dies auch weiterhin."

Sowohl der ukrainische Außenminister Andrij Sybiha als auch Budanow kündigten an, polnische Auszeichnungen zurückzugeben. "Die Ukraine schreibt keinem anderen Volk vor, wie es seine Geschichte zu lehren oder zu bewerten hat. Daher behalten auch wir uns das legitime Recht auf unsere eigene nationale Erinnerung und Würde vor", hieß es von Budanow auf Telegram. Er sprach von einem unfreundlichen Akt Nawrockis und einem "Geschenk" für den Aggressor Moskau, der den Vorgang wahrscheinlich instrumentalisieren werde.

Polen hat seit dem russischen Angriffskrieg rund eine Million ukrainische Flüchtlinge aufgenommen und viele wichtige Waffensysteme und finanzielle Mittel für die Verteidigung gegen die russische Invasion geliefert. Ein tiefer Riss zwischen den politisch Verantwortlichen wäre fatal.

Laut Umland bedauern die Ukrainer, was in Wolhynien geschehen ist - und das wisse man auch in Polen. Selenskyj ist in der Vergangenheit auch zu Gedenkveranstaltungen ins Nachbarland gereist. Es sah so aus, als hätte man die Probleme damit endgültig hinter sich gelassen. Teile des heutigen polnischen Nationalismus versuchen dennoch, Stimmung gegen die Ukraine zu machen. Nawrocki ist laut Umland dabei das "Hauptproblem".

Auch Melnyk-Ehrung in der Kritik

Für weitere Aufregung sorgt, dass Selenskyj an einer Zeremonie für Andriy Melnyk teilgenommen hat. Dieser führte nach der Spaltung der ukrainischen Nationalisten 1940 den OUN-M-Flügel. Auch er hatte einst mit den Nationalsozialisten zusammengearbeitet, war dann aber in Ungnade gefallen und wurde von ihnen unter Hausarrest gestellt und dann ins KZ gebracht.

"In den Gebieten östlich der früheren polnisch-sowjetischen Grenze gewann zunächst die Melnyk-OUN Einfluss, allerdings beträchtlich geringer als die OUN-B in Galizien, da es hier keine Untergrundstrukturen der OUN gab. Hier setzte eine Verfolgung der Angehörigen der OUN-M durch die deutsche Sicherheitspolizei gegen Ende 1941 ein", sagt Struve.

Melnyk lebte später in Luxemburg und starb 1964. Seine Überreste wurden vor wenigen Wochen exhumiert und in die Ukraine gebracht. Umland hält Selenskyjs Teilnahme an der Veranstaltung für einen Fehler. Er hätte dem ukrainischen Staatschef empfohlen, das Thema nicht anzufassen und auf die "Geschichtspolitik" zu verzichten.

Die russische Propaganda nimmt das ukrainische Gedenken an die Nationalisten dankend auf. Sie werden im Kreml wenig verwunderlich auf die Zeit der Kollaboration mit den Nationalsozialisten reduziert, um eine angebliche Nazi-Problematik in der heutigen Ukraine herbeizureden. So soll der eigene Angriffskrieg legitimiert werden, der die gesamte Ukraine wieder russisch machen und vom Westen fernhalten soll. Vom ukrainischen Unabhängigkeitsstreben will man in Moskau damals wie heute nichts hören. Ebenso wenig von den vielen Verbrechen, die an den Ukrainern begangen wurden.

Keine relevante rechtsradikale Kraft in der Ukraine

In der Ukraine sind die Probleme mit Rechtsradikalismus und/oder Nazi-Verehrung gering. "Es gibt gegenwärtig keine relevante, rechtsradikale politische Kraft", sagt Struve. Aber natürlich sind einige wenige Unbelehrbare vorhanden. Am Soldatenfriedhof in Lwiw tauchen neben den vielen anderen Besuchern etwa 20 komplett in Schwarz gekleidete Teenager auf. Aus ihrer rechtsradikalen Gesinnung machen sie mit ihren Klamotten keinen Hehl, unter anderem ein Keltenkreuz ist zu sehen. Am selben Tag findet in der Stadt eine Kundgebung gegen eine LGBTQ-Veranstaltung statt.

In Lwiw oder auch Kiew gab es in der Vergangenheit Aufmärsche von einigen Hundert Rechtsradikalen, die der 14. Waffen-Grenadier-Division der SS "Galizien" gedachten. Diese bestand aus Einwohnern der Region, von denen einige dem Melnyk-Flügel der OUN nahestanden. Unter anderem aus der Selenskyj-Partei "Diener des Volkes" gab es an den Aufmärschen deutliche Kritik. Im von Deutschland ausgelösten Zweiten Weltkrieg starben nach Schätzungen bis zu acht Millionen Ukrainer. Zehntausende Juden erschossen die Nationalsozialisten beim Massaker von Babyn Jar im Norden Kiews.

Quelle: ntv.de

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